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Becker kündigt der VHS-Geschäftsführerin

Becker kündigt der VHS-Geschäftsführerin

Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit hat Bürgermeister Rudolf Becker der Geschäftsführerin der Volkshochschule (VHS) Speicher fristlos gekündigt. Nach TV-Informationen hatte die Frau zuvor mit der Polizei gesprochen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Bürgermeister, weil er im Verdacht steht, Geld der VHS veruntreut zu haben.

Speicher. Selbst Nicht-Speicherer, die an der Theke des Kneipchens am Markt sitzen, haben schon davon gehört: Nur wenige Wochen, bevor seine Zeit als Bürgermeister der Verbandsgemeinde (VG) Speicher zu Ende geht, hat Rudolf Becker eine Mitarbeiterin fristlos entlassen. Sie arbeitet schon genauso lange bei der Verbandsgemeindeverwaltung wie er selbst - nämlich 43 Jahre. Und sogar die Nicht-Speicherer an der Kneipentheke fragen sich: Was ist denn da im Rathaus los?
Die 60-Jährige war nicht nur in Beckers Vorzimmer tätig, sondern auch Geschäftsführerin der Speicherer Volkshochschule. Eine gemeinnützige Einrichtung, die mehrfach in den Schlagzeilen gelandet ist, seit der TV im Mai aufgedeckt hat, dass Becker Politikerreisen nach Rom und London mit VHS-Geld finanziert hatte. Zwar hat der Bürgermeister die zweckfremd verwendeten 9500 Euro aus eigener Tasche zurückgezahlt, nachdem ihr Fehlen bei einer Prüfung in der übergeordneten Kreisvolkshochschule aufgefallen war. Dennoch ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Anfangsverdachts auf Untreue (der TV berichtete). Nun stellt sich die Frage, ob und wie die Entlassung der langjährigen Mitarbeiterin mit all dem zu tun haben könnte.
Becker gibt dazu keinen Kommentar ab. Es handele sich um interne Personalangelegenheiten. Die Betroffene selbst sagt: "Ich wurde fristlos mit der Begründung gekündigt, dass ich mit dem Trierischen Volksfreund über die VHS-Fahrten geredet haben soll. Niemand weiß besser als der TV, dass das nicht stimmt", sagt die entlassene VHS-Geschäftsführerin.
Tatsächlich hat es solche Gespräche nicht gegeben. Sämtliche veröffentlichte Informationen stammen aus anderen Quellen. Auch nach ihrer Entlassung ist die 60-Jährige nicht bereit, dem TV Auskünfte zu den Fahrten, der Kündigung oder den Ermittlungen zu geben.
Nach TV-Informationen hat die außerordentliche Kündigung einen anderen Grund. Während in Speicher gemutmaßt wird, die Frau könne "dem Kaiser das goldene Löffelchen gestohlen haben" - hat sich in Wirklichkeit wohl etwas ganz anderes zugetragen. Denn wie aus gut informierter Quelle zu erfahren ist, hat die 60-Jährige der Polizei etwas mitgeteilt. Auch nach Auskunft des Leitenden Trierer Oberstaatsanwalts Peter Fritzen hat es einen telefonischen Kontakt zwischen der Betroffenen und der Polizei gegeben. Ihre offizielle Befragung als Zeugin im Rahmen des Ermittlungsverfahrens steht aber offenbar noch aus. Über die Inhalte des Telefonats oder andere Details gibt es derzeit keine Auskünfte.
Die Ermittlungen dürften sich noch mindestens mehrere Wochen hinziehen. Selbst, wenn sie nicht in ein Gerichtsverfahren münden, könnte es wegen der VHS-Vorfälle zu einem Prozess kommen. "Ich nehme das nicht einfach so hin", sagt die nach 43 Jahren fristlos entlassene VG-Mitarbeiterin. Sie will rechtlich gegen die Kündigung vorgehen.
Bis die Menschen an der Theke des Speicherer Kneipchens den Ausgang all dessen diskutieren können, dürfte noch viel Wasser die Kyll runterfließen. Becker ist dann längst schon Rentner.
Ab August übernimmt sein Nachfolger Manfred Rodens die Geschäfte.Meinung

Weiter nach Gutsherrenart
Ein Bürgermeister finanziert Reisen von Kommunalpolitikern teilweise mit Geld aus öffentlichen Kassen. Das kommt ans Licht, der Volksfreund berichtet, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Sachverhalt selbst ist unstrittig. Da kann man als Betroffener kaum mehr tun, als Schadensbegrenzung zu betreiben. Der Speicherer Bürgermeister Rudolf Becker tut das Gegenteil. Er hat etwas gemacht, was man nicht darf. Das wurde entdeckt und lässt sich auch dadurch nicht aus der Welt schaffen, dass man das Geld, das man nicht zweckgetreu verwendet hat, nach der Entdeckung zurückzahlt. Ob das in böser Absicht geschah oder nicht, ändert nichts am Sachverhalt. Ein offensiver Umgang mit dem Thema und Einsicht in das Fehlverhalten wären von Anfang an angebracht gewesen. Den Überbringer schlechter Nachrichten für den Inhalt verantwortlich zu machen, ist definitiv der schlechtere Weg. Richtig absurd ist die Entlassung einer Mitarbeiterin, weil sie den Ermittlungsbehörden gegenüber Aussagen zu dem Sachverhalt gemacht hat. Wo kämen wir hin, wenn Chefs ihren Sekretärinnen verbieten könnten, zur Aufklärung ihrer eigenen Fehlleistungen beizutragen und sich daraus auch noch ein vorm Arbeitsgericht tragfähiger Kündigungsgrund ableiten ließe? Genau: Mitten in die Zeit despotisch und ungestraft agierender Gutsherren. l.ross@volksfreund.de