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Realist und Schwärmer

Peter Singer interpretierte im Theater das Werk Heinrich Heines und verzauberte damit sein Publikum. Foto: TV-Archiv/Brigitte Bettscheider
Peter Singer interpretierte im Theater das Werk Heinrich Heines und verzauberte damit sein Publikum. Foto: TV-Archiv/Brigitte Bettscheider
TRIER. (chj) "Meine Worte sollen reden, weiter nichts", forderte Heinrich Heine. Der Schauspieler Peter Singer, der am vergangenen Sonntag mit einer Lesung im Theater an dessen Todestag erinnerte, hielt sich daran und ließ den Dichter sich anhand seiner Werke selbst charakterisieren.

Dutzende Gäste ohne Eintrittskarte haben schon unverrichteter Dinge das Theater verlassen, als Peter Oppermann den verbliebenen die frohe Kunde übermittelt, dass nach einer Unbedenklichkeitserklärung der Feuerwehr weitere 30 Stühle im Foyer aufgestellt werden durften. Ins Große Haus konnte man nicht ausweichen, da es für die Premiere am Abend eingerichtet wurde. 150 Besucher, deren Altersdurchschnitt mutmaßen lässt, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten nur wenig von Heinrich Heine in der Schule gelesen wurde oder auf großes Interesse stieß, haben sich für die Lesung anlässlich Heines Todestags am 17. Februar 1856 eingefunden. Vielleicht ist für die vielen Germanistik-Studenten in Trier ein Termin um 11.15 Uhr auch einfach ungelegen. "Es war noch sehr früh, [...], und der gelehrte lag gewiss noch im Bette und träumte." (Aus "Die Harzreise", Heinrich Heine) "Meine Worte sollen reden, weiter nichts", forderte Heine, und Peter Singer, der die Lesung konzipiert hat, hält sich daran. Er spart mit biographischem Hintergrund und lässt den immer noch hochaktuellen Dichter, Journalisten, Essayisten, Satiriker und Polemiker sich anhand seiner Werke selbst charakterisieren. Der Sänger Andreas Scheel und Christoph Jung am Klavier gestalten musikalisch die Veranstaltung mit Heine-Vertonungen von Robert Schumann (unter anderem "Belsazar" und "Schöne Wiege meiner Leiden"), der im gleichen Jahr wie der Schriftsteller starb. Singer hat eine Textauswahl getroffen, die gut die inhaltliche und formale Breite von Heines Werken widerspiegelt. Man hört Heine als Romantiker, als Parodist der Romantik, als Religions-, Gesellschafts- und Systemkritiker. Er hasste und beschimpfte seine Heimat, und er liebte und lobte sie. Mal empfindsam und mal satirisch verarbeitete er seine Beziehungen zu Frauen, vor allem das innige Verhältnis zu seiner Mutter. Zuhörer haben Tränen in den Augen

Stellt man beispielsweise seine wohl bekanntesten Gedichte "Nachtgedanken" und "Deutschland. Ein Wintermärchen" gegenüber, wird sein Hauptwesenszug deutlich: Heine war empfindsamer Schwärmer und geistreicher Realist zugleich. So haben viele Zuhörer bei den einen Texten die Augen geschlossen und bei den anderen - wie bei den herrlichen Reiseberichten - Freudentränen darin. Singer interpretiert die Werke - auch einige der komischen - sehr ernst, manche hitzig, andere fast zornig. Ob das dem Dichter gerecht wird, lässt sich 150 Jahre nach seinem Tod kaum sagen. Aber es sollen ja eh nur seine Worte reden.