Als Neuerburg im Flammenmeer verschwand

Historie : Verschwunden im Flammenmeer

Das große Feuer von 1818 verschlang große Teile Neuerburgs – plötzlich waren hunderte Menschen obdachlos. Martin Brunker hat dies in der Stadtchronik für die Nachwelt festgehalten. Der Maler Norbert Klinkhammer nutzt dafür die Kunst.

15 Minuten. So lange dauert es, bis halb Neuerburg brennt. Ein regelrechtes Inferno, das 19 Menschen am 9. Juli 1818 direkt das Leben kostet. Fünf sterben später an ihren Verletzungen. Über 70 Neuerburger sind nach dem Feuer so krank oder verletzt, dass sie pflegebedürftig sind. Doch nicht nur die Invaliden brauchen dringend ein Dach über dem Kopf. Das Schicksal teilen sie mit an die tausend weiteren Bürgern der Stadt. Innerhalb weniger Minuten brennen an diesem Tag 177 Wohnungen. Und mit ihnen fallen auch Scheunen, Ställe, das gesamte Hab und Gut und auch Vorräte, insbesondere für das Handwerk, den Flammen zum Opfer. Doch ohnehin hätten die Gemeindemitglieder nur mit den Vorräten nicht mehr viel machen können: 64 Webstühle brennen ab. Die Grundlage für den bescheidenen Wohlstand der Neuerburger wird damit vernichtet. Die Schäden belaufen sich auf etwa 223 564 preußische Taler. Das entspräche heute rund 1 680 300 Euro – eine enorme Summe.

Ausgebrochen ist der Brand an einem Donnerstagmorgen in der Hohlstraße im Haus des Bäckers Molitor. Durch wochenlange Trockenheit und wegen der sommerlichen Hitze sind die Häuser mit ihren Strohdächern leicht entflammbar. Kräftiger Wind und Funkenflug in alle Richtungen sorgen dafür, dass das Feuer sich in alle Himmelsrichtungen ausbreitet.

Die Bürger können nur wenig dagegen tun. Hilfsmittel außer Löschketten mit ledernen Eimern sind keine vorhanden und die Flammen breiten sich viel zu schnell aus, um damit etwas auszurichten. Die engen Gassen und fehlenden Lücken zwischen den Häusern erschweren die Löschversuche, ermöglichen dem Feuer aber auch, auf etliche Häuser überzugreifen.

Brand_in_Neuerburg. Foto: TV/Scheidweiler, Jonas

Zudem kommt bei solchen Ereignissen Panik auf, die Betroffenen sind gelähmt vor Schock -– und ihnen bleibt nur noch, aus brennenden Gebäuden das ein oder andere zu retten und anderen Menschen zu helfen.

Nach dem Tag haben 240 Familien keine Bleibe mehr. Doch in Folge des Brandes zeigt sich die Bevölkerung der Region voller Hilfsbereitschaft. Die Nachbargemeinde Weidingen nimmt 140 Kinder auf. In Trier und Bitburg kommt es zu Sammlungen und der Landrat von Bitburg gründet einen Hilfsverein.

Auch die preußische Regierung ordnet im August 1818 Sammlungen im ganzen Bezirk an. Dabei wird viel Geld, aber auch Hausrat gespendet, um den Neuerburgern wieder auf die Beine zu helfen. Für den Wiederaufbau kommen zahlreiche Männer aus der Region, um tatkräftig mit anzupacken.

Einer der großen Initiatoren der Spendenaktionen ist der Regierungs-Vizepräsident Freiherr von Gärtner, nach dem im neu aufgebauten Neuerburg auch eine Straße benannt ist.

Durch die rasche und vielfältige Hilfe stehen bereits vor Wintereinbruch neue Häuser. Neuerburg wird neu gegliedert. Die engen Gassen weichen breiteren Straßen und ein neuer Marktplatz wird angelegt.

Foto: Martin Brunker

Vergangenes Jahr jährt sich das Ereignis zum 200. Mal. In der Gärtnerstraße wird eine Gedenktafel angebracht. Den Text schreibt Martin Brunker, der sich selbst als „Urneuerburger“ bezeichnet. Vor etwa zweieinhalb Jahren entschließt er sich, die Geschichte Neuerburgs für die Nachwelt festzuhalten. Noch gibt es einige Zeitzeugen in sehr fortgeschrittenem Alter, die ihm Informationen aus erster oder zweiter Hand weitergeben können. Neben diesen Informationsquellen nutzt er zudem die historischen Texte von Dechant Zimmer, der um die Wende zum 20. Jahrhundert lebte. Zwischen 1906 und 1912 veröffentlichte der Geistliche in der Neuerburger Zeitung seine Recherchen. „Es war ein Glücksfall, eine Suche der Nadel im Heuhaufen, aber ich habe jemanden gefunden, der eine vollständige Sammlung der Zeitung besitzt“, sagt Martin Brunker. Diese Texte verarbeitet er in seinem Buch „Geschichte der Stadt und Herrschaft Neuerburg“. Einer der hierin aufgefassten Autoren ist der inzwischen verstorbene Heribert Ambros, der für den Heimatverein den Text „Der weiße Fleck“ geschrieben hat. Darin beschäftigt er sich mit dem Brand von 1818. Die Aufarbeitung ist Grundlage dieses Artikels.

Ein wenig anders, künstlerischer, nähert sich Norbert Klinkhammer dem Thema. Bereits 1978 hat er ein Bild des mittelalterlichen Neuerburgs angefertigt. Das große Gemälde zeigt die Stadt um 1630, basierend auf einem Grundriss der Stadt aus dieser Zeit. Darauf erkennt man deutlich die Fachwerkhäuser mit ihren Stohdächern, die nach dem Brand in der Stadt verboten wurden. „Ich war schon immer sehr heimatverbunden, früher auch Denkmalpfleger im Eifelverein“, erzählt Norbert Klinkhammer. Zum 200. Jahrestag des großen Brandes entschließt sich der Künstler auf der Grundlage des Gemäldes von Neuerburg um 1630 ein neues Werk zu schaffen. Jetzt schlagen Flammen aus den Fachwerkhäusern und halten den Brand von 1818 auch visuell fest.

Heute ist das Gemälde in der Burg Neuerburg als Dauerleihgabe ausgestellt. An die Brandkatastrophe als solche erinnert neben dem zweiten Gemälde von Norbert Klinkhammer auch eine Gedenktafel in der Gärtnerstraße.

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