| 21:16 Uhr

Moskau
Das Standard-Rezept wird wichtiger denn je

Standard bei dieser WM – Elfmetertore, wie hier durch den Tunesier Ferjani Sassi gegen England.
Standard bei dieser WM – Elfmetertore, wie hier durch den Tunesier Ferjani Sassi gegen England. FOTO: dpa / Frank Augstein
Moskau. Elfer, Freistöße, Ecken – die Hälfte aller Tore fällt nach ruhenden Bällen. Die Gründe dafür sind vielfältig.

(dpa) Kuriose Neuerungen wie Thomas Müllers Stolper-Frei­stoßtrick von der WM 2014 gab es in Russland noch nicht zu bewundern. Und doch werden die Standardsituationen für alle Teams immer wichtiger: Rund die Hälfte aller Tore fiel in der ersten Weltmeisterschafts-Woche nach Ecken, durch Freistöße oder Elfmeter. Ein erfolgreiches Rezept für die ruhenden Bälle kann zum Titel-Geheimnis werden. „Der Fokus verschiebt sich im Fußball“, analysierte 2014er-Weltmeister Christoph Kramer den Trend im ZDF. „Inzwischen stehen fast alle Teams defensiv gut, es wird immer schwerer, offensiv etwas zu kreieren.“

Als Blaupause diente der 2:1-Erfolg Englands gegen Tunesien am Montagabend: Harry Kane traf zweimal jeweils nach einer Ecke für die Three Lions, die Nordafrikaner glichen durch einen Foulelfmeter aus. Insgesamt wurden an den ersten sechs Turniertagen bereits sechs Strafstöße verwandelt – schon die Hälfte der Elfmetertore der kompletten WM vor vier Jahren in Brasilien. „Die Bedeutung von Standards hat sich unglaublich vergrößert, und jedes Team nutzt sie als wertvolles Angriffstool in seinem Team“, schrieben die Fifa-Analytiker damals in ihrem technischen Bericht. „Die verteidigenden Teams versuchen, jegliche Freistöße nahe ihres Strafraums zu vermeiden, weil sie sich der großen Gefahr bewusst sind.“

Portugals Cristiano Ronaldo, Russlands Alexander Golowin und der Serbe Aleksandar Kolarov versenkten ihre Freistöße direkt – damit war bereits früh der Wert der Weltmeisterschaft 2014 erreicht. Dabei machen sich die Scharfschützen auch die Flugeigenschaften des WM-Balls Telstar 18 zunutze. „Wir sind die Opfer der Fifa und des Fußballs, der sich immer weiter entwickelt“, klagte Ägyptens Ersatztorwart Essam Al-Hadari bereits über das Spielgerät.

Und auch andere technische Neuerungen unterstützen den Standard-Trend. Das Freistoßspray, das 2014 seine WM-Premiere feierte, sorgt für den entsprechenden Abstand der Mauer. Und die Videotechnik entlarvt übersehene Elfmeter – alleine drei Strafstöße wurden in Russland erst nach Intervention des Video-Assistenten gegeben. So fielen in den ersten 14 Spielen 16 von 32 Toren (50 Prozent) nach Standardsituationen. Die Quote erhöhte sich dann noch nach dem Spiel zwischen Kolumbien und Japan.

„Wir arbeiten im Training an genau diesen Elementen“, berichtete Real Madrids Superstar Luka Modric über die kroatische Taktik, die zum 2:0 gegen Nigeria führte. Ein Eigentor nach Ecke und der Foulelfmeter von Modric entschieden die Partie. „Ecken und Elfmeter sind wesentlicher Bestandteil des Fußballs“, sagte Kroatiens Coach Zlatko Dalić. „Es ist egal, wie du triffst – was zählt ist, dass du triffst.“

So setzte Joachim Löw vor vier Jahren auf den kreativen Freigeist seiner Spieler, die selbst Standardvarianten entwickeln durften. Müllers geplanter Stolperer vor einem Freistoß, der Algerien im Achtelfinale verwirren sollte, wurde weltberühmt. Dieses Jahr wählte das Betreuer-Team einen etwas konservativeren Ansatz im Training. Doch auch Weltmeistercoach Löw weiß: „Es wird ein wichtiges Thema sein, aus Standards kann man viel machen.“

(dpa)