Als die Menschen gefrorene Kartoffeln aßen

Als die Menschen gefrorene Kartoffeln aßen

Zeitreise zurück ins Jahr 1816. Damals war die Eifel gerade infolge des Wiener Kongresses von Luxemburg getrennt und Preußen zugeschlagen worden. Missernten und Hungersnöte prägten das Leben. 1816 sollte als "Das Jahr ohne Sommer" in die Geschichte eingehen.

Bitburg/Prüm/Daun. Von einem "unerhörten allgemeinen Misswuchs an Getreide und Gemüße" berichtet Bürgermeister Metten 1816 in Kelberg. Er schrieb damals, vor 200 Jahren: "Eine allgemeine Hungers Noth bedrohete das ganze Land, und besonders die Eifel. (…) Ich mag mich dieser Epoche nur mit Grausen erinnern. Ich habe Leute gesehen, die Gräßer in den Wiesen gesammelet und gegeßen haben. Die erkalteten Grundbieren (Kartoffeln; Anmerkung der Redaktion) wurden als Leckerbißen benutzet."Würmer kamen auf den Tisch


Bitburg zählte in dieser Zeit etwa 1300 Einwohner, ein kleiner Ort. Und auch dort war die Not groß. Der Ackerbau, so berichtet es Unterpräfekt Willmar Anfang des 19. Jahrhunderts, ist "die Haupterwerbsquelle der Einwohner dieses Bezirks". Wie groß die Not in dieser Zeit in der Eifel gewesen sein muss, beschreibt auch Josef Görres, Koblenz, Ende 1816: "Seit Monaten schon nähren sich im Innern der Eifel viele Tausend Menschen von erfrorenen Kartoffeln, aus denen sie Kuchen backen, um ihr elendes Leben notdürftig zu fristen." Selbst zu Ostern 1817 lag noch hoher Schnee und ein eisiger Wind pfiff aus Nordwest. Das schlechte Wetter in der Eifel hielt bis zum 15. Juni an. Wochenlange Regenfälle hatten die Ernte vernichtet, Brot- und Saatgetreide fehlten. Heu konnte erst um den Michelstag, den 29. September, halbmodrig eingefahren werden, Kartoffeln faulten im Boden.

Große Teile der Bevölkerung waren nicht mehr im Stande, Getreide zum Brotbacken anzukaufen. Peter Blum berichtet im Buch "Entwicklung des Kreises Daun", aus dem Jahr 1925 im Rückblick auf diese Jahre: "1816 fiel eine so schwere Missernte ein, dass eine entsetzliche Teuerung und Hungersnot um sich griff. In der Eifel lebten die armen Leute von Wiesenkräutern, die sie mit Hafermehl zu Mus verrührten." Es wird berichtet, dass hungernde Menschen sogar Würmer und Schnecken in der Pfanne brieten oder Fleisch von verendeten Tieren aßen. Kinder mussten betteln gehen, weil ihre Eltern sie nicht mehr ernähren konnten. Viele entschlossen sich damals, ihr Land zu verlassen. Preußen veranlasste Geld- und Sachsammlungen für die "notleidende Eifelbevölkerung".

König Friedrich Wilhelm III. ließ für zwei Millionen Taler Getreide ankaufen und der Eifel zukommen. Im Regierungsbezirk Trier wurden fast 100 000 Reichstaler, zigtausende Brote, Getreide, Erbsen, Bohnen oder Kartoffeln gesammelt. Im Amtsblatt der Bezirksregierung Trier gab es Anleitungen, wie aus ausgewachsenem und feuchtem Roggen Brot gebacken werden konnte. Damals sah man diese Hungersnot als Strafe des Himmels. Andachten und Fürbitten wurden in Kirchen gehalten. Heute kennt man die Ursache für die damalige Hungersnot. Schuld war ein riesiger Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa am 5. sowie am 10./11. April 1815. Unvorstellbare Massen (rund 150 Kubikkilometer) von Asche, Lava und Gasen wurden ausgestoßen. Nach Ansicht von Klimatologen wurde so viel Asche in den vergangenen 400 Jahren noch nie von einem Vulkan ausgeworfen.Ganz Europa war betroffen


Ein Staubschleier mit schwefligen Bestandteilen umkreiste die Erde, ließ Sonnenstrahlen kaum zur Erde dringen. Temperaturen im Sommer 1816 gingen deutlich zurück, bodennahe Erdschichten kühlten stark ab.
Nahe der belgischen Stadt Brüssel wurde die größte Sommerkälte des Jahres 1816 in Europa gemessen. Regen über Regen richtete Saaten und Feldfrüchte zugrunde. Nach dem kühlen Sommer folgte ein äußerst früher Wintereinbruch. In Pfarrchroniken ist zu lesen, dass Frucht und Kartoffeln erst im frost- und schneereichen November eingebracht wurden.
1818 war ein warmes, fruchtbares Jahr. Die schlimme Hungersnot war überstanden, vorerst, denn es sollte in den kommenden Jahrzehnten noch manches Jahr folgen, das durch Missernten und Seuchen, Hunger und Not geprägt war.

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