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Wann die Schilddrüse operiert werden sollte und warum es hierfür besonders erfahrener Chirurgen braucht

Dünn wie ein Nähfaden und nur einen Millimeter dick ist der Stimmbandnerv. Für das bloße Auge schwer sichtbar, verläuft er gleich hinter der Schilddrüse. „Weshalb der Chirurg die Unterstützung von Stirnlampe und spezieller Lupe benötigt, um den zarten Strang sicher zu lokalisieren“, erläutert Dr. Fadie El Odeh.

Der Oberarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier darf den Nerv des Patienten auf keinen Fall treffen! Würde dieser verletzt, hätte der Betroffene länger oder schlimmstenfalls sogar dauerhaft mit Heiserkeit zu kämpfen. Es wäre eingetreten, wovor sich nicht wenige Patienten bis heute fürchten, obwohl es seit vielen Jahren nur selten vorkommt.

Jährlich werden in Deutschland rund 120.000 Menschen an der Schilddrüse operiert. "In den allerseltensten Fällen kommt es zu Komplikationen", betont Prof. Dr. Detlef Ockert, Chefarzt der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie. Die Zahl der Eingriffe, die an dem kleinen Organ mit der großen Bedeutung vorgenommen werden, liegt in etwa auf dem Niveau von Operationen des Blinddarms. Für Ockert, El Odeh und ihr Team sind Schilddrüsen-OPs damit so etwas wie Tagesgeschäft, doch Routine garantiert noch nicht, dass die Eingriffe auch wirklich erfolgreich sind. So braucht es besonders versierter Mediziner, die viel Erfahrung auf diesem Gebiet mitbringen; Chirurgen mit hervorragendem Fingerspitzengefühl, Operateure wie Ockert und sein Oberarzt.

Er komme als Chirurg meistens als letzter zum Einsatz, sagt El Odeh und weist so darauf hin, dass eine OP nur eine Option unter verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten von Schilddrüsenerkrankungen ist. So werden Unter- und Überfunktionen dieses Organs meist medikamentös behandelt und lassen sich auf diese Weise häufig in den Griff bekommen. Entwickelt sich beim Patienten jedoch ein Kropf und nimmt dieser bedenkliche Größenordnungen an, die nicht nur ästhetisch zum Problem werden, führt an einem Eingriff kein Weg mehr vorbei. Zwar handelt es sich beim Kropf oder Struma in aller Regel um eine gutartige Wucherung des Schilddrüsengewebes, doch kann diese zu spürbaren Beeinträchtigungen im Alltag führen. Treten beispielsweise Schluckbeschwerden oder Atemnot auf, oder hat der Patient das Gefühl, quasi ständig einen "Frosch im Hals" zu haben, ist chirurgischer Handlungsbedarf angesagt.
In den weitaus meisten Fällen wird die Schilddrüse komplett oder zumindest einer der beiden Lappen, in denen es zur Knotenbildung gekommen ist, entfernt. Anders als in früheren Jahren gehen die Chirurgen heute radikaler vor, das heißt, sie verzichten meist auf Teilentfernungen der Schilddrüse. "Damit vermeiden wir, dass sich beim Patienten in späteren Jahren erneut ein Kropf bilden kann. Das kann passieren, wenn er seine Medikamente abgesetzt oder nicht mehr konsequent genommen hat", erklärt Ockert. Früher sei es keine Seltenheit gewesen, dass Menschen ein zweites Mal eine Struma-Operation über sich ergehen lassen mussten. Sogenannte Rezidiv-Eingriffe sind indes aufwendiger und bergen ein höheres Risiko für Komplikationen. Zumal sich die Betroffenen meist in einem schlechteren Allgemeinzustand als bei der ersten OP befinden, allein schon aufgrund ihres meist dann fortgeschrittenen Alters.

Auch die Gefahr einer Verletzung des Stimmbandnervs wäre bei einem erneuten Eingriff eher höher, doch um das Risiko bei allen OPs zu minimieren, setzt Dr. El Odeh auf modernste Medizintechnik wie das Neuromonitoring. Dieses hilft ihm dabei, feinste Nerven von Bindegewebe oder anderen Blutgefäßen zu unterscheiden. Die besonders sensiblen Nerven zur Versorgung der Stimmbänder werden mit Elektroden gesucht und durch das Neuromonitoring-System identi-
fiziert und ihre Funktion überprüft.

Schutz der Nebenschilddrüsen

Die Patienten im Trierer Brüderkrankenhaus profitieren von diesen technologischen Möglichkeiten und der großen Erfahrung von Ockert und El Odeh. Das gilt auch für den Schutz der Nebenschilddrüsen: Nicht viel größer als ein Reiskorn, sind diese winzigen Drüsen maßgeblich für die Versorgung des Körpers mit Kalzium verantwortlich. Da sie aufgrund ihrer geringen Dimensionen, aber auch, weil sie bisweilen mit fettartigem Gewebe ummantelt sind, übersehen werden könnten, sind besondere Vorsicht und größtes Geschick gefragt. Würden alle oder mehrere Nebenschilddrüsen verletzt oder gar entfernt, geriete der Kalziumhaushalt des gesamten Körpers ins Wanken. Das wiederum hätte gravierende Folgen, vor allem Muskelkrämpfe bis hin zu Herzrhythmusstörungen.

Kompetente Operateure wissen derartiges zu verhindern, und sie haben noch mehr gute Gründe, den Patienten die Angst vor einer OP der Schilddrüse zu nehmen. So ermöglichen neuartige Verschweißungsgeräte und Clips einen fast blutungsfreien Eingriff. Bei kleineren Veränderungen der Schilddrüse kommt die Schlüsselloch-Chirurgie zum Einsatz, auch bei der Behandlung des sehr seltenen Schilddrüsenkrebses. Bei diesem Tumor, an dem bundesweit jährlich rund 7000 Menschen erkranken, kann die Chirurgie viel zur Lebensqualität und zum Überleben der Patienten beitragen. "Neun von zehn Menschen mit einem Schilddrüsentumor führen auch zehn Jahre nach der Diagnose noch ein gutes Leben", beziffert Ockert.

Oftmals reicht schon ein kleiner Schnitt, um einen Tumor im Frühstadium zu entfernen und so den Patienten dauerhaft zu heilen. Häufig entscheiden sich Menschen für eine OP, auch wenn noch nicht zweifelsfrei geklärt ist, ob es sich um eine gut- oder bösartige Veränderung im Schilddrüsengewebe handelt. Dr. El Odeh kann dies gut nachvollziehen: "Zwar ist nur ein Prozent aller Knoten bösartig, doch für den, den es trifft, sind es 100 Prozent."