Erinnerungskultur: Bitburger Schüler gedenken der Pogromnacht

Erinnerungskultur : Bitburger Schüler gedenken der Pogromnacht

In einer Gedenkstunde erinnerten Schüler auf dem jüdischen Friedhof in Bitburg an die Ereignisse der Pogromnacht vor 81 Jahren.

Etwa 40 Mitglieder hatte die jüdische Gemeinde in Bitburg vor 81 Jahren, am 9. November 1938. Henri Juda, ein jüdischer Luxemburger erzählt: „Die Kallmanns, die damals in der Kölner Straße leben, sind nur eine der jüdischen Familien aus Bitburg, die in jener Nacht von der SA heimgesucht werden. Auf Befehl von oben beschmieren sie die Fassaden und Schaufenster der jüdischen Geschäfte mit Teer, kippen Grabsteine auf dem Friedhof um. Sie dringen in die Bitburger Synagoge ein und zerstören die Einrichtung. Am Morgen danach liegt alles in Scherben.“

Auch Henri Judas Vorfahren haben damals in der Brauereistadt gewohnt. Seine Großmütter wurden von den Nazis ermordet, seine Mutter überlebte Ausschwitz. Auch ihretwegen setzt er sich aktiv im Arbeitskreis Gedenken der Stadt Bitburg dafür ein, dass die Ereignisse in Erinnerung bleiben.

Deshalb stehen einige Klassen der Bitburger Schulen mit ihren Lehrern und anderen interessierten Bürgern nun auf dem Jüdischen Friedhof. Die Jungen und Männer tragen eine schwarz glänzende Kippa, die jüdische Kopfbedeckung. Die Besucher legen nach altem jüdischem Brauch Steine zur Erinnerung an die Opfer an den großen Gedenkstein, an dem ein Kranz mit gelben Blumen lehnt.

„Ich bin sehr froh, dass auch hier in Bitburg die Verantwortlichen aus Politik und Pädagogik bestrebt sind, die Zeitgeschichte offensiv aufzuarbeiten und die Schmach des Unrechts der Nazizeit ernsthaft zu verarbeiten“, sagt Juda. Und das haben die Schüler vor dem Gedenktag auch getan, erzählen Edona Sulejmani (17) und Marina Junk (17) vom St. Willibrord Gymnasium.

Die beiden haben sich freiwillig dazu bereit erklärt am Mikrophon für die Anwesenden ihre Gedanken vorzutragen. Sie erzählen, was sie sich fragen, wenn sie in anderen Städten die Stolpersteine aus Messing sehen, auf denen der Künstler Gunter Demnig die Namen der früheren jüdischen Hausbewohner geschrieben hat. Edona stellt sich vor, wer wohl die Frau hinter dem Namen auf dem Stolperstein gewesen sein könnte: „Hier im Viertel, wo jeder jeden kennt, stell ich mir vor, wie sie mir ein Lächeln schenkt. Ob es wohl ein Morgen so wie dieser war, als der Wagen kam? Alle schauen, doch kein Licht geht an.“ Die Schülerin Marina Junk sagt auf Nachfrage: „Ich finde es wichtig sich zu erinnern, damit man aus der Geschichte lernt und nicht dieselben Fehler nochmal macht“.

Auch Bürgermeister Joachim Kandels macht die Bedeutung des Gedenkens deutlich, indem er an den Anschlag mit antisemitischem Hintergrund auf eine jüdische Synagoge in Halle vor einem Monat verweist. Er zitiert die Reaktion des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier: „Die gesamte Gesellschaft muss Haltung zeigen. Die Geschichte mahnt uns, die Gegenwart fordert uns. Und wer jetzt noch einen Funken Verständnis zeigt für Rechtsextremismus und Rassenhass und das rechtfertigt, der macht sich mitschuldig.“

Anlässlich des 81. Jahrestages der Reichsprogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 legten Schüler der Bitburger Schulen auf dem Jüdischen Friedhof Steine zur Erinnerung nieder. Foto: TV/Katharina Fäßler

Die Bläsergruppe der Otto-Hahn-Realschule Plus spielt zwei Musikstücke. Fremd klingt das auf Hebräisch gesungene Gebet von Oberrabiner Alain Nacache von der jüdischen Gemeinde Luxemburg.

Henri Juda will niemanden anklagen, für die Vergehen der Vergangenheit. Er sagt aber auch: „Einigen Bitburger Juden gelang die Flucht – sie kamen nicht in Konzentrationslager. Dennoch wurden ihre zurückgelassenen Habseligkeiten bei gut besuchten Auktionen billig versteigert und die Häuser zu Spottpreisen an interessierte Bürger verkauft“. Juda beendet seine Rede mit einem Appell an die jungen Leute: „Hinterfragt. Und lasst euch nicht von Demagogen blenden, die einfache Lösungen auf komplizierte Fragen anbieten“.

Das Kunstwerk mit dem Titel „Der Riss“ vom Wittlicher Künstler Sebastian Langner besteht aus einer Stehle mit Namen der Holocaustopfer aus Bitburg und einem 9,50 Meter langen Bronzeband. Die Stehle wird im Laufe des nächsten Jahres auf den Platz Am Markt gestellt. Foto: Thomas Barkhausen
Anlässlich des 81. Jahrestages der Reichsprogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 legten Schüler der Bitburger Schulen auf dem Jüdischen Friedhof Steine zur Erinnerung nieder. Foto: TV/Katharina Fäßler

Zum Gedenken stellt die Stadt im Laufe des nächsten Jahres eine bronzene Stele des Wittlicher Künstlers Sebastian Langner auf dem Platz Am Markt auf (der TV berichtete). Der wird gerade noch saniert. Und wer weiß, vielleicht stolpert die ein oder andere Schülerin irgendwann in Bitburg sogar noch über einen Stolperstein.

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