| 18:01 Uhr

Wirtschaft
Azubis und Ausländer sind oft die Lösung

Ein Auszubildender misst in der Ausbildungswerkstatt eines Unternehmens ein Werkstück mit einer Schieblehre aus.
Ein Auszubildender misst in der Ausbildungswerkstatt eines Unternehmens ein Werkstück mit einer Schieblehre aus. FOTO: dpa / Patrick Seeger
Trier. Drei Beispiele für eine riesige Herausforderung: So erleben ein Verputzer, ein Maschinenbaubetrieb und eine Klinik den Fachkräftemangel. Von Katharina De Mos

Skeptisch betrachtet der Heimwerker seine Badezimmerwand. Eine Herausforderung! Da wo einst Wasserleitungen liefen, klaffen nun tiefe Löcher. Ob er diese Wand jemals so ebenmäßig verputzt bekommt, dass er sie problemlos wieder fliesen kann? Vielleicht doch lieber einen Profi ranlassen!

Tja. Nach fünf Telefonaten weiß unser Heimwerker: Wenn die Bauarbeiten nicht für ein halbes Jahr stoppen sollen, dann muss er die Wand doch selbst glatt kriegen. Denn die Handwerker sind hoffnungslos ausgebucht. Dieses Jahr gehe bei ihm gar nichts mehr, sagt ein Verputzermeister aus der Eifel, der so offen spricht, dass er lieber anonym bleiben möchte. Auch das folgende Jahr sei schon weitgehend geplant. Aktuell sucht sein Betrieb zwei Verputzer, zwei Maler und einen Azubi. „Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich an Azubis rankommen soll“, sagt er. Kaum einer wolle den Beruf mehr erlernen. „Von meinen Bekannten würde keiner zu seinem Kind sagen: lern Verputzer!“, sagt der Meister. In einem Büro, da sei es schön warm und trocken, man könne sitzen und habe geregelte Arbeitszeiten. Auch seinen eigenen Kindern würde er den Beruf nicht empfehlen. Obwohl man sicher nicht arbeitslos werde und als Selbstständiger gutes Geld verdienen könne.

Ein weiteres Problem sei: „Wir bilden aus – und dann gehen die Leute nach Luxemburg“. Dafür hat der Handwerker wenig Verständis. Klar, man verdiene mehr – „aber all die Lebenszeit, die beim Fahren flöten geht ...“. Der Betrieb behilft sich mit ungelernten Kräften, denen dann im Arbeitsalltag alles Nötige beigebracht wird – und mit Subunternehmern: Eine fünfköpfige Kolonne aus Litauen arbeitet für den Eifeler.

„Die Lage ist schwierig“, sagt der Handwerker, der davon ausgeht, dass er im Arbeitsalltag der Zukunft ein Übersetzungsprogramm braucht, weil immer öfter Kollegen aus dem EU-Ausland für ihn arbeiten werden.

„Das Thema Fachkräftemangel betrifft die ganze Wirtschaft“, sagt Bernd Clemens von Clemens Technologies in Wittlich. Auch seine Firma hat volle Auftragsbücher und ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. „Wir bauen Maschinen für den Weinbau, die Glyphosat überflüssig machen“, erklärt der Geschäftsführer, warum es so gut läuft. Insbesondere die USA seien ein wichtiger Markt.

Die Firma hat einige Strategien entwickelt, um trotz ihres Wachstums nicht unter Personalnot zu leiden. Zum einen investiert sie stark in die Ausbildung: Von 200 Mitarbeitern sind 42 Auszubildende. Bald werden sechs Industriemechaniker fertig – und alle sechs bleiben. „Ich kann das Fachkräfteproblem zum großen Teil intern lösen“, sagt Clemens. Auch deshalb, weil seine Firma bereits 2015 angefangen hat, Flüchtlinge einzustellen: 15 Flüchtlinge arbeiten nun für ihn.

„Gott sei Dank sind sie da, Deutschland braucht Arbeitskräfte! Wir müssen sie nur ausbilden und ihnen die Sprache beibringen“, sagt Clemens. Deshalb beschäftigt sein Betrieb seit 2015 auch eine Deutschlehrerin. Die „ganze Angstmache“ in der Flüchtlingsdebatte findet er erschreckend. Es habe keine Steuererhöhungen gegeben, und niemand habe seinen Arbeitsplatz wegen Flüchtlingen verloren. „Die Wirtschaft könnte sie sofort aufnehmen“, glaubt der Geschäftsführer.

Nicht nur Handwerk und Industrie, auch Pflegeheime oder Krankenhäuser suchen permanent Mitarbeiter, darunter das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Grundsätzlich lasse sich festhalten, dass es in den letzten Jahren sehr viel aufwendiger geworden sei, Personal zu finden – sei es in der Pflege oder im medizinischen Bereich, sagt Hausoberer Markus Leineweber. Der „Markt“ an Fachkräften sei begrenzt. „Dies stellt uns insbesondere in den Altenpflegebereichen vor große Herausforderungen.“

Auch das Krankenhaus versucht gegenzusteuern, indem es ausbildet: in der eigenen Gesundheits- und Krankenpflegeschule zurzeit über 150 Schüler. Ein Großteil der Absolventen werde fest übernommen. Deshalb gelte es, die Ausbildung auf hohem Niveau und attraktiv zu halten – zum Beispiel durch den Studiengang Klinische Pflege in Kooperation mit der Uni Trier, sagt Leineweber. Darüber hinaus können junge Leute am Brüderkrankenhaus Physiotherapie, Medizintechnik und Medizininformatik in Kooperation mit der Hochschule Trier studieren. Auch will das Haus das Ausbildungsangebot erweitern: um die Pflegehelferausbildung und die Ausbildung zum Operationstechnischen Assistenten.

350 Schülerpraktika pro Jahr sollen junge Leute für Pflegeberufe begeistern. Flexible Arbeitszeiten, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Weiterbildungen, Stipendienprogramme, Aufstiegsmöglichkeiten und zwei hauseigene Kitas sollen das Krankenhaus für Arbeitnehmer attraktiv machen. Anfang des Jahres hat die Klinik zudem erstmals einen Tag der Bildung organisiert, bei dem sich 180 Besucher über die Bildungsangebote informieren konnten.

All das zeigt auch: Wer gute Mitarbeiter finden und halten will, muss sich etwas einfallen lassen. „Unternehmen müssen sich als attraktiver Arbeitgeber positionieren“, sagt Matthias Schmitt von der Industrie- und Handelskammer. Geld sei sicher ein Faktor. Doch müsse man heute mehr bieten als nur gute Verdienstmöglichkeiten.