1. Region
  2. Bitburg & Prüm

Natur: Baldrian führt auf die Wildkatzenfährte

Natur : Baldrian führt auf die Wildkatzenfährte

Auf der Fläche des Nationalparks Hunsrück-Hochwald leben 100 der unzähmbaren Raubtiere. Das Schutzgebiet bietet ihnen ein ideales Habitat. Aber auch hier sind sie bedroht.

Vorsichtig nähert die Wildkatze sich einem senkrecht in den Boden gerammten Stock. Dann rubbelt sie sich ausgiebig an ihm. Schließlich bleiben ein paar Haare von ihr an ihm hängen. Einige Zeit später sammeln die Ranger des Nationalparkamtes im Nationalpark Hunsrück-Hochwald sie mithilfe einer Pinzette ein, und sie packen die Proben in ein Plastiktütchen. Auf der Tüte halten die Ranger fest, wer die Haare wann und wo eingesammelt hat.

Die Proben sind Teil eines umfassenden Wildkatzenmonitorings, das der Nationalpark Hunsrück-Hochwald in den Jahren 2018 und 2019 gemeinsam mit dem Institut für Immunologie und Genetik in Kaiserslautern durchgeführt hat. In beiden Jahren hatten die Ranger auf der Nationalparkfläche jeweils insgesamt 264 mit Baldrian präparierte Lockstöcke verteilt. Die Forscher wollten so untersuchen, wie viele Katzen in der Nationalparkregion leben und wo sie sich aufhalten. Hierzu wurde laut Nationalparkamt ein „nicht-invasiver“ Ansatz gewählt. Das heißt, dass für die Untersuchungen keine Tiere gefangen oder verletzt werden sollten. Die gesammelten Haarproben wurden dann an das Institut für Immunologie und Genetik nach Kaiserslautern geschickt und dort analysiert. Über die DNA lässt sich zum einen feststellen, ob sich Wild- oder Hauskatzen an den Stäben gerieben haben. Zum anderen lassen die Proben auch einen Rückschluss auf das Geschlecht der Katze zu, Und natürlich können dank der eingesetzten Untersuchungstechnik die Proben jeweils auch einzelnen Katzen zugeordnet werden.

Der Baldriangeruch zieht die meisten Wildkatzen an, denn der Geruch ähnelt dem Geruch, den rollige Katzen verströmen. An den so präpariert Stöcken konnten in den beiden Jahren rund 1000 Proben eingesammelt werden – von denen aber nur ein Teil auswertbare Ergebnisse lieferte. Anja Schneider, Wildtierökologin beim Nationalparkamt, fasst das Ergebnis für die Nationalparkregion wie folgt zusammen: „Im Jahr 2017 haben wir anhand der ausgewerteten Proben 99 Wildkatzen gezählt, 2018 waren es 96 Wildkatzen. Auffällig ist, dass zwei Drittel der erfassten Tiere Kuder, also männliche Wildkatzen, waren.“ Warum das so ist, soll in weiteren Studien untersucht werden. Ein weiteres Ergebnis der Studie sei, dass die Tiere auf der gesamten Nationalparkfläche zu finden seien. „Sie fühlt sich im gesamten Großschutzgebiet heimisch“, sagt Schneider. Sie geht davon aus, dass sich die Wildkatzenpopulation dank der Ausweitung der Ruhegebiete im Nationalpark Hunsrück-Hochwald in der Region weiterhin wohlfühlen wird. „Im Nationalpark ist der Wald wild. Die Wildkatze findet hier ausreichend Beute – also Mäuse. Umgestürzte Bäume und Baumhöhlen bieten reichlich Platz für den Nachwuchs.“

Der BUND-Bundesverband schätzt, dass in Deutschland zwischen 6000 und 8000 Wildkatzen leben. Nach Angaben des rheinland-pfälzischen Landesamtes für Umwelt aus dem Jahr 2013 leben im Land circa 3000 Tiere. Untersuchungen zur Populationsgröße in Teilregionen fehlen. „Aber die Zahlen belegen auch so, dass Rheinland-Pfalz eine ganz besondere Verantwortung für den Erhalt dieser bedrohten Tierart trage“, sagt Ines Leonhardt vom rheinland-pfälzischen BUND-Landesverband. Die Wildkatzenexpertin hat auch an dem Bundesprojekt „Wildkatzensprung“ mitgearbeitet, bei dem die Population bundesweit mit dem Ziel untersucht wurde, die Art langfristig zu erhalten.

Hierzu ist es nötig, dass sich die einzelnen Populationen – etwa aus dem Hunsrück, der Eifel oder dem Taunus – genetisch untereinander austauschen. Hierzu müssen die Regionen miteinander vernetzt werden. „Wir brauchen zum Beispiel Wildkatzenzäune, Grünbrücken und natürliche Strukturen in Randbereichen landwirtschaftlicher Flächen“, sagt Leonhardt. Dazu sei es wichtig, die Bevölkerung über die Bedürfnisse der Wildkatzen weiter zu informieren. Denn mittlerweile sei die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert.

Wildkatzen werden mit Baldrian angelockt und hinterlassen Haare an den Pfosten (Foto rechts). Bei der Untersuchung der Haarbüschel können wichtige Erkenntnisse gewonnen werden.  Foto: tv/: Umweltverband Naturschutzinitiative/Konrad Funk
Wildkatzen, aufgenommen von der Wildtierkamera des Umweltverbands Naturschutzinitiative Foto: tv/Umweltverband Naturschutzinitiative

„Die Zerschneidung der Lebensräume, der Straßenverkehr und die teils ausgeräumte Landschaft bedrohen die genetische Vielfalt der Teilpopulationen“, erklärt die Wildkatzenexpertin. So ist die häufigste unnatürliche Todesursache für die Wildkatzen der Unfalltod auf der Straße. Wichtig wäre laut Leonhardt auch, dass die Holzpolder zeitnah aus den Wäldern abgeholt würden. Sonst würden die Wildkatzen darin ihre Jungen aufziehen. Und dann noch die Bitte der Expertin, die Jungkatzen im Wald zu lassen. Denn oft seien die Wildkatzenmütter lediglich auf der Jagd und nicht tot.