Am Ende der Nahrungskette

Jäger entscheiden über Leben und Tod. Nur neun Prozent von ihnen sind weiblich. Unsere Autorin hat die rheinland-pfälzische Jagdkönigin auf den Hochsitz und ins Dickicht begleitet.

Merschbach/Trier Wir befinden uns mitten im Hunsrück: Eine junge Frau läuft in den Wald. An ihrer Seite ein Hund, auf ihrem Rücken ein Gewehr. Unser Gespräch über die afrikanische Schweinepest, die sich auf dem Vormarsch nach Mitteleuropa befindet, kommt zum Erliegen. "Wir müssen uns auf dem Weg zum Hochsitz ruhig verhalten", flüstert sie. Die Tiere sollen von unserer Ankunft möglichst wenig mitbekommen. Durch dicht bewachsenes Terrain geht es zu einer freien Fläche, an die der hölzerne Aussichtspunkt grenzt.
Sarah Wirtz war einmal Vegetarierin. Heute ist sie rheinland-pfälzische Jagdkönigin. Eines ihrer Ziele ist es, mit Vorurteilen gegenüber Jägern aufzuräumen. Als Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft sticht sie heraus. Im bodenlangen Kleid besucht sie offizielle Anlässe, die ihr Amt mit sich bringt. Heute trägt sie bequeme Schuhe, erdfarbene Hosen und eine khakifarbene Mütze - nur die orange Büchse leuchtet grell hervor.


Auf dem Hochsitz Die Einrichtung der auf hohen Stelzen stehenden Hütte ist komfortabler, als man es von einem Hochsitz erwarten würde. Sogar eine Matratze findet sich darin. "Ich habe hier auch schon übernachtet", sagt Wirtz. Die 29-Jährige öffnet die Fenster, die wie mittelalterliche Schießscharten entlang einer Burgfestung anmuten. Ihr Jagdgewehr bestückt sie mit Munition: länglichen, spitz zulaufenden Patronenhülsen. "Die Waffe ist gesichert", kommentiert sie und stellt die Büchse vor dem Fenster ab. Dann beginnt das Warten. Mit gesenkten Stimmen geht das Gespräch weiter. Der Blick schweift über die unbewaldete Stelle, hin zum gegenüberliegenden Waldrand, über die Hügel und Täler. Die Umgebungsgeräusche werden lauter - oder zumindest scheint es so. Erdhügel verwandeln sich zu Tieren - und werden in der Vergrößerung des Fernglases als unbelebte Masse entlarvt. Wann kommen die Waldbewohner aus dem Dickicht? Und was dann?
Gejagt wird, um den Wildbestand zu kontrollieren und um an Fleisch zu kommen. Sarah Wirtz hat sich längere Zeit vegetarisch ernährt. Als sie für ihre Bachelorarbeit zum Thema Rotwildgenotypisierung in Rheinland-Pfalz recherchierte, kam sie erstmals mit Jägern in Kontakt. Aus einem Interesse wurden eine ernsthafte Beschäftigung und später eine Karriere. Denn die Doktorandin, die an der Universität Trier in Biogeographie promoviert, arbeitet inzwischen Vollzeit beim Landesjagdverband. Dort betreut sie das Wildschutzprogramm "Feld und Wiese". Schützen und schießen. Seit Wirtz den Jagdschein gemacht hat, erlegt sie eigenhändig "Stücke", wie das Wild im Jägerjargon bezeichnet wird. Fleisch isst sie wieder. "Mir ist es wichtig, dass ich meinen Konsum ethisch verantworten kann." Schnitzel, Hackfleisch und Rippchen, die aus Massentierhaltung stammen und zu Discounter-Preisen im Regal landen, erfüllen Wirtz‘ Ansprüche nicht. Sie beschafft sich ihr Fleisch, das von Tieren, die durch den Wald spazieren statt im Stall zu stehen, selbst. "Ich bin da etwas radikal", sagt sie. Wer Fleisch isst, solle wissen, was er vor sich hat.
Die Dämmerung bricht herein, Schatten huschen übers Feld und plötzlich stehen sie da: Vier Rehe, die Wirtz sofort als "zwei Ricken und zwei eher schwächliche Kitze" identifiziert. Durch das Fernglas scheinen sie ganz nah zu sein. "Es wäre ungeschickt, jetzt etwas zu machen." Wirtz ist hoch konzentriert. Alle Stücke könnte sie nicht auf einmal erlegen. "Es gäbe Zeugen, und die Tiere könnten gestresst werden." Sie schaut durch das Visier der Waffe. Hinter dem Fadenkreuz ist das einfallende Sonnenlicht, aber kein Reh zu erkennen. Sie legt die Büchse wieder beiseite.
Die Jagdkönigin erklärt, wie sie die Stücke selektiert, die für sie in frage kommen. Ein ausgewachsenes Reh könne alleine überleben, ein Kitz würde hingegen in Schwierigkeiten geraten, wenn die Mutter fehlt. "Man greift daher von unten in die Pyramide ein." Ein Bellen ist zu hören. "Das ist ein Fuchs", sagt Wirtz beiläufig - nach wie vor im Flüsterton.
Ein Schussgeräusch durchschneidet die Stille. Die Frau greift nach ihrem Handy, öffnet ein Chatprogramm. "Hast du geschossen?", erscheint im What'sApp-Verlauf mit einem Jäger, der sich an einer anderen Stelle im Wald befindet. Einen Fuchs hat es erwischt. "Waidmannsheil", ploppt in einer Sprechblase auf dem Bildschirm auf. Tradition trifft Moderne.
Durch das geöffnete Fenster tritt kalte Abendluft ein. Die Sonne ist fast untergegangen, als eine weitere Ricke die Szene betritt. "Eigentlich wäre das jetzt perfekt", sagt Wirtz. Doch sie vermutet, dass das weibliche Reh Nachwuchs hat. "Wenn ich die Ricke schieße, verkümmert das Kitz." Also bleibt die Büchse in der Ecke stehen. Das Warten geht weiter.


Knall in der Ferne Wieder ist ein Schuss zu hören, diesmal aus einer anderen Richtung. Wieder tippt Wirtz eine Nachricht, um mehr zu erfahren. Ein Wildschwein wurde getroffen und ist im Gehölz zusammengebrochen. In der Dunkelheit konnte der Jäger nicht verfolgen, wo es stürzte. Der Jagdhund, der die ganze Zeit unterhalb des Hochsitzes wachte, wird gebraucht: Er soll das Schwein aufspüren. Wir brechen auf.
Jetzt geht alles ganz schnell. Mit dem Auto fahren wir in ein benachbartes Waldstück, wo der Schütze bereits auf uns wartet. Gemeinsam geht es durchs hohe Gras, hinein ins Dickicht. Die Wärmebildkameras sind noch nicht in Betrieb genommen, als der Hund schon neben dem Wildschwein kauert. Das 50 Kilo schwere Stück hat eine winzige Schussverletzung, die unter den Borsten hervorlugt. Es ist noch warm. Wirtz und ihr Kollege tragen es zum Auto und hieven es auf eine Metallkonstruktion am Heck. Mit dem Schwein im Gepäck fahren wir zurück ins Dorf.


Das Innenleben Das Wildschwein wird vor einer Hütte am Ortsrand abgeladen, auf den Rücken gelegt und "aufgebrochen", wie es die Jäger nennen. Mit einer Klinge durchschneiden sie die Bauchdecke, und der Blick auf das Innenleben des Wildschweins wird freigegeben. Dampf steigt aus dem geöffneten Körper in die kühle Nachtluft auf. Während Darm oder Milz nicht verzehrt werden können und in einem Eimer landen, werden andere Organe aussortiert, um später verarbeitet zu werden. Wirtz nimmt sich dem Herzen an. "Daraus kann man zum Beispiel Ragout machen."
Nach wenigen Minuten ist das Wildschwein komplett ausgeräumt. Der Brustkorb bildet eine leere Höhle, in der das Blut langsam gerinnt. Der Eimer daneben ist gefüllt. Über einer Plastikwanne, die in der Hütte bereitsteht, wird das Tier an seinen Läufen aufgehängt. Wirtz füllt ein Formular aus und bringt zur Kennzeichnung des Schweins eine Marke daran an. Keine Jagd ohne Bürokratie. "Eine Probe schicken wir ans Veterinäramt in Trier", sagt die 29-Jährige. Hier wird es zum Beispiel auf Trichinen, winzige Fadenwürmer, die dem Menschen gefährlich werden können, untersucht.
Die Arbeit ist getan, denn erst morgen kommt das Wildschwein in die Kühlung. Über Nacht bleibt es im Zentrum der Hütte hängen.Extra: DIE JAGD WIRD WEIBLICHER

 Verstaubte Jägerklischees? Fehlanzeige. Auf dem Hochsitz wird über What'sApp kommuniziert.
Verstaubte Jägerklischees? Fehlanzeige. Auf dem Hochsitz wird über What'sApp kommuniziert. Foto: (h_st )
 Das Wildschwein wurde an den Läufen zum Abhängen befestigt.
Das Wildschwein wurde an den Läufen zum Abhängen befestigt. Foto: (h_st )
 Suche in der Dunkelheit: An der Leine hält Sarah Wirtz einen Jagdhund.
Suche in der Dunkelheit: An der Leine hält Sarah Wirtz einen Jagdhund. Foto: (h_st )
 Vor kurzem schlug das Herz noch. Für Wildliebhaber ist es nun eine Delikatesse.
Vor kurzem schlug das Herz noch. Für Wildliebhaber ist es nun eine Delikatesse. Foto: (h_st )


Nach wie vor sind die meisten Jäger männlich. Der rheinland-pfälzische Jagdverband hat aktuell über 18 000 Mitglieder. Lediglich knapp 1700 davon, also zirka neun Prozent, sind weiblich. Doch immer mehr Frauen machen den Jagdschein. "In den Jahren 2013 bis 2015 sind jährlich mehr als 100 Jägerinnen dazugekommen", so Sarah Wirtz. Das Besondere: Vor allem jüngere Frauen treten dem Verband bei, denn zwei Drittel sind zwischen 16 und 49 Jahren. "Die Jagd wird also weiter jünger und weiblicher."