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Auf Zeitreise in der Baugrube

FOTO: (e_bit )
Bitburg. Tief unter der Erde schlummert Bitburgs Stadtgeschichte. Mitarbeiter des Landesmuseums entdecken bei Grabungen am Pintenberg Zeugnisse aus der Vergangenheit: Münzen und Keramik aus dem dritten und vierten Jahrhundert sowie die Reste einer spätantiken Mauer. Stück für Stück wächst so das Bild des römischen Vicus Beda. Dagmar Schommer

Bitburg. Mit Spaten und Pinsel in der Hand geht es weit zurück in die Vergangenheit: Um 50 vor Christus erobern die römischen Legionen Gallien und unterwerfen auch die Treverer. Unter Kaiser Augustus wird eine Fernstraße gebaut, die von Lyon über Trier bis nach Bitburg und weiter nach Köln führt. Ein kleines Dorf an der Stelle des heutigen Bitburgs, Vicus Beda, dient den nach Norden marschierenden Legionssoldaten als erste Bleibe zum Übernachten nach einem Tagesmarsch von etwa 30 Kilometern.
Bitburg war damals wohl ein reger Marktflecken. "Tavernen, Hufschmiede, Sattler, Wagenbauer und alles sonst, was Reisende brauchten, hat es im Vicus gegeben", sagt Lars Blöck, wissenschaftlicher Leiter des Landesmuseums Trier. Während von dem im vierten Jahrhundert erbauten Römerkastell Teile der Mauer und Reste der 13 Befestigungstürme erhalten sind, wissen die Archäologen über die genaue Ausdehnung des Dorfs nur: Es war größer als das Kastell - und wurde um 275 nach Christus zerstört.Das Rätsel um das Theater


Wie viele Einwohner Vicus Beda bis dahin zählte, ist nicht bekannt. Fest steht: Ganz unbedeutend war der Ort nicht. Von den landwirtschaftlichen Gutshöfen ringsum wurden Obst, Gemüse, Fleisch, Eier und mehr hier gehandelt. Beda war eine der wichtigsten Stationen an der "römischen Autobahn" zwischen Trier und Köln. Sogar ein Theater muss es gegeben haben, wie die Inschrift auf einem Stein belegt, der davon zeugt, dass ein gewisser Lucius Ammatius Gamburius eine solche Einrichtung gestiftet hat. Der Standort ist nach wie vor unbekannt. "Wir würden uns auch freuen, dieses Rätsel zu lösen", sagt Blöck. Am Pintenberg jedenfalls, wo sich derzeit die Mitarbeiter des Landesmuseums in die Stadtgeschichte graben, deutet nichts auf ein Theater hin. Dafür gibt es andere Fundstücke.
Das Kastell, das nach der Zerstörung des Vicus Beda rund um den oberen Bereich der Hauptstraße zum Schutz gebaut wurde, war kleiner als das Dorf. Das ist durch Funde belegt, die aus dem ersten und zweiten Jahrhundert stammen - also der Zeit vor dem Bau des Kastells. So haben Archäologen bereits am Spittel, also südlich des Kastells, Reste langer, schmaler Holzhäuser aus der Zeit des Vicus gefunden, die in Lehmfachwerk-Bauweise errichtet worden waren (der TV berichtete). Womöglich sind die Wissenschaftler nun auch nördlich des Kastells auf die Reste eines solchen länglichen Hauses gestoßen. Immerhin grenzt der Pintenberg an die Kölner Straße - und damit genau an jene schnurgerade Achse, die sich über die Haupt- und Saarstraße durch ganz Bitburg zieht.
Die Mauerreste, die Grabungstechniker Thiel eineinhalb Meter unter der Erde freigelegt hat, könnten - ob es wirklich so ist, wird noch geprüft - Reste eines Hinterhofs von einem dieser schmalen Häuser sein. "Es ist spannend zu sehen, wie mit jeder Grabung neue Erkenntnisse über den Stadtplan des römischen Bitburgs hinzukommen und das Bild, das wir von dieser Zeit haben, Stück für Stück wächst", sagt Blöck. Interessanter als die Mauerreste sind für ihn kleinere Fundstücke, die ebenfalls aus dem Loch stammen, in das später der Keller eines Mehrfamilienhauses gebaut wird.
"Wir haben hier auch einige Münzen gesichert", sagt Thiel. Ungewöhnlich daran ist für den Grabungstechniker, der seit Jahren jeden Flecken Erde im Vorfeld von Bauprojekten in Bitburg untersucht, dass diese Münzen aus der Zeit von 300 bis 380 nach Christus stammen - und damit aus einer Zeit, in der das Kastell bereits existierte. Die Frage, die sich für die Wissenschaftler stellt: Haben vielleicht nicht alle Schutz hinter den dicken Mauern gesucht? War parallel eine größere Stadtfläche jenseits des bewachten Kastells besiedelt?
Auch Keramikscherben, die noch mal mehr als 100 Jahre älter als die Münzen sind, sowie Nägel und Schuhpinnen hat Thiel am Pintenberg gefunden. Das könnte auf eine, wie die Wissenschaftler es nennen, "Siedlungsaktivität" hindeuten. Es könnte sich aber auch um Bauschutt handeln, der - samt einiger Münzen - bei Abriss- oder Handwerkerarbeiten für das Kastell mehr oder weniger zufällig dorthin geraten ist.
Bemerkenswert ist, dass es die Münzen mit dem Konterfei von Kaiser Konstantin wohl nicht sehr lange auf dem Markt gab. Blöck erklärt: "Die haben wegen des Silberanteils einen höheren Materialwert als Münzwert, weshalb sie relativ rasch ersetzt wurden." Wie und warum diese Münzen an den Pintenberg gelangt sind, könnten weitere Funde klären. Gab es dort eine Opferstelle in einem Tempel? Auf solche Spekulationen lassen sich die Wissenschaftler natürlich nicht ein. Sie graben weiter in der Stadtgeschichte - und sind erstaunt, was sie aus der Tiefe der Erde in Bitburg so alles ans Tageslicht bringen.

FOTO: (e_bit )
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 Blick von der Grabungsstelle am Pintenberg auf die Kölner Straße, die Teil der alten römischen Fernstraße war. Dort untersuchen Lars Blöck und Marcus Thiel vom Landesmuseum die Erdschichten. Gefunden haben sie ein Stück Mauer aus dem vierten Jahrhundert, Keramik aus dem dritten Jahrhundert sowie Nägel und Münzen wie diese mit dem Konferfrei von Kaiser Konstantin (306 bis 340 nach Christus). TV-Fotos (6): Dagmar Schommer
Blick von der Grabungsstelle am Pintenberg auf die Kölner Straße, die Teil der alten römischen Fernstraße war. Dort untersuchen Lars Blöck und Marcus Thiel vom Landesmuseum die Erdschichten. Gefunden haben sie ein Stück Mauer aus dem vierten Jahrhundert, Keramik aus dem dritten Jahrhundert sowie Nägel und Münzen wie diese mit dem Konferfrei von Kaiser Konstantin (306 bis 340 nach Christus). TV-Fotos (6): Dagmar Schommer FOTO: (e_bit )
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