Archiv Juni 2017 : Archäologen graben antikes Töpferzentrum bei Speicher aus

Ein Grabungsteam entdeckt: Das spätantike Töpferzentrum bei Speicher war größer als gedacht. Doch einige Fragen bleiben offen.

Wie groß und wie alt? Auf diese beiden Fragen möchte der Archäologe Dr. Holger Schaaff Antworten finden. Und wenn er und sein Grabungsteam diese Antworten gefunden haben, werden sich sehr viele weitere Fragen anschließen, denn das Thema ist so komplex, dass es Jahre dauern wird, alles zu erforschen. Doch der Reihe nach:
Dass sich bei Speicher und Herforst ein antikes Töpferzentrum befand, ist der archäologischen Forschung seit mehr als 150 Jahren bekannt. Zwar gab es seit 1855 immer wieder Fundmeldungen, Ausgrabungen und Begehungen, bislang steht aber die Auswertung der Funde und des ganzen Gebietes noch in den Anfängen.
"Das ist den enormen Ausmaßen des spätantiken Töpferzentrums und der immensen Anzahl von Keramik geschuldet", erklärt Schaaff bei der Informationsveranstaltung "Die römischen Töpfereien von Speicher - Archäologie von ungeahntem Ausmaß" in der Gemeindehalle in Herforst, zu der etwa 60 Zuhörer aus Speicher und Herforst gekommen sind. "Wir haben bei einer Begehung 2015 innerhalb von fünf Minuten so viele Scherben im Speicherer Wald gefunden, das sprengte unsere Vorstellungskraft", erzählt Schaaf begeistert. Und sein Interesse war geweckt. Insgesamt wurden im Laufe der Zeit im Speicherer Wald und in der Gemarkung Herforst 21 Fundstellen ausgemacht, 23 Töpferöfen sowie Fehlbrandhalden, Tongruben und Werkstätten. "Wenn man davon ausgeht, dass in einen Ofen mehr als 550 Stück Keramik wie Becher, Töpfe, Reib-Schüsseln und Vasen hineinpassen, dann wundert es nicht, dass es so viele Funde gibt", sagt Schaaff.
Die Forscher gehen von einer Großtöpferei für Gebrauchskeramik aus, die den Töpfereien von Weißenthurm am Rhein und den Betrieben von Mayen vergleichbar ist. Es handele sich auf jeden Fall um eine breit gefächerte vielfältige Produktion.
Die Töpfereien liegen im Bereich der spätrömischen Langmauer, die 72 Kilometer lang war und ein 220 Quadratkilometer großes Gebiet umschlossen hat und deren Bedeutung bisher auch nicht geklärt ist. Auch auf neue Erkenntnisse über die Langmauer hoffen Schaaff und sein Team, das sich in den nächsten drei Wochen intensiv mit dem antiken Töpferzentrum befassen wird.
Die herausragende Bedeutung des Töpferzentrums in der Südeifel dokumentiert auch, dass sich Vertreter von mehreren namhaften Einrichtungen damit befassen: Da ist zum einen das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz und Mayen (RGZM), die Goethe-Universität Frankfurt am Main und die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Dr. Holger Schaaf ist am RGZM verantwortlich für den Kompetenzbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte. Er und seine Mitarbeiter haben auch die Kleidung der Gletschermumie Ötzi restauriert und erforscht. Außer Schaaff ist auch die Archäologin Dr. Angelika Hunold vom RGZM ab nächster Woche in der Eifel im Einsatz. Zum Grabungsteam gehören noch die RGZM-Archäologen Dr. Lutz Grunwald, Katrin Heyken (Magister Artium, MA) und Benjamin Streubel (MA).
Für die Generaldirektion Kulturelles Erbe ist Dr. Lars Blöck vertreten: "Wir freuen uns, dass wir die Erforschung des Töpferzentrums endlich in fachliche Hände geben können", sagt Blöck an Schaaff und seine Mitarbeiter gewandt.
Bevor sich das Team nächste Woche ans Graben macht, mussten zuvor wichtige Vorarbeiten erledigt werden. Denn: "Es ist schwierig, das Gebiet mit klassischen Forschungsmethoden zu erkunden", sagt Hunold. Deshalb wurden geophysikalische Messungen durch das Ludwig-Boltzmann-Institut Wien vorgenommen. Die Spezialisten aus Österreich haben Ende letzten Jahres 20 Hektar des Geländes mit Geo-Magnetik und Geo-Radar untersucht (siehe Info) Sie haben quasi in die Erde "reingeschaut" und so Ultraschallbilder oder Röntgenaufnahmen erstellt. "Und das ohne eine Rechnung zu stellen", wie Schaaf ergänzt.
Bei diesen Messungen ist herausgekommen, dass die Töpfereien noch größer sind, als angenommen. Nun müssen die Ergebnisse dieser Messung vor Ort überprüft werden. Wenn also das Geo-Radar eine runde Form im Boden ausgemacht hat, die einen Töpferofen darstellen könnte, dann müsste das Grabungsteam an dieser Stelle einen Töpferofen finden.
"Es ist also nicht so, dass wir Vasen und Reibeschüsseln ausgraben werden", sagt Grabungsleiter Schaaff. Auf einer Fläche von 13 mal sechs Metern an der L 46 auf Herforster Gelände vor dem Wald, werden sie neue Erkenntnisse sammeln über die Größe und das Alter der Töpfereien. In einem weiteren Schritt würden Exportwege und die ganze Infrastruktur erforscht. Denn die Experten gehen davon aus, dass der Export der Speicherer Keramik über Trier hinausging.
"Bei Grabungen in Lothringen sind Scherben gefunden wurden, die größtenteils aus der spätantiken Speicherer Produktion stammen", berichtet Dr. Lutz Grunwald. Das hätten mineralogische Untersuchungen ergeben und das lasse auf die internationale Bedeutung des Töpferzentrums schließen. Aber eins nach dem Anderen: Erst wenn das nötige Geld bewilligt wird, könnte über Jahre die ganze Industrie-Landschaft erfasst und erforscht werden. "Dann habe ich bis zu meiner Rente hier zu tun", scherzt Schaaff. Und das ist in 15 Jahren. Der Archäologe denkt, dass mit der Zeit eine touristische Nutzung möglich ist. Daran sind viele Bürger und Kommunalpolitiker interessiert. "Das wäre wie ein Sechser im Lotto, der allen etwas bringt", sagt Bürgermeister Manfred Rodens, Verbandsgemeinde Speicher. Auch der Herforster Ortsbürgermeister Wolfgang Pick hofft, dass die Öffentlichkeit bald mehr erfährt über das Töpferzentrum. Zunächst stehen die Grabungen an, am Montag geht's los: "Die nächsten drei Wochen werden viel Wissen bringen", glaubt Schaaff. Und: "Wer mitschaufeln möchte, ist willkommen. "Extra: GEOPHYSIKALISCHE MESSUNGEN

Foto: (e_eifel )
Dr. Lars Blöck zeigt im Depot des Landesmuseums in Trier Fundstücke aus dem Töpfereizentrum Speicher-Herforst – darunter die Rekonstruktion einer Gesichts- und Bestattungsurne (Foto rechts). TV-Fotos (3): Maria Adrian Foto: (e_eifel )
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Georadar (GPR-Ground Penetrating Radar) ist ein elektromagnetisches Impulsreflexionsverfahren. Kurze elektromagnetische Impulse werden in den Untergrund gesendet und nach Reflexion an Objekten und Schichtgrenzen wieder empfangen werden. Durch Georadar können Baustrukturen sichtbar gemacht werden, die ein Computer umrechnet. Anschließend kann ein grafisches Bild dargestellt werden . Durch dieses Verfahren ist keine größere Grabung nötig. Geomagnetik Die Geomagnetik eignet sich besonders zur Untersuchung von Erdbefunden, wie verfüllten Gruben oder Gräben. Bei der Geomagnetik wird der Einfluss untersucht, den unterschiedliche Materialien im Untergrund - etwa Grubenverfüllungen im Unterschied zum ungestörten Boden - auf das Erdmagnetfeld haben. Durch die hohe Messpunktdichte ist es unter günstigen Bodenbedingungen auch möglich, Pfostenlöcher und zum Beispiel Hausgrundrisse zu detektieren. Quellen: Wikipedia/ Posselt&Zickgraf Prospektionen GbR