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Andreas Kieling: „Meine Heimat ist die Eifel“

Interview: Andreas Kieling : Tierfilmer Andreas Kieling: „Meine Heimat ist die Eifel“

Mit seinem Videoblog „Kleine Waldschule“ erreicht Dokumentarfilmer Andreas Kieling auf Facebook ein Millionen-Publikum. Sein gleichnamiges Buch ist die Quintessenz der ersten 150 Folgen. Wer also nicht in den sozialen Medien unterwegs ist, hat nun die Möglichkeit, aus dem Buch etwas über die heimische Natur zu erfahren. Mit TV-Redakteurin Stefanie Glandien sprach Andreas Kieling über seine besondere Beziehung zum Wald und über sein Fluss-Abenteuer auf der Kyll.

Für Ihre Dokumentarfilme bereisten Sie die ganze Welt. Wie kam es zu der Rückbesinnung auf Deutschland? Und warum fiel Ihre Wahl ausgerechnet auf die Eifel?

Andreas Kieling: 1982 habe ich mich als Revierförster-Anwärter auf verschiedene Reviere im Sauerland, im Hunsrück und in der Eifel beworben. Für das in der Eifel, in der Gemeinde Hümmel, habe ich den Zuschlag bekommen.  Ich habe mich da von Anfang an sehr wohl gefühlt. Die Landschaft war mir gleich vertraut und mit den Menschen kam ich gut klar. Wenn Sie mich heute fragen, wo meine Heimat ist, dann fühle ich die größte Verbundenheit mit der Eifel.

Die Deutschen haben ein ganz besonderes Verhältnis zu ihrem Wald. Für die einen ist er mystisch, für den älteren Eifeler, wie Sie so schön in Ihrem Buch schreiben, vor allem Brennholzlieferant. Welche Bedeutung hat der heimische Wald für Sie persönlich?

Kieling: Natürlich habe ich auch ein romantisches Verhältnis zum Wald. Im Alter von zweieinhalb Jahren hat er mich schon fasziniert und die dunklen Fichtenwälder in Thüringen manchmal auch geängstigt. Je älter ich wurde, umso mehr habe ich mich mit dem Wald beschäftigt. Dort habe ich mit Freunden gespielt und  Feuersalamander, Bachforellen und Hirschkäfer beobachtet. Der Wald hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin –  ein Tierfilmer.  Mit sechs Jahren habe ich den Tieren nachgespürt, erste Verstecke gebaut, um sie ungestört beobachten zu können. Ich bin gerne in Alaska, Namibia oder Australien unterwegs – aber ich bin auch sehr, sehr gerne in der Eifel. Für die Sendung Terra X arbeite ich gerade an einer Geschichte über Wildkatzen. Die haben die Jahre der Verfolgung in der Eifel gut überstanden. Wir  haben hier eine hohe Biodiversität. Deshalb rate ich: Gehen Sie viel raus, nehmen Sie sich ein Fernglas mit und setzen Sie sich mal in der Abenddämmerung eine halbe Stunde lang ohne Mobiltelefon ruhig an einen Waldrand. Viele Menschen können das gar nicht mehr. Sie werden erstaunt sein, was um einen herum los ist. Vielleicht begegnen Sie einer  Waldeidechse, einem spannenden Insekt, vielleicht sogar einem Hirsch oder Fuchs. Dadurch bekommt man einen anderen Blick auf die Natur.

Waldbaden ist gerade schwer in. Da werden Bäume umarmt oder meditiert. Ist das in Ihren Augen Humbug oder hat der Wald wirklich therapeutische Wirkung?

Kieling: Mir geht das zu weit.  Ich bin ein Mensch, der sich ein Leben lang im Wald aufgehalten hat.  Wenn ich mich aktiv im Wald bewege, Gerüche, Geräusche, Düfte auf mich wirken lassen und dann noch ein Tier sehe – das gibt mir so viele Glücksgefühle, da muss ich jetzt nicht den Baum, der hinter mir steht,  umarmen. Vielleicht suchen wir in unserer Ellbogengesellschaft im Wald das Reine, Saubere, Harmonische. Das finden wir auch – aber so, wie er in vielen Büchern beschrieben wird, ist er nicht. Im Wald herrscht auch Konkurrenz. Generalisten kommen gut durch, wie die Rotbuche zum Beispiel. Die spezialisierten Bäume haben es schwer. Es geht um Nährstoffe, Wasser und Licht – wer da das Rennen macht, gewinnt. Da ist es einer Rotbuche scheißegal, wenn da noch der süße Bergahorn steht. Ein Baum, der 10 000 Samen hat, will ja gar nicht, dass alle überleben. Wenn der alte Baum mal umgefallen ist, haben die Jungen ihre Chance.

 Ihr Buch ist das Ergebnis Ihres sehr erfolgreichen Facebook-Videoblogs „Kleine Waldschule“. Wie entstand die Idee dazu?

Kieling: Die Idee dazu kam mir vor fünf Jahren. In meinem Videoblog kann ich über alles,  was mich interessiert und berührt, berichten.  Unser letzter großer Dreh über den Yellowstone National Park hat nur ein Drittel der Likes gebracht, als wenn wir über den deutschen Wald berichten. Das zeigt, dass sich die Menschen sehr dafür interessieren. Für meinen letzten Facebook-Post über eine angefahrene Smaragdeidechse habe ich eine Million Klicks in drei Tagen bekommen. Meine Hoffnung ist, dass ich über meinen Blog viele erreiche, die man noch überzeugen muss, in den Wald zu gehen. Dasselbe soll mein Buch auch ein bisschen leisten. Ich möchte meine eigene Begeisterung transportieren. Außerdem ist es auch ein Ratgeber.

Als Kinder haben wir Beeren im Wald gepflückt und daraus Marmelade gekocht. Doch dann kam die Warnung vor dem Fuchsbandwurm. Kann man heute noch unbedenklich Früchte und Pilze aus dem Wald essen?

Kieling: Vor zehn Jahren wurde der Fuchsbandwurm in der Sauregurkenzeit von den Medien ziemlich aufgebauscht. Die Wahrscheinlichkeit, irgendwo zu verunfallen, ist zigmal größer, als sich den Fuchsbandwurm zu holen.  Wir Deutsche haben Angst vor Flutwellen, Erdbeben, den ganzen Katastrophen dieser Welt – komischerweise hat keiner Angst vor Verkehrstod, Umweltgiften, Selbstmord. Man sollte sich Gedanken darüber machen und fragen, woher kommt das? Das sind die wirklichen Gefahren unseres Lebens. Es gibt vielleicht drei Tote im Jahr durch den Echinococcus multilocularis (Fuchsbandwurmerreger, Anmerkung der Red.).  Den Leuten, die den fürchten, kann ich nur sagen: ,Bleibt zu Hause in euren gefliesten Wohnzimmern und putzt nochmal eure Badezimmer‘. Mir tut jemand leid, der noch nie eine Walderdbeere gegessen hat und nicht weiß, wie gut die schmeckt.

Man sieht ein Reh am Waldrand, aber bevor man die Kamera gezückt hat, ist es schon wieder weg. Wie gelingt es einem Laien, ein schönes Foto von einem Tier in freier Wildbahn zu machen?

Kieling: Man muss sich ganz ruhig hinsetzen. Wer Säugetiere beobachten möchte, sollte darauf achten, dass der Wind einem ganz leicht ins Gesicht weht, damit die Tiere keine Witterung bekommen. Die Kamera sollte schon im Schoß liegen. Wenn dann ein Reh kommt, muss man in Superzeitlupe die Kamera anheben, sonst ist  - hopp hopp - das Reh verschwunden. Das metallische Geräusch des Auslösers ist nicht das Lieblingsgeräusch von Wildtieren, nur Vögel ignorieren es komplett.

Um Pilze oder Blumen zu erkennen, schlug man früher in Bestimmungsbüchern nach. Heute geht das viel einfacher per App. Taugen die was, und welche können Sie besonders empfehlen?

Kieling: Der Nabu hat eine tolle Vogel-App. Wenn man einen Vogel rufen hört, hält man das Smartphone hin und bekommt die Information, welcher das ist. Das Problem mit den Apps ist, dass man nicht viel lernt. Ich nehme lieber aus dem Wald ein Blatt mit, presse es, rieche daran, wälze Bestimmungsbücher – das macht mich glücklich. Nur eine App zu benutzen, das ist sehr simpel. Ich finde Bestimmungsbücher immer noch toll, weil man sich intensiver und mit den Dingen beschäftigt.

Mich hat erstaunt, dass Sie in Berlin die seltensten Insekten entdeckt haben, wie das Grüne Heupferd, während auf dem Land die Insekten aussterben. Da läuft doch was falsch, oder?

Kieling: Eigentlich ist es sehr traurig, aber bezeichnend für unsere Kulturlandschaft. Ich habe das Insekt auf  einem alten Truppenübungsplatz gefunden. Die Flächen wurden landwirtschaftlich nicht genutzt, also keine Pestizide ausgebracht.
In unseren Kulturlandschaften, Wäldern, Äckern, bringen wir seit 70 Jahren kontinuierlich Pestizide aus und haben damit allem den Garaus gemacht. In Berlin wurden früher auch Mückenschutzmittel ausgebracht.Doch  irgendwann hat man damit aufgehört - und siehe da, die Insekten und die Vögel kamen in die Stadt zurück.

Man muss nicht in die weite Welt hinaus, um Besonderes zu erleben. Für Sie hat sich eine Kanutour auf der Kyll zum Abenteuer entwickelt.

 Der preisgekrönte Tierfilmer Andreas Kieling hat ein neues Buch geschrieben über die heimische Natur.
Der preisgekrönte Tierfilmer Andreas Kieling hat ein neues Buch geschrieben über die heimische Natur. Foto: Piper Verlag / Manfred Ossendorf/Manfred Ossendorf
 Andreas Kieling und sein Hund Cleo stehen vor dem vermutlich größten Ameisenhaufen Deutschlands, nicht unweit von einem Dorf in der Eifel entfernt.
Andreas Kieling und sein Hund Cleo stehen vor dem vermutlich größten Ameisenhaufen Deutschlands, nicht unweit von einem Dorf in der Eifel entfernt. Foto: Copyright: Andreas Kieling-/Copyright: Andreas Kieling
Andreas Kieling: „Meine Heimat ist die Eifel“
Foto: Fritz-Peter Linden
 Die Kyll: Den Fluss hat Andreas Kieling per Kanu erkundet.  Links spiegeln sich bei Stadtkyll die Bäume im – noch stillen – Wasser. Auf dem Foto rechts: kleine Stromschnellen an der Siedlung Hammerhütte.
Die Kyll: Den Fluss hat Andreas Kieling per Kanu erkundet.  Links spiegeln sich bei Stadtkyll die Bäume im – noch stillen – Wasser. Auf dem Foto rechts: kleine Stromschnellen an der Siedlung Hammerhütte. Foto: Fritz-Peter Linden

Kieling:  Das war eine tolle Erkenntnis, einen Minifluss runterzufahren und diesen so ursprünglich zu erleben. Wir sind nicht weit gekommen, haben aber viel erlebt und hatten viele Begegnungen mit  netten, sympathischen Menschen. Die Kyll ist ein sehr naturbelassener Fluss, der sich schön  schlängelt und einen ganz tollen Baumbestand hat, wie alte Weiden, Pappeln und Schwarzerlen.
Dazu haben wir viele Tiere am Fluss gesehen, wie den Schwarzstorch, den Eisvogel, Unterwasserkrebse und ein Flussneunauge. Das ist ein fischähnliches, aalartiges lebendes Fossil, das es seit über 500 Millionen Jahren gibt, und es lebt heute immer noch bei uns.