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Bistums-Freiwillige in der Welt verstreut: „Manchmal mit den Nerven am Ende“

Kostenpflichtiger Inhalt: Corona : Bistums-Freiwillige in der Welt verstreut: „Manchmal mit den Nerven am Ende“

Das Bistum Trier schickt jedes Jahr knapp 30 junge Leute in alle Welt. Dieses Mal musste den freiwilligen Helfern selbst geholfen werden.

Auf dem gut zehn Monate alten Foto des Bistums Trier sind über 20 junge Frauen und Männer zu sehen, die in die Kamera lächeln und fröhlich winken. Anfang Mai vergangenen Jahres versammelten sich die Freiwilligen auf der oberhalb vom Moselort Pünderich gelegenen Marienburg zu einem ihrer letzten Vorbereitungstreffen für den bevorstehenden Auslandsdienst. Anfang August ging es für die jungen Leute los. Je nach Einsatzgebiet reisten sie nach Südamerika, Afrika, Indien oder in den Nahen Osten.

Der Auslandsaufenthalt wird vom Verein Sofia organisiert, der seit 1992 in Trägerschaft des Bistums freiwillige Dienste für Frieden und Versöhnung in anderen Ländern vermittelt. Für die Teilnehmer immer ein prägendes Erlebnis, wie auf den Sofia-Internetseiten nachzulesen ist. Das dürfte für die jungen Rheinland-Pfälzer und Saarländer des aktuellen Sofia-Jahrgangs besonders gelten.

Denn ihr eigentlich auf ein gutes Jahr ausgelegter Auslandsdienst wurde wegen der Corona-Krise jetzt ebenso abrupt wie frühzeitig beendet. Anfang der Woche meldete Sofia-Geschäftsführer Peter Nilles, dass von den 27 in alle Welt verstreuten Teilnehmer elf wieder zurück seien, vier aus Brasilien und Nigeria noch unterwegs und „zwölf noch draußen“ – acht in Bolivien, drei in Indien und einer in Ruanda. „Die Rückholaktion läuft“, so Nilles, alle stünden in Kontakt zur deutschen Botschaft in dem jeweiligen Land.

Am Freitagnachmittag sind „nur“ noch die Sofia-Teilnehmer aus Bolivien und Indien nicht daheim. Doch Nilles ist zuversichtlich, bis spätestens Ende nächster Woche alle wieder wohlbehalten zu Hause begrüßen zu können. Denn die Stimmung gegenüber Europäern, die verdächtigt würden, den Corona-Virus eingeschleppt zu haben, verschlechtere sich mancherorts in den Einsatzgebieten, sagt der Geschäftsführer.

So berichtet etwa Sofia-Bildungsreferent Stephan Mertes von einer Taxifahrt in Indien, bei der der Fahrer sich ein Taschentuch vor den Mund gehalten und die Arme desinfiziert habe, nachdem er erfuhr, dass sein Fahrgast ein Deutscher ist.

Mertes hält sich eigentlich im Süden Indiens auf, um die Sofia-Teilnehmer an ihren Einsatzgebieten zu besuchen. Nun hockt er mit ihnen in einem Hotel im südwestindischen Chennai und hofft darauf, möglichst rasch einen von der deutschen Botschaft organisierten Heimflug zu bekommen.

Erst am Donnerstagmorgen kam auf dem Frankfurter Flughafen eine Lufthansa-Maschine aus Neu Delhi an. An Bord 510 gestrandete deutsche Touristen.  Nach diesem ersten Rückholflug soll bald eine zweite Maschine weitere 500 Touristen nach Deutschland bringen.kündigte Botschafter Walter Lindner in einer Videobotschaft an.

Die täglichen Videobotschaften schauen sich auch Stephan Mertes und die drei Sofia-Teilnehmer an. Sie mussten sich in den vergangenen Tagen vom weit im Süden gelegenen Viralimalai nach Chennai durchkämpfen, was nicht immer einfach gewesen sei, sagt Mertes, weil wegen der Corona-Krise keine Züge, Flüge oder Busse mehr gingen. Im Süden des Landes seien die Coronazahlen noch eher gering, die Menschen verhielten sich weitgehend ruhig, berichtet Mertes im Telefonat mit unserer Zeitung.

Die von den Behörden verhängten Maßnahmen seien mit denen in Deutschland vergleichbar: „Die Geschäfte und Schulen sind zu, die Leute sollen zu Hause bleiben, und es herrscht so gut wie kein Verkehr.“

Mit privaten Fahrern und einer Bescheinigung des deutschen Botschafters waren die Sofia-Leute in den zurückliegenden Tagen unterwegs. Zwischendrin immer wieder Polizeikontrollen – „alleine am Mittwoch waren es fünf“, erzählt der 28-jährige Mertes, der am Telefon erstaunlich abgeklärt wirkt. Das hänge immer von der jüngsten Entwicklung ab, sagt der Sofia-Mitarbeiter und fügt hinzu, dass es derzeit ziemlich gut laufe. „Ich war aber zwischendurch auch schon manchmal mit den Nerven am Ende“, räumt er ein.

Auch im 16 000 Kilometer Luftlinie entfernten bolivianischen Santa Cruz wartet Marie Hagenbourger auf ihren Heimflug. In der Woche zuvor hatte die 19-Jährige aus dem saarländischen St. Wendel Hals über Kopf ihren Einsatzort Concepción verlassen müssen, wo sie in einer Musikschule geholfen und Unterricht erteilt hat. „Viele haben. auch schon bevor es die von der bolivianischen Regierung verhängten Ausgangssperren gab, nur mit Mundschutz das Haus verlassen“, erzählt sie unserer Zeitung. In dem im Ostteil des Landes gelegenen Concepción verlasse mittlerweile niemand mehr das Haus. Das Militär kontrolliere.

Auch die inzwischen bei einer Gastfamilie in der Millionenmetropole Santa Cruz untergekommene Hagenbourger hält sich nach eigenen Angaben strikt an die Ausgangssperre. An bestimmten Tagen dürften die Menschen – abhängig von der letzten Nummer des Codes auf dem Personalausweis – einkaufen gehen. Wer sich nicht an die Verbote halte, werde mit einer hohen Geldbuße bestraft und für acht Stunden in Gewahrsam genommen.

Marie Hagenbourger (links) aus St. Wendel  unterstützte in ihrem bolivianischen Einsatzort Concepción die Orchesterarbeit. Foto: Privat

Eine erste, vom Auswärtigen Amt für Montag angesetzte Rückholaktion, wurde zunächst verschoben, später ganz gecancelt. Jetzt ist die 19-Jährige zuversichtlich, dass es mit dem nun anvisierten zweiten Versuch klappen wird. Die Chancen stehen offenbar niht schlecht. Auf der Facebookseite der deutschen Botschaft in Bolivien werden am Freitag Fotos vom Flughafen in La Paz veröffentlicht, auf denen Deutsche beim Einchecken zu sehen sind. Ihre Heimreise geht über Santa Cruz nach Frankfurt. Geplante Ankunft: Samstag gegen 17 Uhr.