Bauern- und Winzerverband und Milchviehhalter-Bund: Andere Auffassungen, Anfeindungen und leichte Annäherung

Bauern- und Winzerverband und Milchviehhalter-Bund: Andere Auffassungen, Anfeindungen und leichte Annäherung

In der aktuellen Krise stehen Bauern- und Winzerverband und Milchviehhalter-Bund auf unterschiedlichen Positionen - und manchmal fliegen die rhetorischen Fetzen. Der TV sprach mit den beiden Landesvorsitzenden, die zugleich auch Eifeler Landwirte sind.

Üttfeld/Obergeckler. Es kommt nicht oft vor, dass sich die Vertreter von Bauern- und Winzerverband (BWV) und Bundesverband der Milchviehhalter (BDM) einig sind. Aber als vorige Woche die Nachricht die Runde machte, dass ein größerer Betrieb in Leidenborn in die Insolvenz muss , war das anders. Michael Horper, Landespräsident des BWV aus Üttfeld (Eifelkreis Bitburg-Prüm) , und Kurt Kootz, rheinland-pfälzischer Vorsitzender des BDM aus Obergeckler (ebenfalls Eifelkreis) , sagen zumindest diesmal nahezu das Gleiche: dass nämlich nun genau die Landwirte in Not geraten, die vieles richtig gemacht haben - zum Beispiel in moderne Ställe investiert, Stichwort Tierwohl.
Aber weil sie zurzeit nichts verdienen, können sie auch die Kredite nicht bedienen, die sie aufnehmen mussten - und geraten in Schieflage. Für Kootz ist das alles "ein eindeutiger Hinweis darauf, dass ein gravierender Fehler im derzeitigen Milchmarktsystem vorliegt". Und dieser Fehler sei begründet "im Missverhältnis von Angebot und Nachfrage. Beruhigungspillen wie Liquiditätskredite oder minimale Preiszugeständnisse des Lebensmitteleinzelhandels werden das Problem nicht lösen."
Damit bezieht er sich unter anderem auf die rund 70 Millionen Euro, die von der EU jetzt für die 80 000 deutschen Milchbauern bereitgestellt wurden (500 Millionen sind es europaweit).
Der BDM und das European Milk Board (EMB), die Interessensvertretung für die Milcherzeuger auf dem Kontinent, fordern stattdessen eine flexible Mengensteuerung. Dabei soll die Brüsseler Marktbeobachtungsstelle verfügen können, dass die Bauern weniger Milch produzieren, sobald die Preise wegen des Überangebots dauerhaft sacken.
In Brüssel aber wollten die Agrarminister bei ihrer Konferenz in der vorigen Woche davon kaum etwas wissen. Die EU-Kommission sagte stattdessen das Hilfspaket zu. Außerdem sollen neue Absatzmärkte aufgetan werden. Und da enden auch die Gemeinsamkeiten zwischen den Verbänden: Auch der Bauernverband sieht in einer - wenn auch zeitlich begrenzten - Quotierung nicht die Antwort auf die Probleme: "Das wird keinen Effekt haben", sagt Michael Horper, "in einem globalen Markt, wo alle Warenströme überall hinfließen, bringt das nichts mehr."
Kootz und seine Mitstreiter fordern es trotzdem - wie auch viele der etwa 5000 Bauern, die vorige Woche teils heftig in Brüssel demonstrierten, darunter etwa 200 aus der rheinland-pfälzischen Eifel. Dass es dabei richtig wüst zur Sache ging, dass Feuer angezündet und Steine geworfen wurden, stört Horper: "Das war schlimm. Ich teile die Aktionen, die da gelaufen sind, nicht."
Kootz räumt ein, dass das "nicht so toll" gewesen sei. Aber: "Was sollen wir tun? Wir waren immer stolz darauf, dass wir es bei allen Demonstrationen hinbekommen haben, dass es friedlich ist. Aber die jungen Bauern sind sehr schwer zu bremsen. Ich fürchte, dass wir solche Szenen in Zukunft öfter zu sehen bekommen. "
Dazu müsste es nicht kommen, glaubt Horper, wenn man anders vorgehe. Er setzt, trotz aller verbalen Angriffe, die ihm aus Richtung der BDM-Bauern entgegenschlagen, auf möglichst viel Gemeinsamkeit - zumal er und der Verband nicht allein für Milchbauern stehen. Auch bei Schweine- und Rindfleisch, auch beim Wein gingen auf Druck der Discounter die Preise nach unten. Horper will sie alle an den Tisch bekommen, Erzeuger, Molkereien, Genossenschaften, Einzelhandel: Er wünscht sich eine neue, bessere Kommunikation über alle Branchen hinweg. "Alle müssen anders miteinander umgehen. Und wenn wir alle richtig zusammenarbeiten, dann könnte das dazu führen, dass Angebot und Nachfrage nicht so komplett von der Rolle geraten."
Und auch wenn ihm etliche BDM-Bauern in Brüssel allerhand Unflat an den Kopf warfen: Er sucht das Gespräch. Horper und Kootz haben in Brüssel bereits miteinander geredet, aber das soll noch nicht das Ende sein: Er werde die BDM-Spitze "in den nächsten 14 Tagen bis drei Wochen" zum Gespräch einladen - auch um zu überlegen, wie sich Angebot und Nachfrage besser annähern lassen. Niemand weiß derzeit, ob sich die Lage spürbar bessern wird. Immerhin: Lidl hat nach Gesprächen mit dem Bauernverband angekündigt, den Milchpreis zum 1. Oktober zu erhöhen. fplMeinung

... Kurt Kootz. Foto: (e_pruem )

Die Gräben zu
Man will nicht in der Haut der Bauern stecken, in diesen Zeiten. Umso wichtiger, dass sie einmal mit gemeinsamer Stimme sprechen. Das stärkt ihre Position gegenüber Politik, Handel und Kundschaft deutlich mehr als die Grabenkämpfe, die immer wieder untereinander ausgetragen werden. Wer sich teilen lässt, der wird beherrscht. f.linden@volksfreund.de

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