Autor vor Flusslandschaft

Er ist einer der anerkanntesten Schriftsteller unserer Zeit: Norbert Scheuer. In Prüm kam er zur Welt, in fast der ganzen Eifel wuchs er auf, er lebt in Kall-Keldenich und zeitweise auch in Kyllburg. Und dorthin fuhr er mit dem TV.

Es ist ein wolkenverhangener Samstag, als ich Norbert Scheuer am Bahnhof Jünkerath abhole. Unser Plan: Durch die Eifel zu gondeln, bis hinab nach Kyllburg. Denn dort besitzen der Schriftsteller und seine Familie seit ein paar Jahren ein kleines Haus. Und darin sind nicht nur Passagen seines neuen, für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Romans "Die Sprache der Vögel" entstanden. Auch schon "Überm Rauschen", sein bis dahin bekanntestes Buch aus dem Jahr 2009, verdankt so manchen Abschnitt dem Domizil im kleinsten Städtchen weit und breit. Und, natürlich, dem Fluss, nach dem es benannt ist.

Rein ins Auto. Musik? "Ja, gern!" Wir entscheiden uns für "Blues Dream" vom Jazzgitarristen Bill Frisell. Als die ersten Töne erklingen, sagt Scheuer: "Passt. Schön." Plaudernd fahren wir weiter: Birgel, Oberbettingen, Gerolstein, immer brav an der Kyll entlang, dem Fluss, der praktisch in allen seinen Büchern vorkommt, auch wenn er darin manchmal anders heißt: Denn Scheuer, vor 64 Jahren in Prüm geboren, wuchs praktisch an dessen Ufern auf. Seine Eltern hatten in einigen Dörfern Gasthäuser gepachtet, darunter auch, in den 60er Jahren, in Birresborn, Stadtkyll und Mayen, bevor die Familie irgendwann in Kall-Keldenich vor Anker ging. Er glaubt übrigens, dass die häufigen Umzüge seiner Kindheit seine Autorenschaft erst ermöglicht haben: "Das ist vielleicht eine Voraussetzung fürs Schreiben", sagt er. "Wenn wir immer in Keldenich gewesen wären, dann hätte ich nicht die Distanz."

Wir rollen auf Birresborn zu: "Ach, das Wehr", sagt Scheuer am Ortseingang. "Hier hab ich schwimmen gelernt." Also anhalten, Autor vor Flusslandschaft positionieren, er macht den Spaß mit, Foto, weiter nach Mürlenbach. Das Kylltal öffnet sich, vom Hügel rechts grüßt die Bertradaburg, herrlich, oder? "Mürlenbach", sagt Scheuer mit einem leisen Lachen, "war Feindesland." Denn mit den Jungs aus dem Nachbardorf hätten die Birresborner immer irgendwelche Fehden ausgetragen und sich auf den Kyllwiesen gekloppt.

Geplant war übrigens ein lockeres, vor allem literarisches Gespräch. Es kommt dann anders. Denn ich gestehe irgendwann, als wir uns Kyllburg nähern, dass mich der Ort immer ein wenig trübselig mache: so duster und eng, wie er mir vorkomme. Das aber lässt Norbert Scheuer nicht auf Kyllburg sitzen: "Das ist ein wunderschöner Ort", stellt er klar. Wenn auch mit, andererseits, "so einem morbiden Charme" und dem Anschein, von der Welt vergessen zu sein. Nicht aber von Scheuer: Zumal die Familie schon damals beinah in der Stadt gelandet wäre: Er erinnert sich daran, wie seine Mutter eines Tages gesagt habe, man könne ein Gasthaus pachten mit einer Terrasse direkt über dem Fluss. Und die einzige Terrasse, auf die diese Beschreibung passe, gebe es in, eben: Kyllburg, am Hotel Müller. Damals aber wurde nichts aus dem Umzug ins Städtchen.

Also holte ihn Scheuer vor ein paar Jahren nach: Zum Häuschen dort kam er auf einer seiner Fahrradtouren durch die Eifel. Irgendwann habe da dieses Schild gehangen: "Zu verkaufen."

Die Scheuers kauften, für eine wirklich kleine Summe, aber es ist auch ein kleines Haus, das sich schutzsuchend zwischen die größeren Nachbargebäude geschoben zu haben scheint. Und ein altes: In der Küche zeigt er auf einen Deckenbalken mit zwei Haken. "Da wurden früher die geschlachteten Schweine aufgehängt." Und geschlachtet wurden sie gleich in der Küche. Wir spazieren durch alle Räume, im Obergeschoss stellt er sich ans Fenster und blickt - auf die Kyll, die direkt hier vorbeifließt. Und die Mühle Zahnen am gegenüberliegenden Ufer. "Auf dem Turm da oben, da sitzen immer die Dohlen."

Das bescheidene Haus, es ähnelt seinem Besitzer, der ebenfalls nie im Habitus des Großschriftstellers durch die Tür kommt, wenn er auch noch so vom Literaturbetrieb gerühmt und hofiert werden mag. Scheuer scheint das alles eher belustigt wahrzunehmen. Seine Bücher, auch wenn sie sich mit jedem neuen Werk zum großen Eifel-Gesamtroman zu vervollständigen scheinen, sind ja auch keine Schwarten, sondern schlank, da ist kein Wort zu viel: "Ich darf ihnen nicht alles erzählen, denke ich, denn wenn ich alles erzähle, verschwindet es hinter den Worten", heißt es in "Die Sprache der Vögel".

Er will mir mehr zeigen von Kyllburg. Wir wären gern gewandert, aber das verhindert der Regen (zum Glück, denkt der innere Schweinehund, das geht ja hier ordentlich steil bergauf).

Also zurück in den Wagen und hoch zum Kurhaus, in dem gerade ein großer Umbau läuft. Scheuer ist begeistert und präsentiert uns anschließend den Panoramablick hinab von der Terrasse, auf der früher die Kurgäste in ihren Liegestühlen vor sich hin entspannten. Wir laufen noch ein Stück durch die Straßen, mehr erlaubt uns der Regen nicht, und landen vor dem geschlossenen Hutgeschäft Hugo Quirin, in dem die Zeit wirklich stehengeblieben scheint: Im Eingang sammelt sich altes, längst vertrocknetes Laub. Wieder ein Foto. "Ist das nicht großartig?", fragt Scheuer mit Blick auf das Schaufenster, in dem noch immer die Mode von damals präsentiert wird. Weiter geht\'s zum Stiftsberg, dann hinüber nach Malberg. Er weist auf das Tal zwischen den Dörfern, das einmal im Magazin Stern abgebildet gewesen sei. Weil es so schön ist: Wer so etwas vor der Haustür habe, der müsse doch nicht weg, findet er.

Es regnet immer stärker, zum Schloss gehen wir nicht mehr hinauf, sondern kehren um. Noch einmal durch Kyllburg, ich entdecke überall neue Perspektiven, bei gutem Wetter würde man hier aussteigen und ständig Fotos machen.
Wir kurven zurück in Richtung Nordeifel. "Und", fragt Norbert Scheuer, "hast du deine Einstellung gegenüber Kyllburg geändert?" Was für eine Frage. Danke!Extra

Norbert Scheuer wurde im Dezember 1951 in Prüm geboren, er arbeitet als Programmierer bei der Telekom. Sämtliche seiner bisher erschienenen, von großer sprachlicher Kraft und sensibler Beobachtungsgabe geprägten Bücher spielen in der Eifel, aber ihre Wirkung geht weit darüber hinaus: Sein neuer Roman "Die Sprache der Vögel" wurde bundesweit nahezu einhellig gerühmt und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Mit "Überm Rauschen" war er in der Schlussrunde für den Deutschen Buchpreis. Scheuer erhielt unter anderem den 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, den Düsseldorfer Literaturpreis und den Georg-K.-Glaser-Preis. Zusammen mit seiner Frau Elvira hat er zwei Kinder und lebt in Kall-Keldenich und zeitweise in Kyllburg. fplExtra

Hinaus aus der Eifel: In seinem neuen Roman "Die Sprache der Vögel" schickt Norbert Scheuer seinen Protagonisten Paul Arimond auf Auslandseinsatz als Sanitäter in Afghanistan - erstmals spielen weite Teile eines seiner Bücher nicht in der Region. Trotzdem nimmt Arimond die Heimat mit. Und beginnt sich eines Tages unerlaubt aus dem Camp zu entfernen, weil er die Vögel des Landes studieren möchte. Meisterlich verwebt Scheuer die Zeitebenen, die Motive von Gefangenschaft und Freiheit, von Leben und Tod - und erzeugt dabei große Spannung. Und wie immer finden sich Passagen von ergreifender Poesie: "Ich glaube nicht", heißt es an einer Stelle, "dass Vögel allein zum Zweck der Fortpflanzung singen. Irgendetwas existiert im Leben, das mehr ist als wir selbst und für das es keine Sprache gibt." Scheuer kommt dieser Sprache näher als die meisten Autoren der Gegenwart. fpl Norbert Scheuer: Die Sprache der Vögel. 238 Seiten, mit Illustrationen von Rasmus Scheuer, 19,95 Euro.