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Belgien will an Luxemburger Grenze Atommüll endlagern

Kostenpflichtiger Inhalt: Umwelt : Belgien will an Luxemburger Grenze Atommüll endlagern

Die luxemburgische Umweltministerin ruft zum Widerstand gegen ein Endlager in Belgien auf. Ihre dortige Kollegin ist empört.

Es war eine ungewöhnliche Pressekonferenz, die die luxemburgische Umweltministerin Carole Dieschbourg am Dienstag gab. Die Politikerin der Luxemburger Grünen rief darin die Bürger des Nachbarlandes zum Widerstand gegen ein in Belgien geplantes Endlager für Atommüll auf. Laut Dieschbourg beabsichtigt die belgische Behörde für die Entsorgung nuklearer Abfälle (ONDRAF) in der Nähe der luxemburgischen Grenze ein solches Lager zu errichten.

Laut der Umweltministerin habe man dafür sieben mögliche Standorte ins Auge gefasst, unter anderem Namur (etwa 80 Kilometer von der luxemburgischen Genzen), Dinant (70 Kilometer entfernt), Stavelot (15 Kilometer) oder auch die Region Gaume, die fünf Kilometer von der Grenze entfernt liegt. Dieschbourg zeigte die möglichen Standorte während der Pressekonferenz auf einer Karte.

Sie kritisierte, dass die belgische Regierung die grenzüberschreitende Bürgerbeteiligung inmitten der Corona-Krise beginne und dass die Einspruchsmöglichkeit gegen das Projekt bereits am 13. Juni enden soll. Dieschbourg rief die Bürger auf, aktiv gegen die Pläne vorzugehen, um diese „abzuschießen“. Die Reaktionen aus Belgien auf die drastische Wortwahl der Umweltpolitikerin ließen nicht lange auf sich warten. Ihre belgische Kollegin Marie-Christine Marghem warf ihr eine Desinformationskampagne vor. Belgien habe bislang noch gar keinen Standort gewählt und auch noch keine Entscheidung über die geologischen Voraussetzungen dafür getroffen. Daher sei es schädlich gewesen, dass Dieschbourg einfach eine Karte gezeigt habe und von einer möglichen Verunreinigung des Grundwassers gesprochen habe. Gegenüber der belgischen Nachrichtenagentur Belga sprach Marghem von einem „ernsten diplomatischen Zwischenfall“.

Aus der im Internet zugänglichen „strategischen Umweltverträglichkeitsprüfung“ für das geplante Endlager geht in der Tat hervor, dass  noch keine Entscheidung über den „endgültigen Bestimmungsort hochradioaktiver oder langlebiger Abfälle“ getroffen worden sei. In dem unterirdischen Lager soll der von den belgischen Atomkraftwerken produzierte Abfall aus der Produktion von Brennelementen in Fässern verbunkert werden. Man geht dabei von einer Menge von 2600 Kubikmetern hochradioaktiven Abfalls und 11 000 Kubikmetern langlebigen Atommüll aus. Derzeit befindet sich dieser in Zwischenlagern. Unter anderem lagert der belgische Energieversorger Engie-Electrabel derzeit schon Atommüll im Kernkraftwerk Tihange in Wasserbecken. Die Kapazitäten seien laut Betreiber aber bald erschöpft.

Die hochradioaktiven Abfälle müssten „für einige Hunderttausend Jahre bis zu einer Million Jahre eingeschlossen und isoliert“ werden. „Aufgrund dieser äußerst langen Zeitspanne, stellt die langfristige Entsorgung eine außergewöhnliche Herausforderung für jedes Land dar, dass solche Abfälle besitzt“, heißt es in der Umweltverträglichkeitsprüfung.  

Demnach wird ein Standort für ein geologisches Endlager gesucht. In einer solchen, tief in der Erde liegenden Anlage, werden, so heißt es, die Abfälle in einer „geeigneten stabilen Erdschicht hinter einer ganzen Reihe von künstlichen Barrieren (wie Metall und Beton) in einer Tiefe von mehren hundert Metern isoliert“. Und weiter heißt es: „Die Wahl der geologischen Endlagerung auf belgischem Staatsgebiet bedeutet nicht, dass innerhalb kurzer Zeit ein Endlager errichtet wird.“ Es würden „Jahrzehnte dauernde Forschungs- und Entwicklungsarbeiten“ erforderlich sein. Angeblich sind die Umweltauswirkungen des Lagers „sehr begrenzt“. Der Untergrund rund um das Endlager werde sich aufgrund der hochradioaktiven Abfälle erwärmen. Und: „Nach Tausenden von Jahren werden die Fässer und Verpackungen unweigerlich angegriffen. Infolgedessen wird es aufgrund der Freisetzung der radioaktiven Stoffe in den natürlichen Barrieren zu radiologischen Folgen im tiefen Untergrund kommen.“ Mit anderen Worten: Es werden radioaktive Belastung der Erdschichten um das Lager erwartet.  Eine Alternative zu dieser Art der Endlagerung gebe es aber nicht.

Aus dem rheinland-pfälzischen Umweltministerium war gestern trotz Anfrage unserer Zeitung keine Stellungnahme zu erhalten, wie man dort zu den Plänen, ein Atommüllendlager in Belgien zu errichten steht und ob man eventuell Einspruch dagegen einlegen wird. Bei der Offenlegung der Pläne für ein solches Lager im französischen Bure hatte die rheinland-pfälzische Landesregierung 2013 gemeinsam mit dem Saarland und Luxemburg beschlossen, sich mit einem eigenen Gutachter an der öffentlichen Debatte zu beteiligen.