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Beim Trierer Impro-Theater „Spontat“ sagt das Publikum, wo’s langgeht

Impro-Theater sponTat : Kein Platz für Rampensäue

Wo’s langgeht, sagt das Publikum beim Trierer Impro-Theater „sponTat“. Aktuelle Produktion „Bei Zuruf: Trierleben“ feiert Premiere.

Niemand weiß, was passiert. Alles ist möglich. Vor keiner Überraschung ist man gefeit. Weder auf noch vor der Bühne. Das ist nun einmal so, wenn man keinen Text hat. Wenn man nur ungefähr weiß, in welche Richtung der Hase läuft. Beziehungsweise das Stück, das man spielt. Etwa „Bei Zuruf: Mord!“, einem der bislang vier aktuellen Impro-Abende, zu denen das Trierer ImproSpontan-Quartett sein Publikum bittet.

Da entwickelte sich beim letzten Mal eine recht skurrile, manche würden sagen, bekloppte Geschichte rund um Manfred Fred-Hof alias Stephan Vanecek, der Modellflugzeugbauer und in seiner Freizeit leidenschaftlicher Zumba-Tänzer ist. Beziehungsweise war, denn jetzt ist er tot – ermordet vor der Pferdemetzgerei Brenig in der Johannisstraße. Entweder von seiner Ex-Freundin Verena (Karin Jostock), seiner Oma (Karin Pütz), die ihr Geld, das sie ihm zwecks Geschäftsgründung geschenkt hat, zurückhaben will für einen Platz im Seniorenheim, oder von einer übereifrig-nervenden Geschäftsfrau (Hannah Swoboda), die mit Hilfe der Modellflugzeuge den siechenden Flughafen Föhren, dessen Besitzerin sie ist, einen neuen Aufschwung bescheren will.

All diese Ideen stammen aus dem Publikum, das von Hannah Swoboda vor der Vorstellung entsprechend angewärmt wird – sie fordert die Zuschauer auf, sich gegenseitig zu massieren beziehungsweise zu belügen („Himmel, siehst du heute wieder gut aus!“), ehe die ihrer Fantasie freien Lauf lassen sollen und sich bei der Mordgeschichte rund um Manfred Fred-Hof (auch dieser Name natürlich eine Publikumserfindung) gegenseitig in aberwitzige Bereiche hochschaukeln. Manch einer aus dem Auditorium hat richtig Übung darin.

„Wir haben ein großes Stammpublikum“, erzählt „SponTäterin“ Karin Pütz. „Gerade der Krimi ist unglaublich beliebt.“ Und die Fantasie eben dieses Stammpublikums geradezu grenzenlos. Das auch gern zu den übrigen Impro-Abenden kommt, in denen es etwa um Liebe und Beziehungen in allen möglichen Varianten geht, um Wohnungssuche mit „WG-Castings“ (dazu wurde Hannah Swoboda von einer Freundin inspiriert, die in einer WG lebt) – und demnächst auch um Lokalgeschichte. Am 15. Dezember hat „Bei Zuruf: Trierleben“ Uraufführung.

Das heißt: Eigentlich ist jeder Abend eine Uraufführung und nur ein einziges Mal zu erleben, denn beim nächsten Mal passiert unter derselben Überschrift etwas vollkommen anderes. Wie kann man lernen, was man nicht proben kann? „Indem man viel miteinander trainiert“, erklärt Hannah Swoboda, „indem man aufeinander hört, aufeinander eingeht, sich gegenseitig die Bälle zuspielt.“ Karin Pütz sekundiert: „Wir trainieren Schlagfertigkeit und Kombinationsgabe, indem wir Szenen miteinander spielen, die jedes Mal anders sind.“ Vor allem muss man auf das Angebot des anderen eingehen und dessen Idee aufgreifen. Wer nur sein eigenes Ding verfolgt, macht den „Flow“ kaputt. „Man darf nie abblocken“, erklärt Pütz. „Sondern die Vorschläge des Partners immer annehmen.“ „Wenn man das nicht tut, ist die Spannung kaputt“, ergänzt Stephan Vanecek, der einzige Mann im Korb und derjenige, der in diesen Wochen auch im „richtigen“ Theater (Trier) aktiv ist – als Flaschengeist in „Aladin und die Wunderlampe“.

„Wer in der Schule der Klassenclown war und glaubt, auch im Impro-Theater alles alleine stemmen zu können, ist hier fehl am Platz“, ergänzt Karin Jostock, die dritte Frau im Bund. Impro-Theater ist also nichts für Rampensäue, die gern allein im Scheinwerfer stehen, sondern Gruppenarbeit, bei der höchste Konzentration gefordert ist. Und selbst dann noch souverän reagiert werden muss, wenn der Partner mit einem überraschenden Vorschlag um die Ecke kommt, bei dem man gut und gern komplett aus der Rolle fallen könnte.

Manchmal müssen sich die vier dann auch tatsächlich das Lachen verbeißen – womit an besagtem Abend vor allem das Opfer Manfred, dessen Darsteller Vanecek nach seinem Ableben als ermittelnder Mordkommissar wieder aufersteht, zu kämpfen hatte. „Was die Kolleginnen heute Abend an Gags herausgehauen haben, hat mich förmlich gerissen“, erklärt Vanecek. „Denn die sind ja nicht – wie im Theaterstück – immer wieder geprobt und von denen man weiß, dass sie jetzt kommen. Wir sind da genauso überrascht wie das Publikum.“ Das dann solche Aussetzer wie nicht eingeplantes Lachen auf der Bühne mit Vergnügen zur Kenntnis nimmt.

Seit mittlerweile 15 Jahren sind die „SponTäter“ improvisierend unterwegs – mit wechselnder Besetzung. „Wir drei Frauen sind die Urgesteine, die seit 2005 dabei sind“, sagt Hannah Swoboda; Vanecek ist seit etwa vier Jahren mit von der Partie. Und was erwartet die Zuschauer bei der nächsten Uraufführung – „Trierleben“? „Das wissen wir doch jetzt noch nicht“, antwortet Hannah Swoboda. „Ich nehme mal an, die Inspiration kommt über die Orte, an denen die Handlung innerhalb von 24 Stunden spielen soll. Die werden vom Publikum benannt, und wir müssen schauen, welche Assoziationen man damit verbindet …“

„Drei-Finger-Joe“, hilft Karin Pütz aus, und sofort setzt bei ihrer Mitspielerin Swoboda der Impro-Reflex ein: „Welche Typen stehen da? Essen die Wurst und Pommes? Regt sich einer darüber auf, dass der Ketchup ausgegangen ist? Wo kommen die her? Was haben die an dem Abend noch vor? Also, wir wissen überhaupt nichts. Alles wird aus dem Augenblick geboren.“

Fast wie im richtigen Leben eben.

SponTat: „Bei Zuruf: Trierleben“ hat am Sonntag, 15. Dezember, im Kasino am Kornmarkt Premiere, Beginn: 19.30 Uhr (Einlass 18.30 Uhr), Karten: www.ticket-regional.de