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Kommentar
Ein Franzose beeindruckt Amerika mit klaren Worten

Washington. Emmanuel Macron hat so ziemlich alles ertragen, was ein Staatsbesucher im Revier Donald Trumps zu ertragen hat. Es gipfelte darin, dass er sich ein tapferes Lächeln abquälte, als ihm der Gastgeber eine Schuppe vom Revers wischte, jedenfalls etwas, von dem Trump behauptete, es sei eine Schuppe. Ansonsten tut der Lieblingseuropäer des US-Präsidenten alles, um die Eitelkeit seines Gastgebers zu streicheln. So viel Händeschütteln, so viel Schulterklopfen, so viele Männerküsse hat man lange nicht erlebt im Weißen Haus. Von Frank Herrmann

Mag sein, dass das Ergebnis dem Franzosen am Ende Recht geben wird. Vielleicht gelingt es ihm tatsächlich, Trump den Ausstieg aus dem Atomabkommen mit Teheran auszureden. Vielleicht hat Macron den richtigen, realistischen Ansatz gefunden, wenn er eine Art dritten Weg anbietet, eine Zusatzvereinbarung, die Trumps Kritik aufgreift, ohne das Ursprungspapier anzutasten. Ein Präsident, der grundsätzlich allem misstraut, was sein Vorgänger Barack Obama unterschrieb, hätte dann zumindest das Gefühl, dass die Akte Iran nunmehr seinen Stempel trägt.

Allerdings geht Macron auch ein hohes persönliches Risiko ein. Wie einst Tony Blair versucht er, enge Bande zu knüpfen zu einem Amerikaner, mit dem ihn politisch nur wenig verbindet. Auch um die Nähe zu George W. Bush zu unterstreichen, hat der britische Premier sein Land in den Irakkrieg geführt. Nur wer auf der Schulter des Riesen sitze, hat er argumentiert, könne dem Riesen etwas ins Ohr flüstern, ihn lenken, zumindest beeinflussen. Es endete damit, dass Blair als Bushs Pudel in die Annalen einging.

Gewiss, der Vergleich mag hinken, doch die Fallstricke sind nicht zu übersehen. Zumindest scheint sich Macron der Gefahren bewusst zu sein. Hatte er, der bekennende Internationalist, den Nationalisten Trump am Dienstag noch umgarnt, so hielt er tags darauf vor beiden Kammern des Kongresses ein flammendes Plädoyer gegen isolationistische Engstirnigkeit. Beeindruckend, mit welch klaren Worten der Gast aus Paris vor der Versuchung billiger Rezepte à la „America first“ warnte. Es dürfte all jene beruhigt haben, die ihn schon auf dem Weg sahen, Trumps Schoßhund zu werden. Gut so, denn im Denken des früheren Immobilienmoguls Trump ist jede politische Beziehung ein Geschäft für sich und damit erneut verhandelbar, wenn es die eigenen Interessen gebieten. Sich allzu demonstrativ mit ihm zu verbrüdern, birgt das Risiko, dass man sich am Ende nur blamiert. Siehe Blair.

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