Als der Krieg zum Alltag gehörte …

Als der Krieg zum Alltag gehörte …

Die Pest löschte ganze Orte aus, Hungersnöte und Feuersbrünste wüteten. Es war die Zeit der Hexenverfolgungen. Als eine der wenigen Bitburger, die im 16. Jahrhundert des Schreibens mächtig waren, hielten die Schweißdals in ihrer Familien-Chronik Ereignisse fest - ob die Geburt der Tochter oder der Westfälische Friede.

Bitburg. Größe ist relativ. Im 16. Jahrhundert hatte Bitburg gerade mal knapp 1000 Bürger. Eher ein Dorf, als eine Stadt, möchte man meinen. "Wenn man aber bedenkt, dass Köln damals auch erst so um die 10 000 Einwohner hatte, stimmen die Relationen wieder. Und Köln war eine der größten Städte", sagt Peter Neu. Das kleine Bitburg hatte damals in der Eifel - neben Neuerburg, der Stadt der Weber, und Dudeldorf, der Stadt der Gerber - durchaus Bedeutung. Bitburg gehörte damals zu Luxemburg und damit zu den spanischen Niederlanden - doch das sollte nicht von Dauer sein (siehe Hintergrund). In dieser Zeit, dem 16. Jahrhundert, beginnen die Aufzeichnungen der Bitburger Familie Schweißdal.
Die Häuser, meist noch mit Stroh gedeckt, standen in den engen Gassen des Städtchens dicht an dicht - in etwa auf der Fläche der heutigen Kernstadt, geschützt von Stadtmauer und Toren, von denen heute nur noch wenige Reste zeugen. Es gab Schuster, Schneider, Weber und Färber. Und natürlich Bäcker und Metzger. "Bitburg war vor allem eine Stadt der Landwirte und Handwerker", sagt Neu.
1300 Jahre Bitburg


Auf dem Spittel stand das im 13. Jahrhundert gegründete Bürgerhospital, das dem heutigen Platz seinen Namen gab. An der Kölner Straße stadtauswärts, früher hieß sie Burgstraße, stand bereits das Waisenhaus-Schlösschen. Damals war es eine Wasserburg, die in dem sumpfigen Gelände von einem Wassergraben umgeben war und in der bis zum 30-Jährigen Krieg eine Familie von Enschringen gelebt hat, die auch durch Heirat mit der Burg Rittersdorf verbunden ist, wo heute noch das Familienwappen über dem Tor prangt. An der Stelle des heutigen Rathauses stand eine Art Burg, die von einer adeligen Familie bewohnt war.
Die Pest wütete, Hexen wurden verfolgt und verbrannt. Es gab schreckliche Hungersnöte und vernichtende Feuersbrünste. Es zogen Heere durch die Lande, Plünderungen und Einquartierungen, für die die Bevölkerung aufkommen musste, gehörten zum Alltag wie auch Krieg, Kampf und Tod.
Viel ist aus der Stadtgeschichte in dieser Zeit nicht überliefert. Das macht die Chronik der Familie Schweißdal, die mehr als 200 Jahre - vom 16. bis zum 18. Jahrhundert - so wertvoll. Mit wenigen Unterbrechungen wurde die Fortführung der Chronik von einer Generation an die nächste übergeben. "Es ist die einzige authentische Quelle, die wir aus dieser Zeit haben", sagt Stadtarchivar Neu.
Über die Schweißdals selbst ist nicht viel bekannt. Sie müssen gebildet gewesen sein. "Wer konnte zu dieser Zeit schon schreiben", sagt Neu, der davon ausgeht, dass die Schweißdals eine angesehene und reiche Bitburger Familie waren. Für den Wohlstand der Familie spricht, dass 1580 einer der Schweißdals entführt wurde, um Lösegeld zu erpressen. Und zwar von den Geusen, ein Schimpfwort für die nicht sehr beliebten Holländer. "Über diese Entführung, weshalb es später zum Prozess kam, sind in Teilen noch Akten erhalten", sagt Neu.
In der Chronik wird beispielsweise von Kroaten und Lothringern berichtet, die vor der Stadt lagerten oder auch Gefechten bei der Meilbrück im Dreißigjährigen Krieg. Natürlich finden sich darin auch viele private Ereignisse - wie etwa die Geburt einer Tochter. "Leider erfährt man über das alltägliche Leben in der Stadt wenig", sagt Neu.
Die Schweißdals waren eine Schöffenfamilie, später bekleideten sie auch das Bürgermeisteramt. Lange hat die Familie im Kobenturm gelebt, der 1576 als Wohnhaus von Johann Schweißdal mitten in der Hauptstraße gebaut worden war und erst nach dem Zweiten Weltkrieg, stark zerstört, abgerissen wurde. Wohl auch, weil der Turm weit in die heutige Hauptstraße ragte und es deshalb dort weder möglich war, die Straße wie gewünscht zu verbreitern, noch einen Bürgersteig anzulegen. Nach dem Krieg brauchte die nahezu völlig zerstörte Stadt zudem schnell günstigen Wohnraum - an kostspielige Sanierungen war damals nicht zu denken. Einige der Sandstein-Figuren, die einst den Kobenturm schmückten, hänge heute im Foyer der Stadthalle.
Angeklagt als Hexenmeister


Überliefert ist auch, dass Johann Schweißdal als Hexenmeister angeklagt wurde. Zwar ist er nicht auf dem Scheiterhaufen geendet, aber sein Leben, so erzählt Neu, habe der Chronist als gebrochener Mann beschlossen.
Die Schweißdal-Chronik ist eines der Exponate, die in der Ausstellung zum Bitburger Stadtjubiläum ab dem 11. April im Haus Beda gezeigt wird. Bis zur Eröffnung der Ausstellung widmet sich der TV jede Woche in Zusammenarbeit mit Stadtarchivar Dr. Peter Neu einem anderen Aspekt von Bitburgs Geschichte.
Extra

Als 1556 Karl V. sein riesiges Reich aufteilte, fiel Luxemburg als Teil der Niederlande an die spanische Krone. Philipp II., der Sohn von Kaiser Karl V., wurde somit Herr über Luxemburg und die Niederlande - und damit auch über Bitburg, das damals zum Luxemburger Land gehörte. Während 1517 Martin Luther gegen den Ablasshandel predigte, begann mit der spanischen Herrschaft wieder ein streng katholisches und gegenreformatorisches Regiment. Es war die Zeit der Hexenverfolgungen. In dieser Zeit fielen auch die Holländer als Freibeuter, sie wurden Geusen genannt, ins Land und auch in die Eifel ein - um ihren Feinden, den Spaniern zu schaden. Es folgte der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648), der auch in der Eifel Hunger und Brand brachte. Schweißdal fluchte den abziehenden Heerscharen 1648 hinterher: "Der Hencker gesegen ihnen allesammen den Käß - Vil Glück auf der Reis, nicht wieder zu kommen - Der den Teuffel über Haltz laden thut, wirt seiner nicht leichtlich quit." Die Verkündigung des Westfälischen Friedens im Juni 1648 kommentierte Schweißdal: "Das ist der langh gewünster, würklicher allseits getroffener ewiger Frieden gantz königlich und pompoß proclamirt und außgelendiget worden." Mit dem Ende des spanischen Erbfolgekrieges (1704 bis 1714) kamen Luxemburg und mit ihm das Bitburger Land an Österreich. Aus den spanischen Niederlanden wurden die österreichischen Niederlande. Unter Kaiserin Maria Theresia (1740 bis 1780) erlebte das Bitburger Land eine Blüte. Noch heute hängen Nachbildungen der Original Kronleuchter des Schlosses Schönbrunn bei Wien im Haus Beda - sie wurden auch in der gleichen Manufaktur gefertigt, wie die Kronleuchter von Kaiserin Maria Theresia. Französische Revolutionsheere eroberten 1794 das Land - Bitburg gehörte fortan zu Frankreich und wurde infolge des Wiener Kongresses (1815) von seiner alten Heimat Luxemburg abgetrennt - und war fortan eine Kreisstadt in der preußischen Rheinprovinz. scho