Alles andere als stinknormal

Alles andere als stinknormal

BITBURG. (ka) Im Bitburger Haus Beda referierte der Journalist Michael Preute - bekannt als Eifel-Krimi-Autor Jacques Berndorf - vor Schülern der Edith-Stein-Hauptschule und des St.-Willibrord-Gymnasiums über sein literarisches Schaffen.

"Warum beschäftigt sich ein offenbar seriöser, älterer Herr mit Leichen?" - gleich als erstes und völlig unvermittelt stellt Berndorf die Frage. Atemlose Stille im großen Saal des Hauses Beda. "Um meine ‚Schmöker' zu verstehen, müsst ihr wissen, was mich dazu trieb", ergänzt er. Krimis zu verfassen, sei für ihn der Umgang mit Aggressionen. Diese müssten nicht immer negativ sein. "Ich schreibe mir die Seele frei von miesen Erfahrungen und Schweinereien die ich erlebt habe", erklärt Berndorf. Zwei der miesen Erfahrungen schildert der ehemalige "Stern"- und "Spiegel"-Kriegsberichterstatter - damals noch Michael Preute - den Schülern: "Es war in Vietnam. Ich begleitete eine amerikanische Einheit im Dschungelkampf. Mit Joei, einem der jungen GIs ( Soldaten, Anmerkung der Redaktion ), hatte ich besonders guten Kontakt, ein netter Kerl. Er wollte in zwei Monaten heiraten, konnte es kaum erwarten, erzählte mir immer wieder davon. Dann eines nachts: Feuerüberfall des Vietcong. Auch Joei stand hinter einem Sandsack und feuerte wie wild in die Dunkelheit. Plötzlich ein eher leiser, unangenehmer Ton. Joei war getroffen, hielt sich den Unterleib, damit die Gedärme nicht herausquollen. Vergebens. Joei wusste nicht, dass er sterben würde. Aber ich wusste es. Noch zwei Minuten, dann war Joei tot.""Alles, was sie verdiente, schickte sie nach Hause"

Auch die zweite miese Erfahrung machte Preute/Berndorf in Vietnam. Er berichtet: "In Saigon wurde ein Kinderpuff eingerichtet: Erst zehn bis 14 Jahre alt seien die Mädchen und Jungen, hieß es. Natürlich wollten wir Journalisten Näheres wissen. Tatsächlich, alles Kinder, stellte ich fest. Das tut richtig weh, vor allem, wenn man selbst eine zwölfjährige Tochter hat. Ich kam mit Kim, einem aparten Mädchen ins Gespräch. Sie ‚arbeitete‘ in einem Verschlag. Über dem Bett hing ein Kruzifix. Das Überraschende: Ich könnte nicht behaupten, dass Kim unglücklich war. Sie sei die einzige, die in der Lage ist, für ihre Familie Geld zu verdienen, sagte sie. Alles, was sie verdiente, schickte sie nach Hause. Aus Sparsamkeit wusch sie die Kondome aus. Zum Trocknen hingen sie am Kruzifix. Alle acht Tage kam der Vater zu Besuch." - "Wo Krieg herrscht, ist nichts mehr stinknormal", erklärt Berndorf den Schülern: "Bild auf Bild legt sich auf deine Seele und die kriegt es plötzlich mit der Angst zu tun. Man wird zum ‚Alki‘. Ich war nicht der große Held, als der man galt. Ich war ständig besoffen." Das zu bekennen, sei ihm wichtig, sagt Berndorf. Er sei stolz darauf, nach dem Fall ins Nichts den Neuanfang geschafft zu haben. "Aber ich musste ihn mir mühsam erkaufen, musste mich frei schreiben", stellt er rückblickend fest. "Krimis schreiben ist eben immer der Umgang mit Aggressionen." Das Buch, das Berndorf zurzeit ‚in der Mache' hat, heißt "Eifelträume". Daraus las er Kostproben. Beeindruckt waren die Schüler von der kriminalistischen Kompetenz des Autors und der Akribie, mit der er seine Romane recherchiert. "Für die Recherchen benötige ich etwa fünf bis sechs Monate", sagt Berndorf. "Das Schreiben ist meist in etwa fünf Wochen erledigt."