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„Die Antikörper greifen viel tiefer in die Entzündung ein“
Warum Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa neue Hoffnung schöpfen dürfen

Die Referenten der Veranstaltung zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen: Dr. med. Jan Krahn, Dr. med. Nina Manderscheid, Prof. Dr. med. Christian Kölbel, Marion Stein und Dr. med. Michael Knoll.
Die Referenten der Veranstaltung zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen: Dr. med. Jan Krahn, Dr. med. Nina Manderscheid, Prof. Dr. med. Christian Kölbel, Marion Stein und Dr. med. Michael Knoll. FOTO: Brüderkrankenhaus Trier
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) beeinträchtigten Alltag und Lebensqualität der Betroffenen oft erheblich. Bei einer Informationsveranstaltung im Brüderkrankenhaus Trier wurde deutlich, dass die meisten Patienten auf eine langwierige Behandlung und intensive ärztliche Begleitung angewiesen sind. Doch für viele gibt es neue Hoffnung, sagt Professor Dr. med. Christian Kölbel, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin I, und erklärt, welche neuartigen Wirkstoffe Linderung versprechen und warum es wichtig ist, sich von einem Experten behandeln zu lassen.

Herr Professor Kölbel, Medikamente haben bei der Behandlung von Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung einen großen Stellenwert, doch nicht immer bringen Präparate die erhoffte Wirkung. Warum können die Betroffenen nun neue Hoffnung schöpfen?

Professor Dr. med. Christian Kölbel: Weil sich das Spektrum an Möglichkeiten auf diesem Gebiet in den vergangenen Jahren deutlich erweitert hat. Es gibt immer mehr Medikamente, die unterschiedliche Angriffspunkte haben und somit eine möglichst individualisierte Behandlung für jeden Patienten ermöglichen. Und weil es bei CED nicht die eine für alle Erfolg versprechende Therapie gibt, helfen uns diese neuen Möglichkeiten sehr viel weiter.

Sie sprechen von Antikörpern. Welchen anderen Wirkmechanismus unterscheidet diese vom bisher üblichen Arsenal an Präparaten?

Prof. Kölbel: Die Antikörper gehen direkt gegen die Entzündungsmediatoren vor, sprich gegen die entzündlichen Botenstoffe. Sie haben zudem den großen Vorteil, dass sie sehr viel tiefer in das Entzündungsgeschehen eingreifen und nicht auf Cortison basieren. Hinzu kommt: Ihre Wirkung dauerte meist einige Wochen an.

Wobei auch diese Medikamente nicht bei jedem wirken…

Prof. Kölbel: Das stimmt, und leider verfügen wir bis heute über kein Medikament, mit dem sich eine definitive Heilung dieser Erkrankungen erreichen ließe. Aber mit Tofacitinib bei Colitis ulcerosa und Ustekinumab bei Morbus Crohn, um nur zwei Beispiele zu nennen, gibt es seit kurzem Präparate, welche bei vielen Patienten eine kontinuierliche Verbesserung ihrer gesundheitlichen Verfassung bewirken können.

Welche Patienten werden mit derartigen Medikamenten behandelt?

Prof. Kölbel: Generell muss, wie bei allen bisher schon verfügbaren Behandlungsoptionen, betont werden, dass auch die neuen Medikamente nicht bei allen Patienten die gewünschte Wirkung erzielen werden. Die sehr teuren Präparate werden auch erst dann eingesetzt, wenn Medikamente auf Cortison-Basis versagt haben oder die Erkrankung initial durch eine hoch entzündliche Aktivität gekennzeichnet ist.

Wie lässt sich denn im Vorhinein feststellen, welches Medikament bei welchem Patienten am meisten Erfolg verspricht?

Prof. Kölbel: Der Einsatz dieses breiten Spektrums an Medikamenten setzt sehr viel Kenntnis und Erfahrung voraus. Dies kann also nur von einem Experten geleistet werden. Hinzu kommt: Sie müssen als Arzt auch die Nebenwirkungen kennen und erkennen, etwa eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte.

Auch der Chirurg ist ein wichtiger Akteur bei der Behandlung von CED. Welchen Beitrag leistet er?

Prof. Kölbel: Bei der Colitis ulcerosa werden Operationen notwendig, wenn Medikamente in lebensbedrohlichen Situationen versagen oder ein langjährige chronische Dickdarmentzündung bösartig wird. Beim Morbus Crohn liegt der Stellenwert vor allem, aber nicht ausschließlich, bei der Behandlung von narbigen Verengungen des Darms oder Komplikationen dieser komplexen chronischen Erkrankungen.