Bis ins hohe Alter fit bleiben

Gesundheit : Bis ins hohe Alter fit bleiben

Der Trierer Geriater sagt, wie man möglichst lange Pflegebedürftigkeit vermeiden kann.

Herr Biundo, wie hat sich das Bild vom Altsein gewandelt?

THOMAS BIUNDO Lange war die Vorstellung von Alter eher negativ besetzt: Gebrechlichkeit, Hilfebedarf, Verlust von Fähigkeiten. Das war das, was man vor 20, 30 Jahren mit Altwerden gleichgesetzt hat. Heute hat sich das auch durch die Gerontologen, also die Alterswissenschaftler, geändert. Wir unterscheiden nicht mehr drei Lebensalter, also Kindheit beziehungsweise Jugend, Erwachsensein und Alter, mittlerweile ist noch die Hochaltrigkeit hinzugekommen. Das dritte Lebensalter ist in den vergangenen zehn, 15 Jahren von den sogenannten aktiven Alten geprägt.

Das heißt also, die Menschen bleiben heute länger fit und gesund?

BIUNDO Zwischen 70 und 80 Jahren gibt es einen großen Anteil von Menschen, die eine stabile Gesundheit haben. Das hängt damit zusammen, dass wir eine bessere Medizin haben. Viele Erkrankungen werden früher erkannt. Seit Jahren wird auch ein gesünderer, aktiver Lebensstil propagiert, der sich bemerkbar macht. Der Anteil der Menschen, die sich bewusst ernähren, sich bewegen, aktiv sind, ist größer geworden. Das trägt zum gesunden Älterwerden bei.

Was kann in diesem Zusammenhang Ihre Medizin, die Geriatrie, also die Altersmedizin, leisten?

BIUNDO Zum einen geht es um das Erhalten der Fähigkeiten, dadurch, dass wir Menschen davon überzeugen, auch mit 70 Jahren noch ihren Lebensstil zu ändern, etwa das Gewicht zu reduzieren oder auf die Ernährung zu achten. Die Prophylaxe ist das eine, was die Geriatrie leistet. Im Bereich der Rehabilitation werden wir tätig, wenn Verluste von körperlichen Fähigkeiten eingetreten sind, wenn sich der Patient etwa nicht mehr alleine bewegen kann, sich nicht mehr alleine versorgen kann.

Sie sorgen also dafür, dass sich ältere, gebrechlichere Menschen möglichst lange bewegen können?

BIUNDO So kann man das sagen. Wird ein, sagen wir mal 85-Jähriger an Hüfte oder Oberschenkel operiert, besteht das Risiko, dass er nicht mehr von alleine auf die Beine kommt. Dann entsteht ein Teufelskreis. Er bewegt sich nicht, die Muskeln werden schwächer, er wird unsicher, er fällt wieder hin und wird dann komplett immobil. Die geriatrische Rehabilitation soll das verhindern, sie soll ihn in die Lage versetzen, mobil und selbstständig zu bleiben. Dadurch kann er weiter am gesellschaftlichen Leben teilhaben, und das Risiko, durch Immobilität weiteren Schaden davonzutragen, wird kleiner.

Sind aus Ihrer Sicht die medizinischen Einrichtungen, die Ärzte, die Kliniken, ausreichend auf die immer älter werdende Bevölkerung vorbereitet?

BIUNDO Es ist auf jeden Fall besser geworden. Seit 2009 gibt es in Rheinland-Pfalz ein Geriatriekonzept. Das trägt Früchte. Es gibt deutlich mehr Hausärzte, die ausgebildet sind in Altersmedizin. Und in den Krankenhäusern auch in der Region gibt es zunehmend geriatrische Abteilungen. Die Versorgung für die älteren Patienten ist auf jeden Fall dichter geworden. In fast allen medizinischen Bereichen ist das Bewusstsein gewachsen, dass der alte Patient eine andere Versorgung braucht als etwa ein 50-Jähriger. Vorgesehen ist, dass künftig in jedem Akutkrankenhaus ein Geriater sein soll.

Gilt das auch für die Pflegeeinrichtungen?

BIUNDO Die geriatrische Pflege ist sehr zeitaufwendig. Es geht um aktivierende Pflege. Sie soll die bestehenden Fähigkeiten der Patienten erhalten und nutzen. Es ist eben aufwendiger, jemandem zu zeigen, wie er sich mit einer Hand waschen kann, statt ihn zu waschen. Der Patient soll ja lernen, wie er zu Hause ohne Pfleger zurechtkommen kann. Die aktivierende Pflege braucht einen hohen Personalschlüssel.

Kann das immer gewährleistet werden?

BIUNDO Die Pflege tut, was sie kann, ist aber personell unterbesetzt. In der Region gibt es kaum noch Einrichtungen, die mit ihrem Stammpersonal auskommen, überall müssen Stellen durch Aushilfskräfte besetzt werden. Auch in unserer Einrichtung müssen wir schlimmstenfalls mal drei, vier Betten unbesetzt lassen, bevor wir wegen Personalmangels nicht über die Runden kommen.

Wie lange kann ein älterer Patient zu Hause betreut werden, sei es, dass er sich noch selbst versorgen kann oder dass er auf Hilfe von Angehörigen angewiesen ist? Wann ist der Zeitpunkt, dass es besser ist, auf professionelle Hilfe, sei es durch ambulante oder stationäre Pflege, zurückzugreifen?

BIUNDO Dafür gibt es kein allgemeingültiges Kriterium. Solange ein Patient es schafft, alleine aus dem Bett und eventuell in den Rollstuhl zu kommen, es auch noch in den Duschstuhl schafft, kann er zu Hause noch zurechtkommen. Falls das nicht mehr funktioniert, dann wird es schwierig. Auch wenn jemand komplett bettlägerig ist, wird es für einen Laien schwierig, denjenigen zu waschen. Oder wenn ständig Verbände gewechselt werden müssen. Da ist dann der Punkt, wo man über professionelle Pflege nachdenken sollte. Die Angehörigen müssen auch ihre eigenen Bedürfnisse formulieren und geltend machen. Die Überlastung der pflegenden Angehörigen darf nicht unterschätzt werden.

Freuen Sie sich trotz allem, alt zu werden?

BIUNDO Ich freue mich darauf, ich werde gerne alt. Man muss achtsam sein, sich frühzeitig Gedanken machen über sich und seine Zukunft. Und man muss sich bewusst machen, dass im Alter nicht alles gleich bleibt, dass es womöglich auch einen Verlust von Fähigkeiten bedeutet, den ich durch Gewinn in anderen Bereichen ausgleiche. Wenn das gelingt, braucht man keine Angst vorm Altwerden zu haben.

Die Fragen stellte Bernd Wientjes

Ein Video-Interview mit Thomas Biundo sehen Sie unter www.volksfreund.de/videos

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