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Als die Märkchen die Mengen bestimmten

Als die Märkchen die Mengen bestimmten

Brot gibt es heute im Überfluss. Das war In den Notzeiten der Nachkriegsjahre anders. TV- Mitarbeiter Alois Mayer erinnert sich.

Wittlich/Daun/Bitburg. "Unser tägliches Brot gib uns heute." So beten auch heute noch viele Gläubige. Doch Fakt ist, dass unser tägliches Brot tonnenweise verschimmelt, missachtet, vernichtet wird. Allein in Deutschland werden jedes Jahr 500 000 Tonnen Brot weggeworfen. Damit könnte man alle Menschen in ganz Rheinland-Pfalz über ein halbes Jahr lang versorgen.
Jedoch eine Generation zurück - da erlebte das Brot eine ganz andere, lebenswichtige Wertschätzung. Da konnten Deutsche sich nicht immer an Brot satt essen, geschweige es auch noch fortwerfen. Daran wurde ich erinnert, als ich beim Aufräumen diese Lebensmittelkarte fand. Es ist die letzte von der Bundesrepublik Deutschland, in diesem Fall von Rheinland-Pfalz, ausgegebene Karte für die Monate Januar und Februar 1950, da Lebensmittelkarten in diesem Monat abgeschafft wurden. Es handelt sich um eine Karte für Verbraucher über sechs Jahren.
In den Notzeiten der Nachkriegsjahre mit ihrem Mangel an Konsumgütern wurden von 1945 an Lebensmittelkarten an die Bevölkerung ausgegeben. Auf diesen wurden Brot, Fett, Zucker, Fleisch und andere Nahrungsmittel in bestimmten Rationen verzeichnet. An Wochenenden verkündeten Aushänge oder die Gemeindeschelle, welche Waren in der jeweils nächsten Woche gekauft werden durften. Und nur die Personen, die dann in der Lage waren, die entsprechenden Lebensmittelkartenabschnitte, die Märkchen, vorzulegen, erhielten sie die vorgeschriebene Menge, wenn sie sie auch bezahlen konnten. Und bei der eingeschränkten Menge, wer konnte sich da so recht satt essen? Da musste eben so mancher bereits nach der ersten Scheibe Brot, bestrichen mit hauchdünner Margarine, eventuell sogar getunkt in Zuckerwasser, satt sein, selbst wenn der knurrende Magen noch nach einer zweiten Schnitte verlangte. Ende 1946 hielten die Besatzungsbehörden die vorgesehene Tagesration für erwachsene Normalverbraucher mit 1550 Kilokalorien für ausreichend. Heute wird der Tagesbedarf mit rund 3000 Kilokalorien berechnet.
Ich erinnere mich noch, wie ich mit meiner Mutter in einer langen Schlange vor dem kleinen Kramladen stand und wartete, bis wir endlich an der Reihe waren. Mutter reichte dem Verkäufer die Karte hin und verlangte Brot, Zucker und etwas Fett. Der Händler schnitt dann mit einer großen Schere sorgfältig die kleinen viereckigen Märkchen mit den Namen des Gewünschten aus und klebte sie in sein dickes Buch. Sie dienten ihm und dem Amt als Beleg, für den er damit später die gleiche Menge wieder zugeteilt erhalten konnte. "Nein", sagte der Verkäufer noch, "ich kann Ihnen kein Pfund Fleisch geben, ich habe keins mehr. Es wurde mir viel zu wenig geliefert. Aber wenn Sie wollen, ich habe noch Heringe ..!"
"Wir müssen sorgsam mit der Karte umgehen", sagte Mutter beim Herausgehen. "Sie muss einen Monat reichen. Wenn wir sie verlieren, können wir nichts mehr kaufen, denn es gibt keine Ersatzkarten. Und am Sonntag gibt es Heringe mit Pellkartoffeln!"
Für mich war das nicht besonders schlimm, denn ich wusste, dass in der großen Schulpause morgen früh Schulspeisung (dicke Nudeln in warmer Milchsuppe) aufkommende Hungergefühle unterdrücken würde.
Wen wunderts, dass ich bis heute kein Brot wegwerfen kann, noch nicht mal eine harte Kruste.