Archäologen untersuchen das Bitburger Stadtzentrum

Geschichte : Archäologen entdecken Turmreste in der Bitburger Innenstadt

Zwischen Leitungen und Weltkriegsschutt haben Wissenschaftler in einer Baugrube in der Bitburger Innenstadt den Teil eines bislang unbekannten Gebäudes gefunden.

Mit Handkratzer und Spitzkelle bewaffnet befreien Archäologen alte Mauerreste von Erde. Während der Bagger in der Bitburger Hauptstraße fürs Grobe zuständig ist und tiefe Gräben aushebt, erledigen die Forscher die Feinarbeit. Meter für Meter arbeiten sich Bauarbeiter und Wissenschaftler gemeinsam durchs Erdreich, denn unter dem Pflaster liegt Geschichte verborgen.

Konkret suchen die Ärchäologen nach Resten einer  Befestigungsanlage, die in spätrömischer Zeit errichtet worden ist und als massiver Ring um die Römerstadt geführt hat. Diese Mauer erweiterten die Menschen im 14. Jahrhundert um einen weiteren Ring. Wo derzeit ein Loch in der Hauptstraße klafft, haben die Wissenschaftler jetzt eine neue Entdeckung gemacht: Auf der Höhe des kroatischen Restaurants Zagreb ist unter der Straßendecke eine Mauer sichtbar geworden, die bislang unbekannt war.  Beim Freikratzen der einzelnen Steine werden immer mehr Details erkennbar. „Vermutlich stammt die Mauer aus dem Mittelalter“, sagt Dr. Lars Blöck, der als Gebietskonservator bei der Direktion Landesarchäologie arbeitet. Anhand der Bautechnik kann der Archäologe das Ganze einordnen. Das Mauerwerk sieht unregelmäßig aus – typisch fürs Mittelalter.

„Das sind die Überreste eines Turms“, erklärt Ferdinand Heimerl, der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München promoviert und sich in seiner Doktorarbeit vor allem mit dem spätrömischen Beda befasst. Die Mauer sei ein Puzzle­stück, das den Archäologen bislang gefehlt hat. Ihre Vorgänger haben bereits 1889 erste Grabungen in der Bitburger Innenstadt unternommen und dabei viel über die Vergangenheit herausfinden können. Unter anderem haben sie das Gegenstück zu dem Turm entdeckt, das sich auf der anderen Straßenseite an der Ecke des Modehauses Gudrun Blatzheim befunden haben muss. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich zwischen den beiden runden Türmen ein Tor befand. Die mittelalterlichen Bauten sind wahrscheinlich auf bereits bestehende – wahrscheinlich rechteckige – Gebäude aus der Römerzeit gesetzt worden.  „Wir möchten schauen, ob wir noch Teile des römischen Turms finden können“, sagt Gebietsreferentin Stephanie Metz.

Für die Archäologen ist der Fund ein toller Treffer, denn wo früher eine Römerstraße durch das Castrum verlief, ist heute eine Einkaufsmeile mit zahlreichen Leitungen, die unter der Erde verlaufen. Dazu kommt, dass im Zweiten Weltkrieg tausende Bomben auf die Stadt prasselten und tiefe Löcher hinterließen. Das Erdreich ist an vielen Stellen nicht unberührt, was die Arbeit der Forscher erschwert, da viele Reste antiker und mittelalterlicher Bauwerke bereits zerstört wurden. „Insel der Glücksseligkeit“ nennt Heimerl deshalb den schmalen Abschnitt zwischen Kanalrohren und Kriegsschutt, in dem die Turmüberreste liegen. Seit mehreren Jahrhunderten sind die Archäologen die ersten Menschen, die den Grund an dieser Stelle bearbeiten.

Nicht nur die Art und Weise, wie die Steine aufeinander geschichtet sind, sondern auch das Material selbst kann den Forschern Hinweise darauf liefern, aus welcher Zeit bestimmte Bauwerke stammen. Sofern die Archäologen zum Beispiel auf Holzpfähle stoßen, können sie die Jahresringe der verwendeten Baumstämme anhand ihrer unterschiedlichen Breite einer bestimmten Periode zuordnen (Dendrochronologie). Ansonsten ist es auch möglich, die Radiokarbonmethode anzuwenden, bei der die Menge an gebundenen Kohlenstoffatomen gemessen wird. Daraus kann wiederum abgeleitet werden kann, von wann ein Fund stammt. „Das ist allerdings teuer“, sagt Blöck. 350 bis 400 Euro koste eine Messung.

Schon jetzt sind die Archäologen der Stadtgeschichte ein Stück nähergekommen. Ihre neuen Erkenntnisse werden sie nach Abschluss der Untersuchungen zusammenfassen und den Bürgern mit neuen Infotafeln zugänglich machen. Außerdem ist eine Handy-App geplant, mit der es möglich sein soll, alte Bauwerke direkt beim Filmen auf dem Kamera-Display einzublenden (augmented reality-Technik). Viele Bitburger seien sich nicht darüber bewusst, dass sich in der Stadt eine der am besten erhaltenen spätantiken Wehranlagen nördlich der Alpen befindet, meint Heimerl. Vielleicht ändert sich das in Zukunft.

Das Mauerwerk stammt aus dem Mittelalter und gehört zu einem Turm, der hier einmal stand. Foto: TV/Nathalie Hartl

Trotz der Entdeckung verzögern sich die Bauarbeiten laut Metz nicht. „Wir arbeiten gut mit der Firma zusammen.“ Während die Archäologen in der einen Ecke graben, schaufelt der Bagger das Erdloch auf der anderen Seite wieder zu.

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