Wawern/Düdelingen: Einst Dortmund, jetzt Düdelingen

Wawern/Düdelingen : Einst Dortmund, jetzt Düdelingen

Fußball: Marc-André Kruska galt als großes Talent, sogar Real Madrid klopfte an. Doch die Karriere verlief nicht linear. In Luxemburg hat der 31-Jährige, der in der Region Trier wohnt, ein spätes Glück gefunden. Heute geht’s gegen Piräus.

Einmal Fußballer, immer Fußballer. Wenn Marc-André Kruska Langeweile hat, schaut er gerne mal auf der Internetseite von Fupa Rheinland nach, wo in der Nachbarschaft seines aktuellen Wohnorts Wawern (Kreis Trier-Saarburg) ein Kreisliga-Spiel ansteht, das er sich anschauen könnte.

Allzu viel Freizeit hat der 31-Jährige derzeit aber nicht. Kruska ist voll im Geschäft. Mit dem luxemburgischen Meister F 91 Düdelingen kämpft er nicht nur um die Titelverteidigung, er schreibt auch weiter am Märchen in der Europa League. Am heutigen Donnerstag empfängt das Team von Trainer Dino Toppmöller im hauptstädtischen Stade Josy Barthel in der Gruppe F Olympiakos Piräus (18.55 Uhr). „Alle denken, dass wir in dieser Partie die größte Chance haben, zu punkten. Vielleicht ist es tatsächlich ein guter Zeitpunkt, etwas zu holen. Aber natürlich brauchen wir das nötige Matchglück“, sagt Kruska, den der TV zum Gespräch in einem Café in Tawern traf.

Kruska hat im Fußball schon viel erlebt. Mit 18 Jahren bekam er die Fritz-Walter-Medaille verliehen, mit der herausragende Talente ausgezeichnet werden. Er ist einer der jüngsten Bundesliga-Torschützen der Geschichte und absolvierte zwischen 2004 und 2008 knapp 100 Bundesliga-Spiele für Borussia Dortmund. Er war Kapitän der deutschen U-21-Nationalmannschaft an der Seite von Mitspielern wie Manuel Neuer, Toni Kroos oder Mesut Özil.

Mit Dortmund hat er 2005 im UI-Cup gegen Sigma Olmütz gespielt. Später, 2009 beim FC Brügge, kam er nicht zum Einsatz, als die Belgier in der Europa-League-Qualifikation auf Lech Posen trafen. Der Mittelfeldstratege, der einst als eines der hoffnungsvollsten Talente im deutschen Fußball galt, hatte Europapokal-Ambitionen eigentlich schon begraben.

Bis nach Stationen bei Energie Cottbus (2009 - 2014), beim FSV Frankfurt (2014 - 2016), beim SC Paderborn (2016 - 2018) und Werder Bremen II (2018) im zurückliegenden Sommer der Anruf von Erwin Bradasch kam. Der Ex-Spieler von Eintracht Trier ist Co-Trainer in Düdelingen und Scout von Werder. Bradasch wusste, dass Kruskas Vertrag beim Drittliga-Team des SVW auslief. „Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, nach Düdelingen zu kommen. Ehrlich gesagt dachte ich zunächst: Eher nicht!“, erinnert sich Kruska.  Doch er  schaute sich alles an – und sagte dann gleich für drei Jahre zu.

„Ich bin mit dem Ziel nach Düdelingen gekommen, in der Europa League zu spielen. Dino und Erwin haben gesagt, unbedingt die Qualifikation schaffen zu wollen“, nennt Kruska seine Motivation. Um das Ziel zu erreichen, brauchte es erst eine Enttäuschung. Das Aus in der ersten Champions-League-Qualifikationsrunde gegen Vidi aus Ungarn. Kruska: „Wir waren nicht schlechter, wussten aber um unsere zweite Chance in der Europa-League-Quali.“ Nach dem historischen Einzug in die Gruppenphase „explodierte“ Kruskas Handy – die Zahl der Glück­wünsche stieg ins Unermessliche.

„Ich bin ein bodenständiger Mensch“, sagt Kruska, der die Ruhe in Wawern mag und unbehelligt durch den 580-Einwohner-Ort gehen kann. Einzig sein Auto mit Castroper Kennzeichen erzeugt Aufmerksamkeit. Ihm gefallen die Weinberge in der Umgebung („Auch wenn ich kein Alkohol trinke.“). Und er saß schon im Trierer Amphitheater – für ein Interview mit dem Sport-Streamingdienst DAZN.

Seine Frau Naomi und Söhnchen Jaro (4) leben weiterhin in Kruskas Heimat Castrop-Rauxel – von dort werden heute Abend auch ein paar griechische Fans im Stadion sein. Die ersten beiden Europa-League-Auftritte gegen den AC Mailand (0:1) und bei Betis Sevilla (0:3) haben für bleibende Erinnerungen gesorgt. „Die Spiele waren etwas ganz Besonderes. Die Euphorie, das Drumherum, das volle Stadion in Sevilla. In Luxemburg sind viele Leute normalerweise eher gegen uns, weil wir als Bayern München des Landes gelten. Jetzt, in der Europa League, drücken uns aber viele die Daumen.“

26072018 UEFA Europa Ligue Tour 3 F91 Dudelange - Legia Warszawa Marc André Kruska (F91DUD); José Kanté 19 ( Legia Warszawa) Photo: Jeff Lahr. Foto: Editpress/Jeff Lahr

Der Schnitt zum Liga-Alltag in Luxemburg mit nur wenigen Hundert Zuschauern ist hart. Kruska: „Man muss sich an die Bedingungen gewöhnen, etwa auch an teilweise sehr schlechtes Flutlicht. Aber ich habe in all den Jahren gelernt, die Atmosphäre bei einem Fußball-Spiel auszublenden.“ Kruska denkt nicht darüber nach, was er womöglich noch alles hätte erreichen können. Wenn er beispielsweise als 21-Jähriger ein Angebot von Real Madrid angenommen hätte. Oder wenn er sich kurz vor der U-21-Europameisterschaft 2009 nicht verletzt hätte – und er zuschauen musste, wie seine Kollegen den Titel gewannen: „Fußball ist nicht planbar. Und das Geschäft wird immer schwieriger. Jedes Jahr, in dem ich Profifußball spielen darf, ist etwas Besonderes. Wenn ich zum Ende meiner Karriere die Zahl von 400 Profi-Spielen in der ersten, zweiten und dritten Liga erreiche, bin ich hochzufrieden. Das schaffen nicht viele.“

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