Alterssitz als Jungbrunnen

Altes Haus, neues Leben: Wie zwei Menschen in der Eifel eine unerwartete Heimat fanden. Und sie heute mit ihren Besuchern teilen.

Krautscheid-Ringhuscheid. Es gibt ein Problem mit diesem Haus: Wer hier eintritt, kommt so schnell nicht wieder heraus. Das liegt zum einen an den Entdeckungen, die man hinter jeder Tür, jeder Ecke und jeder Gartenhecke macht. Zum anderen aber auch an den Hausherren: Ruckzuck ist man mitten in einem Gespräch, das dann durchaus ein bisschen länger dauern kann.

Dabei ist das Haus Pondrom in Ringhuscheid eigentlich gar keine Gastwirtschaft und kein Restaurant. Und dass man hier auch übernachten kann, war ebenfalls nie geplant.

Aber was heißt schon geplant: Madeira, das war das Ziel, als sich Evelyne und Helge Wiertelarz gut zehn Jahren langsam zur Ruhe setzen wollten. Aber dann entdeckten sie das frühere Haus der Ringhuscheider Familie Pondrom.

"Neues Leben" auf der Blumeninsel



Dort schufen sie sich dann ihre ganz eigene Blumeninsel. Und noch ein bisschen mehr: Am Ende stand ein völlig neues Leben - deshalb steht es auch auf ihren Autokennzeichen. "NL" lautet das Kürzel in der Mitte.

"Das ist das Haus, das auf uns gewartet hat", sagen die beiden heute voller Überzeugung. Das Haus: Rund 200 Jahre ist es alt, hat viel erlebt und war früher so etwas wie das Zentrum des Dorflebens - Kneipe, Tanzsaal, Laden, Lazarett und Kindergarten. In den 1990er Jahren stand es leer und wurde schließlich über eine Makleranzeige von den Wiertelarz' entdeckt.

Dabei gesteht der 72-Jährige, in Schweich aufgewachsene Hausherr, zur Eifel eigentlich immer "ein gestörtes Verhältnis" gehabt zu haben. "Das war ja immer das ,Armenhaus'", sagt er und erinnert sich an einen Nebeltag am Weinfelder Maar - "diese Stimmung hatte ich irgendwie verinnerlicht".

Er erzählt: Wie er mit 21 Jahren den väterlichen Bodenbelags-Betrieb übernehmen musste, dann zur Industrie wechselte und zunächst in Trier, danach in Bonn, unter anderem Spezialwände für Sporthallen verkaufte. Dann wurde er zum Produktmanager ernannt. "Was ist das denn?" war seine erste Reaktion. Er arbeitete sich ein und stellte fest, dass die Bezeichnung nichts anderes als "Mädchen für alles" bedeutete. Bald hatte er eine Idee für eine Prallschutzwand, mit der sich Geräusche und vor allem Verletzungen, zum Beispiel beim Schulsport, verringern lassen würden. Aber bei seiner Firma habe niemand an das Produkt des Managers geglaubt.

Auf der Überholspur in den Bypass



Die Konsequenz: Wiertelarz machte sich mit 49 Jahren selbstständig und hatte nach kurzer Zeit seinen ehemaligen Arbeitgeber überflügelt. "Das war ein schöner Tag", sagt er.

Zehn Jahre lang war er erfolgreich, installierte seine Schutzwände in rund 3000 Hallen - "bis nach Taiwan". Und dann habe ihn sein Arzt eines Tages gefragt: "Wann hatten Sie eigentlich den Herzinfarkt?" Sechs Bypasse später setzte ihm seine Frau die Pistole auf die geplagte Brust: "Du musst die Firma aufgeben, sonst kommst du irgendwann nicht mehr zurück."

Und dann kauften die beiden das Pondrom-Haus. "Ohne zu verhandeln", sagt Wiertelarz. "Das ist normalerweise nicht meine Mentalität." Sie begannen zu renovieren. Und dabei reifte der Entschluss, "vielleicht doch noch ein bisschen was" zu machen, zumal das Gebäude weit größer war als zunächst vermutet.

So kamen dann 2001 die ersten Seminargäste nach Ringhuscheid. Und als einer von ihnen eines Tages fragte, warum man nicht auch übers Wochenende bleiben könne, "da haben wir gesagt: Das isses!" Also machten sie sich an die Renovierung sämtlicher Räume, um sie als Gästezimmer herzurichten.

Insgesamt sieben Jahre nahmen die Arbeiten in Anspruch. Die Zimmer heißen heute "Bornholm", "Den Haag", "Vianden" oder "Marrakesch" und sind genau so gestaltet und eingerichtet, wie man sich das beim Lesen der Namen vorstellt: Jedes individuell, alle mit überraschenden, stimmigen Details, historischen Anspielungen und weiteren gewitzten Ideen. Für die ist vor allem die gelernte Designerin Evelyne Wiertelarz verantwortlich. "Ich habe mich in jeden Raum reingefühlt", erklärt sie. "Sonst entsteht nur eine Kopfgeschichte."

Keine Kopfgeschichte, sondern eine Herzenssache ist den beiden übrigens ihre neue Heimat geworden: Das ehemals gestörte Verhältnis hat sich längst in eine leidenschaftliche Liebesbeziehung verwandelt. "Wir haben der Eifel schon so viel Abbitte getan", sagt Helge Wiertelarz, "weil man einfach das Klischee im Kopf hatte. Aber das passt schon lange nicht mehr."

Passen muss es auch bei den Gästen. Egal, wer kommt, und sei er noch so hochrangig: Nach dem Schritt über die Schwelle solle jeder einfach nur Mensch sein, sagen die beiden. Die Einträge im Gästebuch scheinen ihnen Recht zu geben: Im Haus Pondrom sei eben alles anders, heißt es da, das Haus sei "ein Kunstwerk", "ein Unikat", "ein Kleinod". Und alle wollen wiederkommen.

Nicht perfekt - und deshalb schön



Entspannt soll es hier zugehen, das wünschen sich die Besitzer. Und nicht alles muss im rechten Winkel sitzen. "Gedrechselt ist nich'" sagt Evelyne Wiertelarz. Und Helge Wiertelarz ergänzt mit Blick auf seine Frau: "Der Reiz liegt im Nicht-Perfekten. Deswegen hat sie mich ja auch genommen." Beide lachen. Und der Besucher macht sich davon, viel zu spät für den nächsten Termin.