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Begräbniswald Niederweiler: Die Buchen werden knapp

NIEDERWEILER : Die letzte Ruhe zwischen Wurzeln ist sehr begehrt

Vor zehn Jahren wurde der Begräbniswald Niederweiler eröffnet. Seitdem sind in der kreisweit ersten Einrichtung dieser Art bereits mehr als 1600 Verstorbene beigesetzt worden.

Normalerweise sind Statistiken, die mit dem Tod von Menschen zusammenhängen, kein Grund zur Freude. Schon gar nicht, wenn dabei auch noch eine steigende Tendenz zu verzeichnen ist. Im Fall der Statistik, die Dietmar Kapelle ausgedruckt hat und die er nun im Rahmen einer kleinen Feierrunde verteilt, ist der Fall etwas anders. Der Mann aus Grevenbroich ist Geschäftsführer der Oase der Ewigkeit. Das kleine Familienunternehmen bietet Naturbestattungen in Deutschland und in der Schweiz an. Und zu den Einrichtungen, die Kapelle betreibt und auf den sich diese Statistik auch bezieht, gehört seit zehn Jahren der Begräbniswald Niederweiler.

Wurden dort im ersten Jahr nach der Gründung noch gut 50 Urnen beigesetzt, waren es 2015 bereits 189 und im vergangenen Jahr sogar 250. Und die Zahlen für das erste Halbjahr 2020 lassen keinen Abbruch dieser Entwicklung erwarten. Insgesamt wurden in den vergangenen zehn Jahren rund 1620 Verstorbene im Begräbniswald bestattet. Die letzte Ruhe zwischen den Wurzeln der Buchen ist sehr begehrt.

„Der Zeitgeist hat sich geändert“, sagt Kapelle. „Es gibt deutschlandweit inzwischen über 500 Begräbniswälder“, erklärt er. „ 70 Prozent der Menschen wollen auch nicht mehr auf einem normalen Friedhof beerdigt werden.“

Der Begräbniswald in Niederweiler war die kreisweit erste Einrichtung für Naturbestattungen und ist auch nach wie vor im Eifelkreis die einzige dieser Art. Ein ähnliches Angebot gibt es inzwischen zwar auch in Neuerburg. Das dortige Gelände jedoch ist aber bereits vor Jahrzehnten als richtiger Friedhof samt Kapelle und Einsegnungshalle mitten im Wald angelegt worden. Die Anlage bekam dann aber keine Zulassung, weil sie in einem Quellgebiet liegt. Seit einigen Jahren nun sind auch dort Bestattungen erlaubt. Genau wie in Niederweiler dürfen aber nur biologisch abbaubare Urnen beigesetzt werden.

Nach ein paar Jahren sind Urne, Asche und Boden eins. Es bleiben also keine Rückstände übrig. Das heißt: Fast keine. „Vor der Verbrennung des Leichnams wird auf jeden Körper ein kleiner Schamottstein gelegt“, erklärt der Betreiber. Auf diesem Urnen- beziehungsweise Identitätsstein ist eine Nummer, die dem Toten zugeordnet wird. Dieser Stein begleitet den Verstorbenen über den gesamten Einäscherungsprozess bis zur Abfüllung der Asche in die Urne. So sollen Verwechslungen ausgeschlossen werden.

Während auf einem normalen Friedhof der Grabgestaltung wenig Grenzen gesetzt sind, gelten für die Anlage in Niederweiler ganz strenge Vorgaben. Blumen sind erlaubt, sonstiger Grabschmuck hingegen nicht. Leider aber hielten sich die Angehörigen nicht immer daran, wie der ehemalige Ortsbürgermeister Günter Weber erklärt. „Immer wieder müssen wir Plastikengel und sonstige Gegenstände, die hier nicht erlaubt sind, entfernen“, sagt er. „Und wir hatten auch schon den Fall, dass hier im Wald mitten im Sommer brennende Kerzen aufgestellt wurden.“

Weber und seine Tochter kümmern sich vor Ort um die Beisetzung. Denn ein Großteil der Urnen wird mit der Post nach Niederweiler geschickt und dort dann meist ohne kirchliche Zeremonie beigesetzt. Die zwischen den Buchen ruhende Asche der Verstorbenen stammt nämlich nicht nur aus dem Eifelkreis, sondern aus dem gesamten Bundesgebiet. „Oft handelt es sich um Menschen, die etwas mit der Eifel verbindet oder die hier vielleicht ein schönen Urlaub verbracht haben“, sagt Sandra Lempges, derzeitige Ortsbürgermeisterin in Niederweiler.

Für die Verstorbenen ist der Wald die letzte Ruhe und für Niederweile inzwischen eine verlässliche Einnahmequelle. Denn wie Kapelle erklärt, ist die Gemeinde mit zehn Prozent am Umsatz beteiligt. „Es läuft so gut, dass wir die Fläche nun erweitern müssen“, fügt der Geschäftsführer hinzu. Die Buchen würden so langsam knapp, sagt er. Und gefragt seien vor allem die Familienbäume.

Wer diese Form der Bestattung wählt, hat einen eigenen Baum für sich und seine Liebsten. Eine günstigere Variante ist ein Grabplatz an einem Gemeinschaftsbaum. In beiden Fällen beinhaltet die Beisetzung auch ein kleines Namensschild am Baumstamm. Und dann gibt es noch die einfachste Form, ein Grabplatz zwischen den Bäumen, ganz ohne Namensschild. Diese Gräber sind dann im Nachhinein nur über GPS zu finden (siehe Infobox).

Doch so mächtig und kräftig die Buchen auch sind: auch sie können umfallen, krank werden oder vertrocknen. In Zeiten des Klimawandels kommt das durchaus häufiger vor. Das ist schade. Nur was ist, wenn es sich dabei nicht nur um einen Baum unter vielen, sondern um einen Gemeinschafts- oder Familienbaum handelt?

Vor zehn Jahren wurde der Begräbniswald Niederweiler eröffnet. Mit der Entwicklung zufrieden sind sowohl der Betreiber als auch die Gemeinde. Foto: Uwe Hentschel
Vor zehn Jahren wurde der Begräbniswald Niederweiler eröffnet. Mit der Entwicklung zufrieden sind sowohl der Betreiber als auch die Gemeinde. Foto: Uwe Hentschel

So etwas könne natürlich immer passieren, sagt Weber, und sei auch schon vorgekommen. In diesem Fall werde dann neben dem kaputten beziehungsweise abzusägenden Baum ein neuer gepflanzt, erklärt er. Das sei nun mal der Lauf der Natur.