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Pokljuka
Kampf um Glaubwürdigkeit

Wegen eines Doping- und Korruptionsskandals liegt ein Schatten auf dem Biathlon-Sport.
Wegen eines Doping- und Korruptionsskandals liegt ein Schatten auf dem Biathlon-Sport. FOTO: dpa / Ralf Hirschberger
Pokljuka. Millionen Deutsche fiebern vor dem Fernseher mit, wenn die Biathlon-Stars laufen und schießen. Doch die populäre Wintersportart steckt in der Krise.

Der neue Präsident des krisengeschüttelten Biathlon-Weltverbands IBU wäre beim Saison-Auftakt am Sonntag sicher ein gefragter Mann gewesen. Bei Sportlern und Journalisten. Doch Olle Dahlin musste nach einem Beinbruch und anschließender Operation seine Reise nach Pokljuka absagen. Dabei ist der interne Doping- und Korruptionsskandal genauso wenig aufgeklärt wie der Dopingskandal um Russland. Und mit den vor einer Woche suspendierten neun Kasachen steht unmittelbar vor dem Saisonstart das nächste Ungemach ins Haus.

Doch Olympiasieger Arnd Peiffer gewinnt dem Ganzen auch etwas Positives ab. Die massiven und erschütternden Vorwürfe gegen die IBU seien ein reinigendes Gewitter gewesen. Ohne den Skandal hätte es viele positive Entwicklungen, auch zugunsten der Athleten, nicht gegeben. „Bis jetzt sind wir nur das Produkt des Ganzen und haben gar nichts zu melden, das hat sich geändert. Wir können jetzt was bewegen“, sagte Peiffer vor den beiden Mixed-Staffeln zum Auftakt am Sonntag in Slowenien (12 Uhr und 14.30 Uhr/ZDF und Eurosport).

Der im September als neuer Präsident gewählte Schwede Dahlin soll die IBU aus ihrer schwersten Krise führen. Unter Ex-Präsident Anders Besseberg, der 25 Jahre im Amt war und alle Vorwürfe bestreitet, sollen möglicherweise neben Bestechungsgeldern für die WM-Vergabe ans russische Tjumen 2016 auch russische Dopingsünder gedeckt und 65 Doping-Proben vertuscht worden sein. Seit Ende 2017 ermittelt die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft Österreichs.

„Dahlins Wahlprogramm war vielversprechend, und ich hoffe, dass er das mit Transparenz umsetzt, die Vergangenheit aufarbeitet und die IBU mit Weitsicht in die Zukunft führt“, sagte Erik Lesser.

Dahlin war in den vergangenen vier Jahren unter Besseberg Vize-Präsident, trat dabei jedoch nicht als Aufklärer und Reformer in Erscheinung. Bei seiner Wahl versprach er aber Transparenz und einen harten Anti-Doping-Kampf.

Deutschland ist mit Franz Steinle, Präsident des Deutschen Skiverbands, im sechsköpfigen Vorstand vertreten. Ex-Athlet Daniel Böhm sitzt als Athletenvertreter in der technischen Kommission wie auch der frühere Damen-Bundestrainer Gerald Hönig. Zudem ist der zweimalige Weltmeister Lesser neben Frankreichs Superstar Martin Fourcade, Aita Gasparin aus der Schweiz und der US-Amerikanerin Clare Egan ins Athletenkomitee gewählt worden.

Und dieses hat deutlich an Einfluss gewonnen. Denn auf Drängen der Athleten hat Egan als Komitee-Vorsitzende ohne Wahl einen Sitz im Exekutiv-Komitee der IBU. „Wir haben jetzt endlich eine Stimme. Jetzt wissen wir, wie es innen in der IBU aussieht“, sagte Lesser.

Seit der Neuwahl ist die IBU um Transparenz bemüht. Zumal im Juni das Internationale Olympische Komitee (IOC) vorübergehend alle Zahlungen an die IBU eingestellt hatte. Die IBU arbeitet nun mit der International Testing Agency zusammen. Die eigene Krise um Korruption und Dopingvertuschung soll eine unabhängige externe Kommission unter der Führung des britischen Anwalts Jonathan Taylor aufarbeiten.

Bei der Causa Russland stellt der Weltverband ebenfalls hohe Hürden. Der russische Verband muss für eine Rückkehr als vollwertiges IBU-Mitglied zwölf strenge Kriterien erfüllen. Zudem werden bis mindestens 2022 keine Biathlon-Wettkämpfe in Russland stattfinden.

Kurz vor dem IBU-Kongress im September waren neben den Olympiasiegern Jewgeni Ustjugow und Svetlana Slepzowa noch zwei weitere Russen wegen des Verstoßes gegen die Anti-Doping-Regeln beschuldigt worden. Gut möglich, dass die mit Silber dekorierten Lesser, Böhm, Peiffer und Simon Schempp nachträglich noch Olympia-Gold von Sotschi 2014 zugesprochen bekommen – wenn Ustjugow des Dopings überführt wird.