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An der Bitburger Gedenkstele wurde erstmals der Pogromnacht gedacht

Erinnerungskultur : Erste Kranzniederlegung an neuer Gedenkstele in Bitburg

In kleiner Runde wurde in Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 an der neuen Gedenkstele auf dem Platz Am Markt ein Kranz niedergelegt.

Sebastian Langner kennt es anders. „Die Stadt Bitburg hat einen Weg beschritten, der so nicht üblich ist“, sagt der Bildhauer aus Wittlich, der die Gedenkstele auf dem im Frühjahr neu gestalteten Platz Am Markt entworfen und geschaffen hat.

Normalerweise sei es so, dass zunächst ein Platz geplant und dann dem Künstler eine bestimmte Fläche für ein Kunstwerk zugewiesen würden, erklärt der Künstler. Im konkreten Fall jedoch habe die Stadt als Erstes das Mahnmal planen lassen und erst danach einem Gestaltungswettbewerb für den Platz ausgeschrieben. Dadurch, sagt Langner, habe er ganz anders an das Projekt herangehen können.

Entstanden ist so das Kunstwerk „Der Riss“. Das Gedenk- und Mahnmal besteht aus einem fast zehn Meter langen und zirka 30 Zentimeter breiten Bronzeband mit der plastischen Darstellung eines Risses, das sich am oberen Ende des Platzes zu einer mehr als zwei Meter hohen Stele erhebt.

Auf dieser Stele stehen die Namen von 22 ehemaligen jüdischen Mitbürgern der Stadt. Und entlang des Risses hat der Künstler festgehalten, was diesen Menschen angetan wurde. Sie wurden verachtet, ausgegrenzt, diffamiert, stigmatisiert, ausgegrenzt, boykottiert, beraubt, entrechtet, vertrieben, deportiert und ermordet. Die meisten von ihnen starben in Vernichtungslagern.

Für Langner symbolisiert der Riss einen „von Menschen gemachten Zivilisationsbruch“. Für Dieter Burgard demonstriert die Länge dieses Risses darüber hinaus eindrucksvoll, dass der Holocaust und die damit verbundenen grausamen Verbrechen „kein plötzliches Entgleisen der Situation“ gewesen seien, sondern eine lange Entwicklung.

Burgard ist Landesbeauftragter für jüdisches Leben und Antisemitismusfragen und auf Einladung der Stadt nach Bitburg gekommen. Nachdem bereits die für den 8. Mai geplante offizielle Einweihung des Denkmals coronabedingt abgesagt werden musste, wollte die Stadt nun am 9. November, passend zum Gedenktag an die Reichspogromnacht, einen zweiten Versuch starten.

Wegen der erneuten Corona-Einschränkungen musste allerdings auch diese Veranstaltung abgesagt werden. Stattdessen dann nur ein Pressegespräch im großen Sitzungssaal der Stadtverwaltung mit anschließender Kranzniederlegung durch Bürgermeister Joachim Kandels am Mahnmal.

Ebenfalls anwesend bei der Kranzniederlegung im kleinen Kreis ist auch Henri Juda, der Mitglied des Arbeitskreises Gedenken ist und dessen Großmutter Klara Juda 1943 nach Auschwitz deportiert und einen Tag nach ihrer Ankunft dort in einer Gaskammer ermordet wurde.

Auch Klara Judas Name steht auf der Stele. Ihr in Luxemburg lebender Enkel Henri Juda lobt die in Bitburg geleistete Gedenkarbeit und in diesem Zusammenhang auch das Mahnmal am Bitburger Markt. Die Darstellung eines Risses sei sehr treffend, weil man Risse letztlich ja auch heilen könne, sagt Henri Juda. Dafür aber, so das Mitglied des Arbeitskreises Gedenken, müsse zunächst der Eiter aus der Wunde gekratzt werden. Und genau daran werde in Bitburg gearbeitet.