Wirtschaft: Weicher oder harter Brexit? „Unsicherheit ist Gift“

Wirtschaft : Weicher oder harter Brexit? „Unsicherheit ist Gift“

Das brisante Thema birgt noch viele Fragezeichen. Das treibt die Wirtschaft in Rheinland-Pfalz um.

Nicht nur Großbritannien, auch die rheinland-pfälzische Wirtschaft schaut gebannt auf die weitere Entwicklung rund um den Brexit. Am 15. Januar steht die Abstimmung im britischen Unterhaus über den von Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelten Vertrag an. Noch ist auch ein ungeregelter Austritt – ein harter Brexit – möglich. Entsprechend herrsche Unsicherheit bei den Unternehmen hierzulande, sagt Frank Panizza, Brexit-Experte der Industrie- und Handelskammer (IHK) für die Pfalz und Teil des Brexit-Teams der IHK-Arbeitsgemeinschaft im Land. „Und Unsicherheit ist Gift für Unternehmen“, betont Panizza.

Ein harter Brexit wäre definitiv eine „plötzliche und radikale Änderung“, unter der einige Branchen stark leiden würden, sagt Panizza. Im Warenverkehr zwischen Großbritannien und der EU würden Zollverfahren nötig – ohne ein Freihandelsabkommen würden Zölle erhoben. Das brächte finanzielle Belastungen, deutsche Exportwaren würden für britische Kunden unattraktiver. „Es gibt einen erheblichen Anpassungsdruck für Unternehmen“, sagt Panizza. Einige Betriebe bezögen Vorprodukte aus Großbritannien, Produktionsketten könnten unterbrochen werden. Auch die Zulassung von Produkten sei EU-weit harmonisiert, meint der Brexit-Fachmann weiter. Bald könnten abweichende Regeln dies- und jenseits des Kanals Mehraufwand bringen. Auch die Entsendung von Mitarbeitern könne sich verkomplizieren.

„In jedem Fall würde ein harter ­Brexit­ Bremsspuren in unserem Bruttoinlandsprodukt hinterlassen“, sagt der Präsident der Landesvereinigung der Unternehmerverbände (LVU) in Rheinland-Pfalz, Gerhard Braun – auch wenn die genauen Konsequenzen noch schwer zu prognostizieren seien. Großbritannien sei der viertwichtigste Exportmarkt. „Es steht viel auf dem Spiel.“ Auch Braun spricht von Wertschöpfungsketten, die gestört würden. „Exemplarisch dafür steht der Mini von BMW, der in Großbritannien mit Zulieferteilen aus der EU gefertigt und in der ganzen EU verkauft wird.“

Wie stark einzelne Unternehmen betroffen sind, variiert laut LVU stark. Viel Bedarf an Vorbereitung hätten etwa Firmen mit britischen Tochtergesellschaften. Auch bei der Beschäftigung von britischen Bürgern in der EU stellten sich ganz viele Fragen. Die LVU-Dachorganisation, der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), hat extra eine Taskforce zum Brexit geschaffen. Für den BDI steht fest: „Das wirtschaftliche Verhältnis wird Schaden nehmen.“

Boehringer Ingelheim als großer Pharmakonzern schaut sich schon seit langem die möglichen Auswirkungen eines Brexit für das Unternehmen an. Man befürchte, dass der Brexit ab März die Lieferung, Regulierung und Sicherheitsüberwachung von Arzneimitteln für Mensch und Tier in der gesamten EU beeinflussen könne, verlautet aus dem Unternehmen. Die Herausforderungen durch den Brexit seien beträchtlich und erforderten eine „umfassende Planung“.

Der Chemie-Riese BASF aus Ludwigshafen hat nach eigenen Angaben neun Produktions- und vier weitere Standorte in Großbritannien mit rund 1400 Mitarbeitern. Der dortige Markt steuert drei bis vier Prozent zum Umsatz bei. „Das Vereinigte Königreich ist und bleibt wichtig für BASF“, betont der Konzern. Man hoffe, dass sich EU und Großbritannien auf ein Vertragswerk einigten, das Mitarbeitern Sicherheit bringe und negative Auswirkungen für die Wirtschaft minimiere.

Unmittelbar nachdem die britische Regierung im Frühjahr 2017 das Austrittsgesuch eingereicht hatte, ist bei BASF ein Team von rund 40 Personen aus ganz unterschiedlichen Konzernbereichen zusammengestellt worden, das sich mit möglichen Auswirkungen des Brexit beschäftigt. „Diese Vorbereitungen umfassen auch eine noch immer mögliche „No Deal“-Situation und damit einen harten Brexit“, heißt es bei BASF.

(dpa)