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Als Prüm unter rotem Staub versank

Als Prüm unter rotem Staub versank

Die Kalvarienberg-Explosion jährt sich am Dienstag zum 65. Mal - Herbert Juli hat die Katastrophe miterlebt. Die Angst unter den Menschen, die Flucht aus der Stadt, die Rückkehr zu den verwüsteten Häusern - all das schildert der Zeitzeuge im Gespräch mit dem TV.

Prüm. Morgen ist es 65 Jahre her: Ein Junge, damals 14 Jahre alt, pflückt in einem Prümer Garten Kirschen, unweit des Kalvarienbergs. Dann: Feueralarm - der Junge sieht die hohe Rauchsäule und läuft nach Hause.
Es ist der 15. Juli 1949 - und ein Abend, den die Stadt bis heute nicht vergessen hat: Feuer bricht in einem Bunker unter dem Kalvarienberg aus und bringt 500 Tonnen Sprengstoff zum Detonieren, zwölf Menschen kommen ums Leben, viele weitere werden verletzt (siehe Extra).
Der Junge in dem Prümer Garten ist Herbert Juli, ein Zeitzeuge der Katastrophe, an die er, wie er sagt, auch heute noch oft zurückdenke. Ein kleiner Junge sei er gewesen, der den Krieg noch miterlebt hatte - "das steckt einem in den Knochen". Dem TV erzählt er, wie er die Ereignisse erlebt hat:
"Zuhause packten wir die Habseligkeiten, die man noch aus Kriegszeiten hatte, zusammen, und meine Eltern, meine Geschwister und ich begaben uns auf die Flucht - raus aus Prüm. Der Flüchtlingsstrom - wie eine Prozession und mit vielen bekannten Gesichtern - ging über die heutige Prümtalstraße in Richtung Dausfelder Mühle. Ein letzter Eisenbahnzug auf dem Weg nach Gerolstein fuhr an uns vorbei - vollbehangen mit Menschen auf den Trittbrettern und Dächern."
In alle Himmelsrichtungen seien die Menschen damals aus Prüm hinausgeströmt - viele lagerten dann zwischen Tettenbusch und Prümbach und "warteten auf die Dinge, die da kommen sollten".
Auch Herbert Juli und seine Familie - aber dann: "Plötzlich spürten wir zwei kräftige Erdstöße. Dafür hatten wir keine richtige Erklärung - bis es plötzlich dunkel wurde und eine gewaltige Staubwolke über uns hereinbrach. Und aus dem Staub rieselten verbrannte Äste und Grasnarben auf uns herab." Die Menschen hätten Angst gehabt und geschrien - "bis zwei gestandene Männer aus Prüm - das war ein Erlebnis - Gas, Gas! riefen und dann eine richtige Panik ausbrach und die Leute Kleidngsstücke und Decken nahmen und zum Prümbach liefen, um sie dort zu befeuchten und sich um den Kopf zu schlagen."
Etwa eine Stunde später, erzählt Herbert Juli, habe man sich in kleinen Gruppen wieder auf den Weg zurück nach Prüm gemacht.
Und auch daran erinnert er sich noch: "Die erste Person, die uns entgegenkam und die überlebt hatte, war mit roter Erde bedeckt, das Gesicht mit Staub verklebt, und man sah nur noch die weißen Zähne und Augen."
Und auch ihr Zuhause sei mit dickem rotem Staub bedeckt gewesen, erzählt Herbert Juli - "und dann begann das große Aufräumen, wie wir es schon aus Kriegszeiten kannten".Extra

Ein großes Steinkreuz erinnert heute am Kalvarienberg an die Katastrophe vom 15. Juli 1949: Zwölf Menschen kamen ums Leben, 60 wurden verletzt, 237 Häuser zerstört oder beschädigt. Fast 1000 Einwohner wurden obdachlos. Der Schaden betrug etwa fünf Millionen Mark. In den Kalvarienberg war 1939 ein Stollensystem gebaut worden, in dem ab 1947 unter der französischen Besatzung Sprengstoffe gelagert wurden, mit denen die Westwall-Anlagen zerstört werden sollten. Die 500 Tonnen Sprengstoff detonierten, als 1949 in einem Bunker ein Feuer ausbrach. Wie es dazu kam, ist bis heute nicht geklärt. Die Explosion riss ein 190 Meter langes, 90 Meter breites und im Schnitt 26 Meter tiefes Loch in den Kalvarienberg, der heute bewaldet ist und als Naherholungsgebiet dient. eib