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Angst vor der Rückkehr ins Elend: Familie Seferovic aus Speicher droht die Abschiebung nach Bosnien

Angst vor der Rückkehr ins Elend: Familie Seferovic aus Speicher droht die Abschiebung nach Bosnien

Die fünfköpfige Roma-Familie Seferovic lebt seit zwei Jahren glücklich in Speicher. Das soll sich am 20. April ändern. Denn gegen die Familie liegt ein Abschiebungsbescheid nach Bosnien vor. Dort erwartet sie ein Leben voll Armut und Diskriminierung. Dagegen will Claudia Rohde, Rektorin der St.-Marien-Grundschule, etwas unternehmen.

Speicher. Auf dem Schulhof der St.-Marien-Grundschule Speicher ist es ruhig. Es sind Osterferien. Während viele Schüler glücklich darüber sind, gibt es ein Kind, das traurig ist: Mahmut Seferovic (8). Eigentlich sollte Mahmut mit seinen Freunden Fußball spielen und dabei ausgelassen lachen.

Doch seine Augen sind leer, das Strahlen ist erloschen. Mahmut und seine Familie sollen nach Bosnien abgeschoben werden - einem Land, das sie als Roma diskriminiert. "Wenn du Roma bist, bist du nichts wert", sagt Sabrija Seferovic (34), der Vater von Mahmut.

Der 34-Jährige sowie seine Frau Snezana (28) kennen die Vorurteile, mit denen Roma in Bosnien konfrontiert werden. Ihre Tochter Vanja (6) und der jüngste Sohn Omer (4) sind noch zu jung, um zu verstehen, warum sie in ihrer Heimat gehasst werden. Nur Mahmut weiß, was es heißt, Roma zu sein. "Ich habe mich immer gefragt, warum es Mahmut in Bosnien keinen Spaß macht, in die Schule zu gehen", erinnert sich der Vater. Dann fand er den Grund heraus.

Ohne Ankündigung besuchte Sabrija die Schule und musste mit ansehen, wie Schüler und Lehrer seinen Sohn ignorierten. "Wie hätte mein Sohn in so einem Umfeld glücklich werden können?", fragt er. "Für uns gibt es in diesem Land nichts. Nur Armut, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung." Vom Altmetallsammeln ernährte der damals arbeitslose junge Mann seine Familie. Im Oktober 2013 flüchteten sie nach Deutschland.

Schrei nach Hilfe

Für Familie Seferovic ein erster Lichtblick. An der Grundschule Speicher fand Sabrija einen Ein-Euro-Job als Gemeindearbeiter. Und mit Rektorin Claudia Rohde eine Fürsprecherin. "Man muss Herrn Seferovic nicht sagen, was er machen soll. Er sieht die Arbeit und packt an", erzählt Rohde begeistert. Sie kennt die Familie seit 2013 und weiß, wie gut sie sich in Speicher integriert hat. "Sabrija ist für unsere Schule eine große Unterstützung. Er und seine Familie verdienen eine Chance."

Sabrija, der bereits von 1993 bis 2003 als bosnischer Bürgerkriegsflüchtling in Deutschland gewesen ist, spricht fließend Deutsch. "Ich bin in Mettendorf zur Schule gegangen und hatte hier eine schöne Zeit", erinnert sich der Familienvater. Doch dann musste er wieder zurück. "Der Krieg war vorbei und das Land wieder sicher", erzählt er. "Die Rückkehr war für mich sehr schwer." Neben seinen Hausmeistertätigkeiten hilft Sabrija anderen Flüchtlingen. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, anderen zu helfen. Genauso wie für Mahmut.

"Wir haben noch einen Schüler aus Bosnien da, der noch nicht so gut Deutsch versteht", sagt Claudia Rohde. "Um diesen kümmert sich Mahmut." Rohde kennt den Achtjährigen als aufgeweckten, lebhaften Jungen, dem die Schule Spaß macht. Als Mahmut ihr von der Abschiebung erzählte, war für sie klar, dass sie der Familie helfen wollte. "Ich habe gesehen, wie Mahmut sich verändert hat. Er hat kaum noch gelacht und war im Unterricht unkonzentriert", sagt die Rektorin.

Die traurigen Augen des Jungen, das Wissen über die Lebensumstände in Bosnien sowie das Herausreißen der Seferovics aus ihrem sicheren Umfeld bewegten Rohde dazu, Schritte einzuleiten. Als der Schulträger ihr mitteilte, dass es keine Möglichkeit gäbe, der Familie zu helfen, wandte sie sich an Oswald Krumeich und Günther Bläsius. Die beiden SPD-Mitglieder sind sich einig, dass die junge Familie in Speicher eine Zukunft hat.

"Das Einzige, was ihnen zu ihrem Glück fehlt, ist eine Arbeit für Sabrija Seferovic", sagt Krum-eich.
Doch dieser hat keine Ausbildung. "Ich möchte gerne arbeiten, aber wegen des Bürgerkrieges und meiner Roma-Abstammung hatte ich nie die Möglichkeit einen Beruf zu erlernen", sagt er. Er wolle selbst für seine Familie sorgen und ihr eine sichere Zukunft in Deutschland bieten. Doch die Chancen stehen ohne einen Arbeitsplatz schlecht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat das Asylbegehren abgelehnt.

Die schwierige soziale und wirtschaftliche Lage der Roma begründe kein Abschiebungsverbot. Einen Widerspruch der Seferovics hat das Trierer Verwaltungsgericht zurückgewiesen. Letzter Strohhalm für die Familie ist der Bürgerbeauftragte des Landes, Dieter Burgard, der mit einem Antrag an die Härtefallkommission des Landes Rheinland-Pfalz die Abschiebung verhindern könnte.

In dem Härtefallverfahren soll nun geprüft werden, ob für die Familie die Chance besteht, weiterhin in Deutschland bleiben zu können.

Das bedeutet für die Seferovics erst einmal Durchatmen. Denn das Verfahren dauert und hat somit den 20. April als Abschiebetag vorerst in den Hintergrund gedrängt.Meinung

Himmelschreiende Ungerechtigkeit
Da flieht eine Familie aus dem Elend Bosniens in der Hoffnung, in Deutschland ein besseres Leben führen zu können, und wird nach zwei Jahren einfach wieder zurückgeschickt. Und das obwohl sie in Speicher gut integriert ist und der Vater arbeitet. Doch ein Ein-Euro-Job genügt nicht. Eine richtige Arbeit muss her. Eine, die den Behörden zeigt, dass er für sich und seine Familie sorgen kann. Ohne Ausbildung wird das aber für Sabrija Seferovic schwer. Allerdings bringt er etwas mit, was einige Arbeitgeber bei vielen Auszubildenden vermissen dürften: Enthusiasmus, Interesse und Wille. Das sind gute Voraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit. Gebt dem Mann also die Möglichkeit sich zu beweisen! m.pradelok@volksfreund.de