Üdersdorf/Trier/Berlin: Atmen wie durch einen Strohhalm

Üdersdorf/Trier/Berlin : Atmen wie durch einen Strohhalm

Eine Transplantation rettete dem Eifeler Dieter Schommers das Leben. Geht es um Organspenden, nimmt die Debatte immer mehr Fahrt auf.

Als die Krankheit besonders heftig wütete, brauchte Dieter Schommers 20 Minuten und ein Sauerstoff-Gerät, um die zwölf Stufen seiner Treppe hinaufzukeuchen. „Als ich nach vielen Pausen oben ankam, war ich nur noch kaputt“, erzählt der Eifeler von seiner jahrelangen Leidensgeschichte. Schommers litt an einer idiopathischen Lungenfibrose, bei der sich das Gewebe vernarbte und er kaum mehr Luft bekam.

Der Mann aus Üdersdorf (Vulkaneifelkreis) vergleicht das Atmen bei schweren Schüben damit, durch einen Strohhalm zwischen den Lippen Luft zu holen – bei geschlossenem Mund und mit zugehaltener Nase. Oft endet die Krankheit tödlich. Die Transplantation eines Lungenflügels rettete das Leben des 55-Jährigen, dem Ärzte schon den Tod prophezeit hatten. „Nun will ich etwas zurückgeben“, sagt Schommers. Der Eifeler will in Rheinland-Pfalz und dem Saarland wieder die Regionalgruppe des Bundesverbandes der Organtransplantierten beleben. Wer vor einer Transplantation steht, Angehöriger ist und Ängste hat, dem will der Üdersdorfer helfen.

2019 ist auch das Jahr, in dem sich die Organspende neu ausrichten könnte. Nach wie vor warten 10 000 Menschen in Deutschland auf ein neues Organ. Einen ersten Schritt geht die Politik bereits: Ein Bundes- und Landesgesetz soll die Transplantationsbeauftragten in Kliniken stärken, die sich um potenzielle Spender kümmern und mit Angehörigen sprechen. Abseits davon schlägt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine doppelte Widerspruchslösung vor, bei der künftig jeder als Spender gelten soll, der nicht widerspricht.

In der Region Trier trifft der Spahn-Plan auf Lob und Kritik. Marius Gregor Dehne, Transplantationsbeauftragter im Verbundkrankenhaus Bernkastel/Wittlich, sieht darin eine Chance, „dass sich dann mehr Menschen ernsthaft und bewusst mit der Frage der eigenen Spendenbereitschaft im Todesfall beschäftigen“. Tod sei oft ein Tabuthema. Michael Kiefer, stellvertretender Transplantationsbeauftragter des Trierer Brüderkrankenhauses sagt: „Ich finde es immer wieder erschütternd, wie oft es vorkommt, dass innerhalb der Familien betroffener Patienten keine Klarheit über die Haltung der erkrankten Personen hinsichtlich eines lebenswerten Lebens und hinsichtlich einer Organspende besteht.“ Es biete Sicherheit, wenn Angehörige wüssten, welche Entscheidung sie für ihre Nächsten treffen sollten. Das Bistum Trier findet. „Die momentan bestehende Entscheidungslösung garantiert die Möglichkeit der freien und selbstbestimmten Wahl eines jeden Einzelnen.“

Geht es nach Dieter Schommers, brauche es in den Kliniken zunächst eine offene Kultur für Organspenden – und ausreichend Ansprechpartner. Auch jeder Einzelne könne etwas tun. Der Eifeler sagt, er habe mit seiner Frau bereits 5000, 6000 Organspendeausweise verteilt – in Apotheken und Supermärkten. Dabei erlebte der einstige Küchenchef, der durch die Krankheit seine Arbeit aufgeben musste, wie hitzig es bei Spenden zur Sache geht. „Manche fanden unsere Aktion toll und haben sich für meine Geschichte interessiert. Andere fragen: Was soll der Scheiß?“, schildert Schommers. 2012 gerieten Organspenden in Verruf, weil Transplantationszentren Patientenakten fälschten. Schommers findet: „Es gibt viele Menschen, die ihre Krankheiten, Ungewissheiten, Ängste mit sich alleine ausmachen müssen.“ Die Leute haben Respekt verdient.“

Gut zwei Jahre ist es bei dem Eifeler her, dass ihm eine Transplantation half. Als er Monate später – nach vielen Medikamenten – endlich das Sauerstoffgerät abgeben wollte, protestierte seine Frau sogar. „Für sie war es beruhigend, mich nachts über die Anlage atmen zu hören“, sagt er. Inzwischen atmet Schommers ganz ohne fremde Hilfe. Den Kampf für Organspenden hat er aber noch nicht aufgegeben.

Dieter Schommers von der Regionalgruppe des Bundesverbandes der Organtransplantierten ist erreichbar unter 06596/1563, 0172/95 82 78 9 oder per Mail an dieter.schommers@bdo-ev.de

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