Bestes Pferd im Stall? Tot!

Besitzerin geht vor Gericht : Bestes Pferd im Stall? Tot! - Züchterin wehrt sich gegen Beschlagnahmung ihrer Stuten

Das Veterinäramt hat einer Pferdezüchterin drei Stuten abgenommen, weil sie mutmaßlich krank waren. Eines der Tiere haben die Ärzte eingeschläfert. Die Frau aus Winterspelt fordert nun Schadenersatz und die Herausgabe der zwei anderen Pferde.

Als Sarah-Isabelle Radke am 4. April die Tür öffnet, stehen zwei fremde Frauen vor der Tür. Es sind Tierärztinnen, die für das Veterinäramt Bitburg-Prüm arbeiten. Sie wollen sich  auf dem Hof umschauen, sagen sie, jemand habe die Hausherrin angezeigt. Ausweise zeigen sie keine vor und auch keine schriftliche Verfügung. Trotzdem gehen sie durch den Kuhstall auf die Weide, Radke hinterher. Sie hat ein ungutes Gefühl, das sich bald bestätigen wird.

Als die Medizinerinnen die Stuten erblicken, die draußen grasen, werden die Damen „hysterisch“, sagt Radke später. Eine schreit: „Die Pferde sind dem Tod näher als dem Leben“, so abgemagert seien sie. „Völliger Blödsinn“, erwidert Radke. Doch die Amtsärztinnen hören ihr nicht zu, machen stattdessen Fotos von den Tieren. Wenig später tritt ein Spediteur auf den Hof im Winterspelter Ortsteil Heckhalenfeld (VG Prüm). Dabei hat er einen Anhänger für Schlachtvieh, in den die beiden Frauen bald eines der Tiere hineintreiben.

Elsol heißt die Stute, auf Deutsch: die Sonne. Als ihr Pferd verladen wird, ahnt Radke nicht, dass sie es nie wiedersehen wird. Denn am 9. April wird es in Obhut der Veterinäre eingeschläfert. Und auch zwei weitere Stuten nehmen die Amtsärzte mit. Wohin die Reise für sie geht, erfährt Radke nicht. Bis heute habe sie keine Ahnung, was mit den Tieren passiert sei.

So erzählt die gebürtige Baden-Württembergerin, was ihr vergangene Woche widerfahren sein soll. Sie spricht von einem „emotionalen und wirtschaftlichen Schaden“. Letzterer belaufe sich auf rund 200 000 Euro. Alle drei beschlagnahmten Holsteiner seien nämlich wertvolle Zuchttiere gewesen, herangezogen zum Turnierreiten. Und ausgerechnet das inzwischen tote Pferd sei „ihr bestes“ gewesen, habe kurz vor einem Verkauf für 65 000 Euro gestanden.

Auch der Schaden für das Image ihres Hofes, ihrer Pferde- und Rinderzucht sowie ihres Reitsportgeschäftes sei immens, sagt die 30-Jährige: „Wer möchte denn bei jemandem kaufen, bei dem das Veterinäramt auf der Weide steht? Es geht bei dieser Sache um unsere Existenz.“

Hinzukomme: Seit dem Vorfall habe sie Angst davor, dass auch die beiden anderen Pferde in der Obhut der Veterinäre sterben. „Ich muss davon ausgehen, dass sie nicht artgerecht untergebracht sind und in Lebensgefahr schweben“, sagt Radke. Auch bei Elsol müssten die Veterinäre schließlich Fehler gemacht haben – andernfalls würde das Tier noch leben.

So krank, wie die Medizinerinnen behaupten, sei das Pferd nämlich nicht gewesen. Die drei Stuten hätten lediglich an einem Wurmbefall gelitten, weswegen sie einige Kilo verloren hätten. Dass sie kurz vorm Verhungern waren, bestreitet die Besitzerin vehement: Sie seien dünn gewesen, aber nicht ausgemergelt. „Ich habe seit 19 Jahren Pferde, mein Mann seit 40. Wir wissen, wie man Tiere versorgt“, sagt die Freiburgerin, die vor einem Jahr nach Winterspelt zog: „Diese Stuten waren so teuer wie manche Autos. Da lassen wir die doch nicht verhungern!“ Radke vermutet deshalb, dass Elsol beim Transport gestorben sein könnte – womöglich habe sich das Tier ein Bein gebrochen und sei dann eingeschläfert worden.

„Beim Transport hat es keine Vorfälle gegeben“, schreibt hingegen ein Sprecher der Kreisverwaltung Bitburg-Prüm, bei der das Veterinäramt angesiedelt ist. Elsol sei kachetisch gewesen. Der medizinische Begriff bedeutet so viel wie: vollkommen ausgezehrt. Das Pferd habe nicht mehr aufstehen können.

„Mehrere Aufrichtversuche sowie eine intensive tierärztliche Behandlung blieben ohne Erfolg“, heißt es in der Antwort auf eine TV-Anfrage weiter:  „Aufgrund einer Prognose mehrerer Tierärzte musste das Tier, um es vor weiteren Schmerzen, Leiden oder Schäden zu bewahren, euthanasiert werden.“ Die Besitzerin sei zuvor nicht informiert worden, weil „sofortiges Handeln aus Tierschutzgründen indiziert“ gewesen sei.

Nach dem Ergebnis einer Untersuchung von Blut und Kot habe sich bestätigt, dass die weggenommenen Pferde „einen „schlechten Ernährungszustand“ aufwiesen. Eine Behauptung, die ein Nachspiel für Radke haben könnte.

So seien weitere in Winterspelt gehaltene Tiere, etwa Schweine, Rinder und andere Pferde, zwar nicht beschlagnahmt worden. „Aufgrund des auch hier teilweise festgestellten schlechten Ernährungszustandes“ soll der Hof aber in den nächsten Tagen einer Nachkontrolle unterzogen werden. Sollte sich außerdem die Annahme der Kreisverwaltung bestätigen, dass Elsol verhungert ist, müsse Radke „mit strafrechtlichen Folgen rechnen.“

Für die 30-Jährige wäre das der Gipfel eines Verfahrens, das sie als  „ungerecht und willkürlich“ empfindet. Sie fordert vom Veterinäramt Schadenersatz für ihr totes Pferd und zudem die Herausgabe der beiden anderen Stuten. Bislang verweigere die Verwaltung, ihr mitzuteilen, wo sie sich befänden. „Zum Schutz der Pflegestellen“ will der zuständige Mitarbeiter auch dem TV nicht mehr sagen. Auch bei der Sektion des Tieres durfte Radke nicht teilnehmen, obwohl sie die Verwaltung darum bat.

Mit all dem will sich die Pferdezüchterin nicht zufrieden geben. Beim Verwaltungsgericht Trier hat sie eine einstweilige Verfügung erwirkt, um ihre Pferde zurückzubekommen. Vorher muss die Kreisverwaltung Stellung nehmen. Dann entscheidet das Gericht.