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Fernabfrage über Nacht
Wie Herzpatient Bernd Schuster von den Möglichkeiten der Telemedizin profitiert

FOTO: Brüderkrankenhaus
„Invictus“ steht auf dem grünen Band, „unbesiegbar“. Bernd Schuster trägt es an seinem Handgelenk, doch verkörpert er die Botschaft auch in seiner Person: Nicht unterkriegen lassen, lautet seine Devise, und weil der Kenner eine Kämpfernatur ist, hat er sich trotz etlicher Schicksalsschläge nie geschlagen gegeben.

Rückblende: Am Abend des 1. August 2000 nimmt das Leben des damals 17-Jährigen eine dramatische Wendung. Bernd Schuster ist mit seinem Roller auf dem Heimweg nach Kenn unterwegs, als er kurz vor dem Ortseingang des Trierer Stadtteils Ruwer mit dem unbeleuchteten Anhänger eines abbiegenden Traktors kollidiert. Derart massiv ist der Aufprall, dass der junge Mann lebensgefährliche Lungen- und Kopfverletzungen davon trägt.

Eigentlich hatte Bernd Schuster am darauffolgenden Tag seine Ausbildung bei einem Trierer Schaltanlagenbauer aufnehmen sollen, stattdessen verbringt er nun Wochen und Monate im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Hier kämpfen er und die Ärzte um sein Leben. Erst rund sechs Wochen nach dem Unfall wird Bernd Schuster aus dem künstlichen Koma geweckt. Er wird wieder lernen müssen, selbstständig laufen zu können, und auch beim Sprechen habe ihr Sohn quasi bei null begonnen, erzählt Bettina Schuster.

An einem Novembertag 2018 sind die Beiden gemeinsam ins Brüderkrankenhaus gekommen. Bernd Schuster kann sich heute wieder mitteilen und auch ohne Gehhilfen fortbewegen. Doch er ist körperlich schwer beeinträchtigt und wird es aller Voraussicht nach sein Leben lang bleiben, und auch sein Kurzzeitgedächtnis lässt ihn bisweilen im Stich. Doch ihr Sohn klage nie, sagt seine Mutter. Tatsächlich ist der 35-Jährige im Gespräch bestens aufgelegt. Nur einmal, und nur für einen kurzen Moment, wirkt Bernd Schuster nachdenklich – als er von seiner täglichen Fahrt mit dem Bus zur Lebenshilfe in Trier-Euren berichtet: „Immer wenn ich in Ruwer an der Stelle vorbeikomme, wo es passiert ist, schaue ich automatisch weg und auf die andere Seite.“

Digitale Datenübertragung ins Brüderkrankenhaus

Schwerste Kopf- und Lungenverletzungen hatten die Notfallmediziner im Brüderkrankenhaus gleich nach dem Unfall diagnostiziert, doch Wochen später dann der nächste Schlag: Bernd Schusters Herzleistung ist drastisch reduziert, auf nur noch rund 35 Prozent beziffern ihn die Kardiologen. Bei der Ursachenforschung stoßen sie auf eine weitere schwerwiegende Folge des Unfalls: Bernd Schuster erlitt beim Aufprall offenbar einen Vorderwandinfarkt und bildete ein Aneurysma. Die schwache Herzleistung stellt eine ernsthafte Gefahr dar; was, wenn das Herz einmal aussetzt?

Dann würde ein implantierbarer Cardioverter-Defribrillator (ICD) einen kleinen Stromstoß abgeben, um seinen Herzschlag zu stimulieren und sofort wieder zum Schlagen zu bringen. Bernd Schuster wurde dieser „Defi“ 2011 im Brüderkrankenhaus eingesetzt. Käme es tatsächlich zu Auffälligkeiten oder gar einem Schock, sprich Stromstoß, würde das Team der Rhythmologie davon umgehend erfahren. Denn dank Telemedizin werden Bernd Schusters „Defi“ und damit auch sein Herz quasi rund um die Uhr überwacht.

Gut möglich, dass Wilma Thinnes-Giessbrecht als erste die digital übertragene Meldung lesen würde. Sie und ihre Kollegin Margret Thiel von der Diagnostik Innere (DI3) des Brüderkrankenhauses werfen mehrmals täglich einen Blick in das System, in dem die Daten sämtlicher telemedizinisch betreuten Patienten hinterlegt sind. Jede Nacht werden die Aufzeichnungen ausgelesen und gespeichert; einmal im Quartal erfolgt dann so etwas wie eine Fernabfrage: An einem festen Termin werden sämtliche, in den vorangegangenen drei Monaten aufgezeichnete
Defi-Daten ans Brüderkrankenhaus übermittelt.

Bernd Schuster und die insgesamt rund 700 weiteren Patienten, die auf diese Weise telemedizinisch betreut werden, bekommen hiervon erst einmal nichts mit; denn die Übermittlung erfolgt automatisch und sozusagen im Schlaf über einen Transmitter, der bei Bernd Schuster in der Nähe seines Bettes steht.

Wilma Thinnes-Giessbrecht ruft Schusters Daten auf. Es werden keine „Ereignisse“, wie die besonderen Vorkommnisse genannt werden, angezeigt. Wenige Tage nach dem jeweiligen Quartalsbericht wird der Patient es auch Schwarz auf Weiß haben – alles bestens, kein Grund, um im Brüderkrankenhaus vorstellig zu werden, wird er in einem Schreiben erfahren. Wäre ein Batteriewechsel angezeigt oder hätte das System doch bedenkliche Arrhythmien festgestellt oder gar einen Stromstoß aussenden müssen, würde mit einiger Sicherheit schon bald das Telefon in Kenn klingeln mit der Bitte, ins Brüderkrankenhaus zu kommen. Alle telemedizinischen Berichte werden von Chefarzt Dr. Voss oder dessen Oberarzt Dr. med. Sven Kathöfer gegengelesen. Auf dieser Grundlage entscheiden die Ärzte bei jedem einzelnen Patienten, ob dieser zu einer Abklärung in die Rhythmologie kommen muss.

Gerade für Patienten, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder einen weiten Anfahrtsweg zum Brüderkrankenhaus haben, ist die Telemedizin ein Segen. Denn statt zweimal im Jahr müssen sie nur noch einmal jährlich in die Ambulanz kommen, um die Funktionsfähigkeit ihres „Defis“ checken zu lassen. Mehr noch: Die Überwachung ist nun deutlich engmaschiger als in früheren Jahren, denn jedes Quartal werden die Daten der vorangegangenen drei Monate ausgelesen und analysiert. „Der Patient ist sehr gut überwacht und damit auch bestens versorgt“, sagt Wilma Thinnes-Giessbrecht.

Auch die Schusters wissen die Telemedizin zu schätzen. „Ich fühle mich einfach sicherer“, sagt der Sohn, und die Mutter berichtet, wie sie einmal doch einen Anruf aus dem Brüderkrankenhaus bekam: „Wir hatten offenbar einen kurzen Stromausfall im Haus gehabt, von dem ich aber gar nichts mitbekommen hatte.“ Im sieben Kilometer Luftlinie entfernten Brüderkrankenhaus hatte man die Meldung bekommen, dass das System offenbar keine Daten mehr aufzeichnete. Die Erklärung: Infolge des Stromausfalls musste das Gerät neu konfiguriert werden. Ein Anruf, und der Defi funkte wieder einwandfrei.

Bernd Schusters Herz schlägt für die „Gladiators“, Basketball ist seine Leidenschaft. Vor seinem schweren Unfall übte er den Sport auch selbst aus. Heute verpassen die Beiden kein Heimspiel des Trierer Zweitligisten, auch zu Auswärtsspielen fahren sie mit schöner Regelmäßigkeit. Und wenn alles gut läuft für die Trierer Gladiatoren, wird Bernd Schuster am Ende der Partie wieder seine Faust ballen und sein Motto hochhalten: „Invictus“