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Wenn das Blut nicht mehr richtig fließt

Die Kleinstadt Framingham in Massachusetts ist den wenigsten hierzulande ein Begriff, und doch hat die nach ihr benannte Studie auch Bedeutung für die Menschen in der Region Trier.

Über zwei Generationen wurde der Lebenswandel Tausender Bewohner und dessen Folgen für die individuelle Gesundheit erfasst und so schon in den 1960ern dokumentiert, was heute allgemein bekannt ist: Rauchen und Fettleibigkeit, Diabetes mellitus oder hoher Blutdruck erhöhen das Risiko für Gefäßleiden.

Trotz dieser frühen Erkenntnisse der "Framingham-Studie" rangieren Erkrankungen der Blutgefäße auch Jahrzehnte später unter den Todesursachen an vorderster Stelle, berichtete Frank Faßbinder, Facharzt im Zentrum für Radiologie, Neuroradiologie, Sonographie und Nuklearmedizin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Dass sehr viele Menschen betroffen sind, spiegelte auch die große Resonanz auf den "Gefäßtag 2016" des Brüderkrankenhauses wider. Bis auf den letzten Platz gefüllt war der Albertus-Magnus-Saal, und auch in Nebenräumen, wo ein Gesundheitscheck sowie Beratungen durch das Patienten-Informationszentrum (PIZ) und verschiedene Selbsthilfegruppen, Trierer Sanitätshäuser und Fachfirmen angeboten wurden, herrschte reges Treiben.

Den Auftakt der Vorträge bildete Dr. med. Christina Schneider, Oberärztin der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie und Sektionsleiterin Gefäßchirurgie des Zentrums für Gefäßmedizin im Brüderkrankenhaus. Anschaulich zeigte sie auf, weshalb sich auch hinter Bagatellverletzungen ernsthafte Gefäßerkrankungen verbergen können. Sind bei einer Wunde nach sechs bis acht Wochen fachgerechter Behandlung keine Heilungstendenzen festzustellen, gilt diese als chronisch. Ursachen hierfür können Durchblutungsstörungen, Venenschwäche, ein Immundefizit, Tumorleiden oder schlicht das Alter sein.

Tatsächlich gilt das Alter - neben dem männlichen Geschlecht und einer etwaigen familiären Vorbelastung - als einer von drei unausweichlichen Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen, erläuterte Frank Faßbinder. Sowohl in den Arterien als auch in den Venen droht bei vielen Menschen über kurz oder lang ein Verschluss, wobei sich die jeweiligen Durchblutungsstörungen in höchst unterschiedlichen Ausprägungen zeigen: führen sie in den Arterien zu einem "zu wenig" an Blut in den Beinen und infolgedessen zu blasser und kühler Haut, haben Menschen mit Venenleiden mit einem "zu viel" an Blut zu kämpfen; eine Folge sind blaue und geschwollene Beine.

Eine Thrombose im Bein kann in seltenen Fällen sogar zum Hirnschlag führen

Bildet sich ein Blutgerinnsel in einem Blutgefäß, spricht man von einer Thrombose, wie sie meist in Venen auftritt. Schwellungen, Schmerzen und Verfärbungen sind Symptome, die Folgen sind oft schwerwiegend, erklärte Dr. med. Elke Lenz. Die Oberärztin der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie veranschaulichte anhand von Fotoaufnahmen, wie folgenreich zum Beispiel ein sogenanntes postthrombotisches Syndrom sein kann.

Hierbei kann es zu einem Funktionsverlust der Venen kommen, was wiederum eine Störung des Rücktransportes des Blutes zum Herzen zur Konsequenz hat. Wassereinlagerungen im Gewebe, sprich Ödeme, aber auch eine Verhärtung der Haut sowie die Entstehung von Geschwüren sind Folgen, und hierbei handelt es sich beileibe nicht nur um ein ästhetisches Problem. Da die Gefäße den gesamten menschlichen Organismus durchziehen, lassen sich Störungen im Blutkreislauf meist nicht auf eine Teilregion des Körpers beschränken. Tritt zum Beispiel im Bein eine Thrombose auf, kann diese im ungünstigsten Krankheitsverlauf zu einem Hirnschlag führen. Auch deshalb warnten die Experten des "Gefäßtags" unisono davor, bestimmte Symptome wie chronische Wunden auf die leichte Schulter zu nehmen. Vielmehr sei eine rasche Abklärung angezeigt, um frühzeitig eine Therapie starten zu können.

Von Fuß bis Kopf den eigenen Körper im Blick zu behalten, dazu riet auch Dr. med. Bernd Liesenfeld in seinem Vortrag zum "diabetischen Fuß." Aus langjähriger Erfahrung weiß der Oberarzt der Abteilung für Innere Medizin II des Brüderkrankenhauses, dass den Füßen längst nicht die Bedeutung beigemessen wird, die ihnen gebührt - "dabei tragen sie uns durchs Leben", gab Liesenfeld zu bedenken.

Jährlich werden bundesweit mehr als 20.000 Zehen und auch ganze Gliedmaßen amputiert, in rund 95 Prozent der Fälle muss es nicht so weit kommen, bezifferte der Mediziner. Wird beispielsweise ein Diabetes frühzeitig erkannt und behandelt, lassen sich die Schädigungen der winzigen Nervenbahnen in Beinen und Füßen in der Regel noch vermeiden oder zumindest beschränken. Denn hierin liegt die eigentliche Gefahr - die Kombination aus Schmerzfreiheit, die Folge besagter Nervenschädigungen ist, und unangemessenes Schuhwerk, das zu Druckstellen oder Hautreizungen führt. Ein simpler Rat des Experten: eine tägliche Fußinspektion, insbesondere bei neuem Schuhwerk. Fallen hierbei Druckstellen oder Wunden auf, oder aber Verletzungen, die sich zuvor noch nicht schmerzhaft bemerkbar gemacht haben, sollte der Betroffene alarmiert sein; hinter der Schmerzfreiheit könnte sich ein Nervenleiden verbergen.

Breites Behandlungsspektrum, enge Abstimmung

Sind Wunden aufgetreten, kommt es entscheidend auf deren fachgerechte Behandlung an. Hierbei reicht das Spektrum heute von altbewährten Verfahren wie regelmäßigen Verbandswechseln bis zu ultraschall-assistiertem Wunddebridement, bei dem die Wunde gereinigt wird. Ob silberhaltige Wundauflagen, denen eine antimikrobielle Wirkung nachgesagt wird, der Einsatz von Aktivkohle oder biologische Behandlungen, bei denen Maden Wunden reinigen helfen - das moderne Therapiespektrum ist vielseitig. Auch die enge Abstimmung zwischen niedergelassenen Allgemein- und Fachmedizinern sowie Gefäßchirurgen und Internisten hilft, ein möglichst gutes Abheilen zu ermöglichen.

Im Zentrum für Gefäßmedizin des Brüderkrankenhauses arbeiten Experten verschiedener Abteilungen Hand in Hand, um Gefäßleiden auf die Spur zu kommen und nach einer umfassenden Diagnose eine abgestimmte und zielführende Therapie in die Wege zu leiten. "Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber vielleicht Ihr Arzt", appellierte Dr. Christina Schneider an die Besucher des "Gefäßtags", nicht wertvolle Zeit verstreichen zu lassen, sondern möglichst früh den Rat der Medizin einzuholen.