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47 Jahre alt und jungfräulich

47 Jahre alt und jungfräulich

Bei Klaus Lichter steht die Kreidler nicht in der Garage, sondern im Wohnzimmer. Ein fabrikneuer Oldtimer aus dem Jahr 1965 mit Seltenheitswert erfreut den Liebhaber alter Motorräder.

Bitburg. Drei Graupapageien bewachen Klaus Lichters größten Schatz. Aus ihren raumhohen Volieren haben sie unverstellten Blick auf die Kreidler: 47 Jahre alt, 75 Kilogramm schwer in den eleganten Farben Anthrazit und Elfenbein. Ihr Eiertank hat noch nie einen Tropfen Sprit gesehen, kein Fuß hat je ihre Schaltung getreten, ihre rostfreie Karosserie ist gewachst, gereinigt und poliert, ihre Reifen haben den Asphalt allenfalls handgeschoben berührt. Und beim Vorbeigehen gibt Klaus Lichter ihr Streicheleinheiten. Diese Kreidler Florett Super 5 ist eine Rarität. Als Museumsstück parkt sie seit zwei Monaten in Klaus Lichters Wohnzimmer. Damit hat ihm seine Familie zum 50. Geburtstag einen Jugendtraum erfüllt.
Zwischen 1964 und 1965 nur neun Monate lang gebaut, ist die Kreidler Florett Super 5 ein Kind des Wirtschaftswunders. Deshalb liebt Klaus Lichter sie so sehr. Für ihn ist sie ein Symbol dieser guten Jahre, als der Wohlstand im Nachkriegsdeutschland wieder zarte Blüten trieb. Sie erinnert ihn an seine Kindheit. "Mein älterer Bruder hatte eine Kreidler. Ich hab ihn immer beneidet." Mit der Kreidler habe man damals alles erledigt. Seine Nachbarn fuhren mit ihren fünf PS zu zweit ins Wochenende, die Kreidler war im Straßenbild allgegenwärtig. Auf ihr wurde Deutschland mobil.
Sammel leidenschaft


Wer auch immer bei Lichters zur Tür eintritt, unterliegt ihrem Zauber. Sie löst Zungen, bricht das Eis, ist der Fahrschein in die Vergangenheit. Denn jeder, der das Motorrad erblickt, beginnt zu erzählen.
"Jeder kennt jemanden, der eine Kreidler hatte. Und ich höre immer wieder, egal was ich danach bekommen habe, meine erste Kreidler vergess\' ich nie", fügt Klaus Lichter hinzu.

Seine Kreidler gehörte zur Konkursware des 1982 in die Insolvenz gegangenen Unternehmens. Ein holländischer Sammler erwarb das fabrikneue Ausstellungsstück, verkaufte es nach Aachen weiter, wo ein Verwandter von Klaus Lichter auf es aufmerksam wurde.
Er brachte sie in seinen Besitz nach Luxemburg und verschenkte sie fünf Jahre später nach Bitburg. 1070 Mark kostete sie 1965. Was sie heute wert ist? Lichter verdreht die Augen, winkt ab und schweigt. Auf jeden Fall ist sie ihm zu wertvoll für die Straße. "Sie war nie und sie wird nie zugelassen", schwört Lichter. Deshalb hält er fürs Frühjahr Ausschau nach einem weniger kostbaren Modell.
Dann will er sich dem Kreidler-Fanclub aus Fusenig anschließen und mit 80 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit gemächlich durch die Eifel tuckern. Denn Lichter geht es nur ums Träumen.
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