Aufwachen in einem anderen Leben

Aufwachen in einem anderen Leben

Noemi ist operiert: Mehr als zwölf Stunden dauerte der äußerst komplexe Eingriff in der Kölner Kinderklinik, der dem 13-jährigen peruanischen Mädchen zu einem möglichst normalen Dasein verhelfen soll.

Köln/Wascheid "Ich bin gerade aus dem Krankenhaus zurück", sagt Benedikt Esch am Dienstag dieser Woche im Telefonat mit dem TV. "Noemi wacht auf."
Und zwar vier Tage nach dem Eingriff, der ihr Leben dauerhaft zum Besseren wenden soll. Die Ärzte versetzten ihre junge Patientin aus Peru anschließend in künstlichen Schlaf, damit sich Noemis Körper von der Strapaze erholen konnte.
Benedikt Esch kümmert sich seit 2004 um das heute 13-jährige Mädchen, das mit schwersten Missbildungen im Unterleib zur Welt kam (der TV berichtete).
Etwa 30 000 Euro an Spenden hat er für die bisher 13 Operationen gesammelt, denen sie sich in ihrem Heimatland schon unterziehen musste. Und allein im vorigen Jahr brachte er für den Eingriff in Köln noch einmal 40 000 Euro zusammen.
Vorige Woche war Noemi mit ihrer Mutter Pilar nach Deutschland geflogen, am Freitag nahmen die Ärzte den Eingriff vor. Er dauerte mehr als zwölf Stunden und gestaltete sich ungemein komplex.
Dabei mussten die Mediziner feststellen, dass die bisherige Diagnose trotz bester Voruntersuchungen noch unvollständig war und erst bei der Operation alles erkannt werden konnte: Noemi leidet nicht unter einer zunächst angenommenen Kloakenekstrophie - einer Krankheit, die so furchtbar ist, wie sich ihr Name anhört. Tatsächlich sei alles noch schwieriger, sagt Esch: Es gebe in der Medizin nicht einmal einen Namen für die Gesamtheit der Schädigungen in Noemis Körper.
Die Kölner Ärzte arbeiteten von morgens acht Uhr bis kurz nach 20 Uhr am Abend durch. "Das ist schon eine gewaltige Operation" sagt Josef Holzki, der ehemalige Chef-Anästhesist des Krankenhauses, der Spanisch beherrscht, Dolmetscherdienste leistet und Noemis Mutter neben Familie Esch unterstützend zur Seite steht.
Und nach letztem Stand der Dinge scheint der Eingriff erfolgreich verlaufen zu sein. Auch wenn Holzki einschränkt, dass es immer noch Komplikationen geben könne, auch lange nach der Operation. So oder so habe Noemi "noch einen langen, schweren Weg vor sich".
Den aber werde sie, sofern alles so bleibt, nun deutlich besser beschreiten können als bisher. Viel mehr kann man derzeit noch nicht sagen - weil der Eingriff aber so komplex war, fürchtet Benedikt Esch, könnten weitere Kosten auf Noemis Helfer zukommen.
Ihre Mutter Pilar allerdings hat schon jetzt eine Botschaft an alle, die ihrem Kind bisher mit so viel Engagement und Geld geholfen haben: "Ich habe mit ihr gesprochen", sagt Holzki. "Sie hat gesagt: ,Ich bin überwältigt.' Ihr fehlen die Worte, das auszudrücken, was sie denkt, und sie möchte die Gelegenheit wahrnehmen, sich tausend Mal bei allen zu bedanken, die das möglich gemacht haben. Und auch allen Ärzten und Schwestern." Benedikt Esch vergisst zugleich auch nicht zu erwähnen, wie angetan er von den Mitarbeitern der Klinik ist. "Die sind so was von zuvorkommend, freundlich und offen, einfach toll." Und auch er dankt noch einmal allen bisherigen Spendern, "die diese absolut wichtige Operation ermöglicht haben".
Noemi wird voraussichtlich niemals vollkommen gesund werden. Aber ihre Anatomie, sagt Josef Holzki, sei nun in einem Zustand, "dass sie ein wesentlich besseres Leben führen kann als bisher".
Gestern hat der Arzt Noemi noch einmal besucht: "Das Entscheidende ist: Sie kann alleine atmen, sie antwortet - und sie hat mir zugewinkt, als ich wegging."
Es gilt weiterhin aber vorsichtig zu bleiben: "Alle müssen Geduld haben", sagt Benedikt Esch. Noemi ist noch nicht über den Berg. Und doch gibt es Anlass zu zaghafter Zuversicht für das Mädchen, das übermorgen 14 Jahre alt wird.DIE GESCHICHTE VON NOEMI BEROSPI UND BENEDIKT ESCH

Extra

Drei Menschen, ein Ziel (von links): Spendensammler Benedikt Esch, die kleine Noemi und Arzt Josef Holzki. TV-Fotos (2): Fritz-Peter Linden; Foto: privat. Foto: (e_pruem )
Foto: (e_pruem )

Noemi Berospi kam im Jahr 2003 in einem Armenviertel in Lima zur Welt. Im Jahr darauf lernte Benedikt Esch, Schreiner aus Wascheid, Noemi und ihre Mutter Pilar auf der Straße kennen, während einer Reise ins Heimatland seiner Frau Kati. Noemis Lage rührte den Eifeler so an, dass er ihr zu helfen versprach. In den folgenden Jahren musste Noemi bereits in Lima 13 teils schwere Operationen über sich ergehen lassen, Esch brachte das Geld dafür in unermüdlichen Spendenaktionen zusammen. Für die jetzt vorgenommene große Operation fehlte es den Ärzten in Peru an Ausrüstung und Erfahrung, deshalb wurde der Eingriff in den Kliniken Köln vorgenommen. Benedikt Esch sammelte dafür allein im vergangenen Jahr noch einmal 40 000 Euro, gespendet von vielen Menschen aus der Eifel, aus dem Trierer Raum und darüber hinaus. Ob die Summe wirklich ausreichen wird, um alles Nötige zu bezahlen, steht noch nicht fest.

Mehr von Volksfreund