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Bauern-Chef: Nicht alle Landwirte können bio produzieren

Landwirtschaft : Bauern in der Region nicht im Stich lassen

Der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau hofft auf mehr Sachverstand und Einsicht in der Politik.

Die Situation in der regionalen Landwirtschaft ist angespannt. Probleme und Herausforderungen, wo man hinsieht. Wie sieht die Zukunft für die heimischen Bauern aus? Darüber sprach TV-Redakteur Heribert Waschbüsch mit dem Präsidenten des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau, Michael Horper.

Vor 50 Jahren gab es in Rheinland-Pfalz noch über 100 .000 landwirtschaftliche Betriebe. Jetzt sind es noch rund 15 000 und die Landwirtschaft steckt in einem weiteren Strukturwandel. Wo führt das hin?

Horper: Marktwirtschaft bedeutet Veränderung. Von einer freien und globalen Marktwirtschaft profitieren wir alle: die deutsche Wirtschaft, unsere Gesellschaft und letztlich jeder Einzelne seit Jahrzehnten. Dieses Wirtschaftssystem hat auch Auswirkungen auf unsere Landwirtschaft. Hinzu kommt die Politik mit ihren Auflagen, ich sage nur Düngeverordnung, Baurecht oder Immissionsrecht, die der Landwirtschaft insgesamt hohe Kosten aufbürdet. Unsere Betriebe müssen mit diesen nationalen Auflagen weltweit konkurrieren. Dies fällt natürlich den kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben sehr schwer – und wir verlieren gerade die Betriebe, die die Gesellschaft eigentlich möchte. Wir sehen das heute schon in der Schweinehaltung. Gerade einmal jedes 15. Schnitzel, das ein Rheinland-Pfälzer isst, kommt auch aus Rheinland-Pfalz. Und dieser Strukturwandel wird weitergehen: zu Lasten der ländlichen Regionen, der dörflichen Infrastrukturen und auch zu Lasten der regionalen Versorgung mit Nahrungsmitteln.

Die Produktivität der einzelnen Betriebe und die Größe ist aber in den letzten Jahrzehnten auch gewachsen. Ist das eine Lösung: wachsen und überleben?

Horper: Zunächst einmal: Wenn die Produktivität wächst, heißt das nicht automatisch „wachsen“, denn die Produktivität kann auch durch Spezialisierung, Kostensenkung, Technisierung etc. verbessert werden. Letztlich werden die Betriebe aber auch größer, kapitalintensiver und marktanfälliger, verbunden mit der Chance zum unternehmerischen Erfolg.

Die Schweinebauern leiden derzeit unter zwei großen Problemen. Der Afrikanischen Schweinepest (ASP) und der Ungewissheit, ob die Schlachthöfe in der Corona-Krise offen bleiben. Was muss geschehen, um diese Sparte zu unterstützen?

Horper: Folgende Maßnahmen fordert der Bauern- und Winzerverband: Eindämmung und Ausmerzung der ASP durch Errichtung stabiler Zäune und Schaffung von wildschweinfreien Zonen an der polnischen Grenze, die Einführung einer sog. Regionalisierung beim Handel zur Sicherung von Exportmöglichkeiten, ein kurzfristiger und zeitlich begrenzter Ausbau von Schlacht- und Zerlegekapazitäten – auch durch Arbeitszeiten an Sonn- und Feiertagen zum Abbau von Schlachtüberhängen –, eine dringende Änderung des Baurechts und Anpassungen beim Immissionsschutzrecht, damit An- und Umbauten von Ställen sowie Tierwohl-Ersatzbauten genehmigungsrechtlich möglich werden, die Entfristung der aktuell nur bis Ende 2021 zur Verfügung gestellten Fördermittel, da ansonsten bürokratische Hemmnisse den Umstieg auf mehr Tierwohl verhindern und die Aussetzung der Erhebung von Fleischbeschau- und Schlachtabfallgebühren zur Verbesserung des skandalös niedrigen Auszahlungspreises.

Hat die konventionelle Schweinezucht hierzulande eine Zukunft oder müssten sich die Landwirte nicht doch auf Bio-Produktion und eine nachhaltige Produktion konzentrieren. Es gibt nur noch wenige Mastbetriebe, sollten die also nicht konsequent die regionale Karte ausspielen, um zu überleben?

Horper: Es ist ein Trugschluss zu glauben, wenn alle Landwirte ökologisch produzieren würden, könnten sie ihre Betriebe ohne Veränderungen, aber steigendem Einkommen weiter bewirtschaften. Bio verursacht höhere Kosten, die am Markt gedeckt werden müssen. Hierfür sind entsprechende Absatz- und Handelsstrukturen und letztlich Abnehmer notwendig, die bereit sind, einen wesentlich höheren Preis zu zahlen. Zur Frage „nachhaltig“ ließe sich viel sagen – in aller Kürze: Bereits heute produzieren die Landwirte nachhaltig, zum Beispiel  über die Kreislaufwirtschaft, die Biogasproduktion, Wärmerückgewinnung und Ähnliches. Die Nachhaltigkeits­aspekte werden beispielsweise bei der Milchproduktion seitens der Molkereien bereits erfasst und dokumentiert.

Bei der Milchwirtschaft sieht es anders aus: Die Region ist hier ein Schwerpunktbereich in Rheinland-Pfalz. Mit den beiden Molkereien Hochwald und Arla gibt es wichtige Standorte. Doch die sind abhängig von den Milchbauern im Umfeld. Wie ist die Lage bei den heimischen Milchbauern?

Horper: Die Lage ist nicht rosig, aber etwas besser als in manch anderer deutschen Region, da die hiesigen Molkereien nicht so stark vom Absatz in die Gastronomie und dem Außer-Haus-Verzehr abhängig sind und somit nicht so schwer von den Corona-Auflagen betroffen sind. Im Betriebszweig Milchproduktion haben sich die Erlöskomponenten 2020 erneut zu Ungunsten der Erzeuger entwickelt. Dadurch hat sich die wirtschaftliche Situation in den Betrieben verschlechtert.

Der Klimawandel hat massiven Einfluss auf die Ernteerträge. Für viele Milchbauern bedeutet das, nach den Dürrejahren müssen sie vermehrt Futter zukaufen. Welche Auswirkungen hat das?

Horper: Futterzukäufe führen in der Regel auch immer zu höheren Kosten und bei Futterknappheit müssen Tiere verkauft werden. Beides führte letztlich zu geringeren Einnahmen oder Verlusten. Die Dürrejahre haben daher die wirtschaftliche Situation der Futterbaubetriebe zusätzlich verschärft.

Wenn die Produktion zu teuer wird, überlegen viele Landwirte, ihren Viehbestand zu reduzieren. Kommt das in den kommenden Jahren auf uns zu?

Horper: Wenn die Produktionskosten steigen, werden nicht automatisch die Bestände reduziert. Es wird Betriebe geben, die aufstocken müssen, um die Kosten auf mehr Rinder oder Schweine verteilen zu können. Andere wiederum werden die Viehhaltung generell aufgeben. Das werden insbesondere die kleineren Betriebe sein, da hier die Stückkosten sehr hoch sind und die Bürokratie kaum zu bewältigen ist.

Immer mehr Verbraucher wollen regionale, fair erzeugte Produkte. Doch am Verkaufsverhalten lassen sich solche Umfragen noch nicht ablesen.

Horper: Was sind „fair“ erzeugte Produkte? Es ist richtig, der Markt für regionale Produkte entwickelt sich positiv und die Vielfalt im Einkaufsregal nimmt zu. Aber damit gehen auch höhere Kosten unter anderem für die getrennte Erfassung einher. Diese Kosten müssten eigentlich vom Verbraucher getragen werden, werden aber vielfach auf die Erzeuger abgewälzt. Beispielsweise gaben viele Biomilcherzeuger ihre Produktion inzwischen wieder auf, weil die erzielten Preise für sie zu niedrig waren, um wirtschaftlich arbeiten zu können und weil sie bei der gegenwärtigen politischen Lage ihre Zukunft nicht mehr in diesem Segment sehen. Die Biomolkereien beziehen nur so viel Rohstoff von den Milcherzeugern wie sie auch vermarkten können. Alles andere würde keinen Sinn machen. Insofern stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, dass unsere Regierung immer höhere Zielquoten für die Biolandwirtschaft fordert. Müssten Politik und Handel nicht erst einmal ihre Hausaufgaben machen und dem Absatz von Bioprodukten einen Schub versetzen, der den Biolandwirten ein Einkommen ermöglicht, mit dem sie auch wirtschaftlich nachhaltig arbeiten können?

Was wünschen Sie sich in diesem Umfeld von den Verbrauchern?

Horper: Die Menschen sollten zu ihren Aussagen stehen und konsequent regionale Produkte nachfragen und nicht nach jedem Schnäppchen greifen. Damit machen sie nur einzelne Discountmagnaten reich und lassen die Bauern im Stich. Außerdem wünsche ich mir mündige und kritischere Verbraucher, die endlich einmal die Aussagen vieler Pseudoumwelt- und -tierschützer hinterfragen und sich damit mit tatsächlichen Gegebenheiten auseinandersetzen.

Was müssen die Landwirte und ihre Verbände tun, damit ihre Botschaft beim Verbraucher ankommt?

Horper: Die Bauernfamilien müssen das Gespräch suchen, ihre Höfe öffnen und für alle Fragen offen sein. Auch das verstärkte Nutzen digitaler Netzwerke ist ein wichtiger Aspekt. Hier informieren sich die Jungen aber auch die Verbraucher mittleren Alters zusehends. Die Bauern erzeugen ja die Lebensmittel, sie sind authentisch und sie brauchen sich wahrlich nicht zu verstecken – im Gegenteil. „Wir können Lebensmittel! Zeigen wir das doch!“

Wie kann die Politik diesen Strukturwandel begleiten?

Horper: Die Politik müsste zuallererst einmal auf den Sachverstand hören und nicht dem populistischen Geschrei nachlaufen. Dann würde es nämlich diesen harten Strukturwandel in der aktuellen Form nicht geben. Glyphosat, als eines der unbedenklichsten Pflanzenschutzmittel zu verbieten, hat mit Sachverstand wahrlich nichts mehr zu tun, eine Düngeverordnung, die die Pflanzen am Halm verhungern lässt, weil sie noch nicht einmal mehr den jeweiligen Bedarf erhalten dürfen, ist völliger Humbug, Baugesetze, die die Betriebe reihenweise in wirtschaftliche Nöte treiben. Meine Erwartungen an die Politik? Sie müsste an vielen Baustellen arbeiten: bei den Kosten entlasten, Auflagen verringern, Bürokratie abbauen, Investitionen fördern, die Bedeutung der heimischen Nahrungsmittelproduktion betonen, die Verbraucherinnen und Verbraucher mitnehmen, die Bauern und Winzer emotional stärken und letztlich auch den Ausstieg aus der Landwirtschaft erleichtern.

Michael Horper, Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau. Foto: Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau
Titel Macher November 2020 Foto: TV/jks

Die Landwirtschaft in der Region Trier ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die zwei großen Molkereien, die Hochwaldmolkerei (Thalfang) und die Arla-Molkerei mit dem Werk in Pronsfeld, beschäftigten Hunderte Mitarbeiter, setzten jährlich Milliarden um. Lesen Sie dazu mehr im Wirtschaftsmagazin MACHER, das heute dem TV beiliegt.