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Bitburger Biergeschichte: Stadtführer Mätti verkörpert Brauergesellen

Bitburger Biergeschichte: Stadtführer Mätti verkörpert Brauergesellen

Bei einer neuen Stadtführung in Bitburg geht es um die Geschichte eines Patriarchen - und um sein Erfolgsgeheimnis.

Mätti hat sich rausgeputzt. Die Jacke und Schürze gesäubert, die Müze gerichtet, das gelbe Tuch umgebunden, die Holzschuhe geschrubbt, die Ledertasche umgebunden, Holzhammer und Wegzehrung eingepackt. Sein Ziel: der Nikolausmarkt am 6. September 1896. Sein Begehr: einen Job bei einem der wichtigsten Männer der Region ergattern: Theobald Simon, Chef der Bitburger Brauerei - erfolgreich, visionär, diszipliniert - aber auch streng.

Kurzum: Mätti, mit bürgerlichem Namen Matthias Audin, stellt sich vor - und bekommt den Job. Per Handschlag, wie damals üblich.
Damit - und natürlich mit einem frisch gezapften Pils für die Gäste - beginnt die Reise durch die Bitburger Biergeschichte. Und wie für Mätti, beginnt auch für Andreas Kube ein neuer Job. Der zertifizierte Gästeführer verkörpert den Brauergesellen. Es ist seine erste Führung unter dem Titel "Bitburger Biergeschichten".

Start ist in der Bitburger Markenwelt, wo gestrenge Herren früherer Tage auf Porträts die Gäste ernsthaft anblicken. "Das ist mein Chef", sagt Mätti und zeigt auf ein Bildnis Theobald Simons (1847 bis 1924). "Mit Loyalität, Fleiß und Disziplin vergrößerte er die Bitburger Brauerei auf das 30-fache." Und Mätti weiß auch, wie das gelang. Er habe den damals noch kleinen Betrieb auf den neuesten Stand der Technik gebracht und durch wirtschaftliches Geschick zu einem der modernsten in der Branche gemacht. Doch dazu später mehr.

Erstmal zu den gestrengen Herren einer anderen Generation: Johann Peter Wallenborn (1784 bis 1839) und Ludwig Bertrand Simon (1813 bis 1869). Erster war 1817 Gründer der Bitburger Brauerei in unmittelbarer Nähe des mittelalterlichen Schakentores, Zweiter war selbst Bierbrauer in Kyllburg, heiratete Wallenborns Tochter Elisabeth und übernahm 1842 die Brauerei seines Schwiegervaters. Damals gab es noch zwei weitere Brauereien in Bitburg: die Bavaria Brauerei der Familie Zangerle und das Eifelbräu. Doch auch dazu später mehr. Denn Mätti muss weiter - vor dem Bierbrunnen erklären, warum Theobald Simon so erfolgreich war. Zum Beispiel, weil er 1879 eine der ersten Kunst-Kellereien in Deutschland besaß. Dort wurde das Bier zunächst mit Natureis gekühlt. Denn nun wurde untergäriges Bier gebraut, das eine ganzjährige Kühlung erforderte. Zum Leidwesen von Mätti. "Das Brechen von Natureis war eine ziemliche Plackerei", erzählt er. "Mit dem Lastenaufzug mussten wir zu viert das Eis nach unten bringen." Das Problem löste Simon 1896 durch Anschaffung einer zweiten Dampfmaschine (die erste gab es bereits seit 1890), die auch eine ´Kältemaschine antrieb. Sie kühlte alle Keller - im Sommer wie im Winter.

Ein weiteres Problem löste Theobald Simon durch seinen Glauben an Innovationen und technische Neuerungen - und zwar das mit dem Wasser. Zunächst kam dieses, wie Mätti am Konrad-Adenauer-Platz erklärt, aus Brunnen - und im Sommer, wenn diese erschöpft waren, aus Gewässsern wie der Nims. "Auch das war eine Schufterei", erklärt Mätti gequält. 1888 kommt die Rettung: Eine Leitung aus Stahl-Steinebrück in die Innenstadt wird gebaut. Der Brauereichef lässt später den ersten Tiefbrunnen bohren und Wasserspeicher einrichten. Und: Die Brauerei erweitert ihr Absatzgebiet. Der Transport läuft mit Eröffnung der Eisenbahnstrecke zwischen Trier und Köln ab 1871 per Schiene ins Rheinland, seit 1910 mit der Eöffnung der Bahnstrecke Erdorf-Bitburg sogar ganz ohne Einsatz von Pferdefuhrwerken.

Noch etwas lässt den Familienbetrieb wachsen - eine Heirat. Und zwar 1905 von Bertrand, dem Sohn von Theobald Simon, mit Anna Clara Zangerle, Tochter des Inhabers der Bitburger Bavaria Brauerei.
Der Stammsitz des Unternehmens stand dort, wo heute Zangerles Eck, eine Gaststätte, steht. Bertrand schafft so eine verwandtschaftliche Verbindung zur Bitburger Brauerei. Als Anna Claras Bruder Ernst im Jahr 1931 stirbt, übernimmt die Bitburger Brauerei das Haus Zangerle. Bertrand und sein Bruder Josef haben bereits 1922 nach dem Tod ihres Vaters Theobald die alleinige Geschäftsführung des Bitburger Brauerei inne.
Aber das ist Mätti egal - Hauptsache, er hat seinen Job sicher. Und sein Bier. Das trinkt er seit den 1880er Jahren aus der Flasche - eine Neuerung für Mätti, aber eine Revolution für die Bierbrauer. Denn das eröffnet ihnen neue Vertriebswege.

Im Gegensatz zum Fassbier-Vertrieb, den die Brauerei organisierte, übernehmen Partner (Bierverleger, später Getränkefachgroßhändler) Abfüllung und Vetrieb des Flaschenbieres. Mätti trinkt sein Bier aber lieber aus dem Fass, wie es heute noch in zahlreichen Kneipen in Bitburg üblich ist - so auch am Petersplatz, wo Mätti gerade mit seinen Gästen steht.

Und schon muss er weiter zum Bitburger Stadtmodell an der Liebfrauenkirche, wo der Geselle erklärt, dass schon die Römer wussten, wie man Bier braut. Wie man eine Bier-Dynastie gründet, wussten allerdings ihre Nachkommen der Neuzeit besser.

So kauft die Familie Simon 1920 die letzte noch neben ihr in Bitburg existierende Brauerei - das Eifelbräu, damals im Besitz der Familie Schadeberg. Um 1928 entschließt sich Bitburger, den Braubetrieb einzustellen und das Hotel Eifelbräu zu errichten. Mätti zeigt seinen Gästen den Stammsitz der ehemaligen Brauerei, heute ein Vier-Sterne-Hotel mit Gaststätte. Den Weg der drei ehemaligen Klein-Brauereien zum heutigen Weltunternehmen Bitburger Braugruppe GmbH erlebt Mätti nicht mehr mit. Er muss nach Hause. Außerdem kann man ihn ja bei der nächsten Bierführung danach fragen.

Die Bitburger Brauerei feiert in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag. Das Jubiläumsfest mit Musik, Führungen, Laser-Show, Speisen und Getränken ist am Sonntag, 17. September, ab 11 Uhr in der Braustätte in Bitburg-Süd.

Extra: BITBURGER BIERGESCHICHTEN


Die Bitburger Citytouren in Kooperation mit der Bitburger Markenerlebniswelt bieten diese neue Stadtführung mit Gästeführer Andreas Kube an. Tourenstart ist jeweils in der Bitburger Markenerlebniswelt. Weitere Termine: 24. September, 11 Uhr; 29. Oktober, 11 Uhr. Tickets: Bitburger Markenerlebniswelt (Stadthalle). Erwachsene 7 Euro, Jugendliche 5 Euro, Kinder 3 Euro, Familienpreis (maximal vier Personen) 16 Euro. Info: Telefon 06561/694878.Extra: ZUR PERSON

 Mätti am Stammsitz der einstigen Bavaria Brauerei, heute die Gaststätte Zangerles Eck (Foto oben) und am Stammsitz der ehemaligen Brauerei Eifelbräu, heute Hotel und Gaststätte (Foto unten).
Mätti am Stammsitz der einstigen Bavaria Brauerei, heute die Gaststätte Zangerles Eck (Foto oben) und am Stammsitz der ehemaligen Brauerei Eifelbräu, heute Hotel und Gaststätte (Foto unten). Foto: (e_reg )
Bitburger Biergeschichte: Stadtführer Mätti verkörpert Brauergesellen
Foto: (e_reg )
 Handwerkszeug des Brauer-Gesellen: Flaschen, Zinnkrug, Kelle und Hammer.
Handwerkszeug des Brauer-Gesellen: Flaschen, Zinnkrug, Kelle und Hammer. Foto: (e_reg )
 Zünftig: Mätti trägt seine Holzschuhe.
Zünftig: Mätti trägt seine Holzschuhe. Foto: (e_reg )


Andreas Kube (46) ist zertifizierter Gästeführer. Hauptberuflich ist er als Gästebetreuer/Animateur im Dorint Hotel in Biersdorf tätig. Er bietet neben den Touren durch die Südeifel auch Touren in Bitburg an, zum Beispiel die Laternentour und, ganz neu, die Bitburger Biergeschichten-Tour. Er stammt aus Hessen und lebt seit vielen Jahren in der Eifel. "Führungen durch die Eifel sind mein Hobby", sagt er.