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Erkrankungen der Nebenschilddrüsen
Ungesunde Überaktivität

Die Referenten der Veranstaltung.
Die Referenten der Veranstaltung. FOTO: Brüderkrankenhaus
Ärzte des Brüderkrankenhauses Trier informierten über Diagnostik und Therapie erkrankter Nebenschilddrüsen

„Stein-, Bein- und Magenpein“, lernen angehende Mediziner schon im Studium und wissen fortan: Treten derlei Beschwerden auf, liegt wahrscheinlich eine Überfunktion der Nebenschilddrüse vor. Dann gelangt zu viel Kalzium ins Blut, woraufhin sich Nieren- und Gallensteine bilden können. Weil außerdem der Abbau der Knochen schneller voranschreitet als der Aufbau, droht eine Osteoporose. Dass auch die Magenschleimhaut angegriffen wird, sei indes eher selten, erläuterte Professor Dr. med. Stefan Weiner, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin II des Brüderkrankenhauses.

Kalzium, Osteoporose und der Einfluss der Nebenschilddrüsen standen im Zentrum einer von Professor Dr. med. Detlef Ockert, Chefarzt der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie moderierten Veranstaltung. Der machte gleich zu Beginn klar, welch immense Bedeutung den Nebenschilddrüsen zukommt – obschon doch viele Menschen von deren Existenz nicht wüssten. Die lediglich linsengroßen Drüsen produzieren das für Kalziumstoffwechsel und Phosphathaushalt wichtige Parathormon (PTH). Bezogen auf eine Stadt von der Größe Triers leiden rund 300 Menschen unter einem primären Hyperparathyreoidismus; womit es sich bei der Überfunktion der Nebenschilddrüse um die dritthäufigste Hormonerkrankung handelt.

Eine, die häufig nur per Zufall erkannt wird. Professor Weiner riet den Besuchern der Veranstaltung, bei Symptomen wie länger andauernder Abgeschlagenheit, Knochen- und Gelenkschmerzen oder auch Depressionen den Kalziumspiegel bestimmen zu lassen. Ist dieser zu hoch, sollte eine Bestimmung des PTH-Spiegels folgen. Da eine Überfunktion der Nebenschilddrüse heute oft schon in einem früheren Stadium diagnostiziert wird, treten „Stein-, Bein-, Magenpein“ nur noch selten auf; das Entstehen einer Osteoporose mit entsprechend erhöhtem Frakturrisiko ist jedoch eines der Hauptrisiken bei einer dauerhaft überaktiven Nebenschilddrüse.

Auch aufgrund ihrer geringen Größe kommt der bildgebenden Diagnostik von Adenomen eine besondere Bedeutung zu. Gutartige Adenome, also Wucherungen der eigentlich winzigen Nebenschilddrüse, bilden mit Abstand die häufigste Ursache einer Überfunktion. Da der Mensch in der Regel über vier Nebenschilddrüsen verfügt, besteht eine Herausforderung darin, das Adenom zu lokalisieren, erklärte Dr. med. Kim Biermann, einer der beiden Leiter der Sektion Nuklearmedizin des Zentrums für Radiologie, Neuroradiologie, Sonographie und Nuklearmedizin. Dies geschehe mittels Kombination aus Ultraschall und Nebenschilddrüsen-Szintigraphie, so Dr. Biermann. Dabei wird dem Patienten eine schwach radioaktive Flüssigkeit gespritzt, die sich in der überaktiven Nebenschilddrüse anreichert. Zusätzlich wird eine Aufnahme des Brustkorbs gemacht, denn auch hier kann – deutlich abweichend von ihrer eigentlich üblichen anatomischen Position – in seltenen Fällen ein Nebenschilddrüsenadenom vorliegen.

Ungeachtet diagnostischer Möglichkeiten bleiben Erfahrung und Fingerfertigkeit des Chirurgen weiter gefragt. Die Entfernung eines Adenoms gilt als Option erster Wahl, um eine Überfunktion in den Griff zu bekommen, so Dr. Fadie El Odeh, Oberarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie. Der Zugang für die OP erfolgt über einen kleinen Schnitt in Höhe der Schilddrüse. Obwohl überaktive Nebenschilddrüsen merklich vergrößert sind, gestaltet sich das Orten der kleinen Hormonproduzenten oft schwierig.

Ob tatsächlich nur eine Drüse von einer Wucherung betroffen war, überprüft der Chirurg noch während der OP anhand eines PTH-Schnelltests. Bleibt der erwartete massive Abfall des PTH-Spiegels aus, ist mindestens eine weitere Nebenschilddrüse überaktiv. Wenn man alle vier Drüsen entfernen muss, pflanzt der Operateur eine halbe in den Muskel des Unterarmes und kryokonserviert, sprich friert weiteres Gewebe in flüssigem Stickstoff ein. So kann bei Versagen der Replantation erneut Gewebe eingepflanzt werden. Wurden alle Adenome entfernt, ist der Patient geheilt.