Ausbreitung des Borkenkäfers Herausforderung für Eifeler Forstwirte

Kostenpflichtiger Inhalt: Forstwirtschaft : Herausforderung Borkenkäfer: Forstwirte gehen den kleinen Krabblern an den Kragen

Der Borkenkäfer stellt die Forstwirtschaft vor große Herausforderungen. Klar: Befallene Bäume sollen schnellstmöglich aus dem Wald raus. Dafür muss man die Schädlinge jedoch erst einmal finden.

Als hätten es die meisten Forstleute derzeit nicht schon schwer genug, da haut Anfang der Woche auch noch Deutschlands bekanntester Vertreter der Berufsgruppe mit dem Holzhammer in der ZDF-Talkrunde von Markus Lanz von oben auf sie drauf. Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben schaute dort als Gast vorbei und machte für das derzeitige Waldsterben in erster Linie die Forstwirtschaft verantwortlich. Von Nadelholz-Plantagen im großen Stil ist die Rede, von einer Bewirtschaftung des Waldes, die nicht von Nachhaltigkeit, sondern dem Streben nach Profit geprägt sei. Und noch während der Moderator dem Waldexperten bedächtig an den Lippen hängt, schwillt dem Prümer Forstamtsleiter Peter Wind bereits der Kamm. Und das durchaus nachhaltig.

Dass Wohlleben so etwas behaupte, obwohl er es doch eigentlich besser wissen müsste, gehe ihm nicht in den Kopf, sagt Wind am Morgen nach der Sendung.  Auf seinem Stehpult-Schreibtisch steht eine Tasse, gefüllt mit schwarzem Kaffee, und daneben ein Laptop, dessen Bildschirm voller roter Punkte ist. Jeder dieser Punkte markiert einen von Borkenkäfern befallenen Baum in der Schneifel. Und je mehr Wind die Karte des Forstreviers auf seinem Bildschirm vergrößert, desto mehr offenbart sich das Ausmaß des Befalls.

„Unser größtes Problem ist der enorme Zeitdruck“, sagt Wind. Das Forstamt betreue etwa 20♦000 Hektar Wald, verteilt auf neun Reviere, erklärt er. „Viel Fichten, aber relativ wenig Personal.“ Dem gegenüber steht eine Population an Borkenkäfern, die sich rasant vermehrt und durch die Rinden der von Trockenheit gestressten und damit wehrlosen Fichten bohrt.

Einen von Käfern befallenen Baum kann man gut erkennen. Das allerdings nur, wenn man ihn auch sieht. Benedikt Stöcker hat dafür ein Auge. Ein digitales. Das hängt am Rumpf einer Drohne, die der junge Förster mit Hilfe seines Tablets und der Fernbedienung steuert.

In einem Waldstück bei Weinsheim steht Stöcker auf einer Lichtung und navigiert das gut ein Kilogramm schwere Fluggerät über die Baumkronen. Die Kamera, deren Aufnahmen direkt auf das Tablet übertragen werden, ist mit einer Speicherkarte ausgestattet. Sobald Stöcker eine geschädigte Baumkrone aus der Luft ausfindig macht, navigiert er die Drohne genau über diesen Baum und fotografiert ihn. Gleichzeitig werden auch die GPS-Daten erfasst, die später auf eine digitale Karte übertragen werden. So entstehen dann weitere rote Punkte.

„Wir schauen, ob wir von oben rote oder braune Kronen entdecken“, erklärt der Navigator der Drohne, dessen Zuständigkeitsbereich eigentlich im Gebiet des Forstamts Gerolstein liegt, der den Prümern derzeit aber aushilft, da diese nicht über eine eigene Drohne verfügen. Verändert sich die Farbe der Krone, ist das ein sicheres Anzeichen dafür, dass der Baum krank ist. Ob es sich dann tatsächlich um einen Borkenkäferbefall handelt oder aber „nur“ um einen von Trockenheit geschädigten Baum, erkennen die Forstleute erst vor Ort.

Bestätigt sich dort dann der Verdacht, hängt die weitere Vorgehensweise vom Stadium des Befalls ab. Sind die Käfer noch aktiv, muss der Baum so schnell wie möglich gefällt, entrindet und abtransportiert werden, um eine Übertragung auf benachbarte Bäume zu verhindern. Haben die Borkenkäfer und ihre Nachkommenschaft den Baum allerdings schon wieder verlassen, dann geht von ihm keine weitere Gefahr mehr aus. Gefällt werden muss er zwar auch. Das aber nicht sofort.

Mit der Drohne lassen sich befallene Bäume gut erkennen. Wobei der aus der Luft vermittelte Eindruck in bestimmten Fällen auch täuschen kann, wie Wolfram Dries erklärt. Das Schäleisen ist inzwischen zum wichtigsten Arbeitsgerät des Weinsheimer Revierförsters geworden. Sind die millimetergroßen Bohrlöcher des Borkenkäfers auf der Rinde zu sehen, kann Dries mit Hilfe des Schäleisens prüfen, ob der Käfer noch aktiv ist, aber auch, um welche Art es sich handelt. Ist in heimischen Wäldern vom Borkenkäfern die Rede, handelt es sich entweder um den vier bis fünf Millimeter großen Buchdrucker oder aber um den etwa halb so großen Kupferstecher.

Je nachdem welche dieser beiden Arten sich durch die Baumrinde frisst, kann davon die Baumkrone mal mehr oder mal weniger betroffen sein. „Manchmal ist die Krone noch ganz grün, aber unten schon alles weg“, sagt Dries. Und manchmal sei es genau umgekehrt. Zudem könne sich der Zustand innerhalb weniger Tage drastisch ändern. Wichtig sei es deshalb, bei ersten Anzeichen so schnell wie möglich zu reagieren.

Worüber sich Dries und auch Forstamtsleiter Wind in diesem Zusammenhang ärgern, ist das mitunter fahrlässige Verhalten privater Waldbesitzer. So gebe es zahlreiche Fälle, in denen Forsteigentümer auf Käferbefall hingewiesen würden, jedoch nicht reagierten. Und in vielen Fällen sei es erst gar nicht möglich, den Eigentümer ohne größeren Aufwand überhaupt zu finden. „Wir haben hier bei uns eine Gemengelage aus Staats-, Gemeinde und Privatwald“, sagt Dries. Und das erschwere die Arbeit zusätzlich.

„Wir beschränken uns bei der Bekämpfung des Borkenkäfers auch nur auf den öffentlichen, also Staats- und Gemeindewald“, erklärt Wind. Mehr sei gar nicht zu leisten. „Wenn Privatwaldbesitzer auf uns zukommen, versuchen wir natürlich, auch ihnen zu helfen“, fügt er hinzu. „Wir können im Privatwald aber nur reagieren“, sagt Forstamtsleiter. Für alles andere fehlten Zeit und Personal.

„Normalerweise“, sagt Wind, „wären wir jetzt dabei, die Pläne für die nächsten Jahre zu machen.“ Doch daran sei derzeit gar nicht zu denken. Und dabei gehe es dem Prümer Wald trotz des hohen Fichtenanteils von rund 60 Prozent noch vergleichsweise gut: „Wir haben Regionen in Deutschland, da ist die Situation eine ganz andere.“ Was den Prümern helfe, sei die langjährige Zusammenarbeit mit den Forstunternehmen, die sich nun auch in schwierigen Zeiten bewähre. „Wenn man jedes Jahr immer nur die Unternehmen aussucht, die einem den besten Preis machen, dann rächt sich das in einer Krise“, ist Wind überzeugt.

Was aber nicht heißt, dass sich der Borkenkäferbefall wirtschaftlich kaum auswirkt. „Wir und die Waldbesitzer müssen mehr Aufwand betreiben, bekommen dafür aber nur den halben Preis“, fasst es der Förster zusammen. „Wir haben pro Baum etwa einen Gewinnverlust von 40 bis 45 Euro“, sagt Wind. Bei 80.000 bis 100.000 Bäumen im Jahr komme da einiges zusammen. „Und das sind ja auch nur die Verluste durch den Käferbefall“, betont er. Was an Folgekosten für die Aufforstung anfalle, lasse sich derzeit noch gar nicht abschätzen.

Dass sich die Zahl der Fichten drastisch reduzieren wird, steht für Wind außer Frage. Dass die derzeitige Entwicklung, wie von Promi-Förster Wohlleben behauptet, ein hausgemachtes Problem sei, will der Förster auf seinem Berufsstand aber nicht sitzen lassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe man nun mal viel Nadelholz gepflanzt, weil es einfach schneller wachse. In den vergangenen Jahrzehnten seien aber viele Nadelbäume durch Laubholzer ersetzt werden. Und daran werde auch konsequent gearbeitet. Nur brauche das eben seine Zeit. „Wir denken und arbeiten in langen Zeiträumen“, sagt Wind. „Für den Wald kommt der Klimawandel einfach zu schnell.“

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