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Buchstäblich dicke Luft im Bitburger Rathaus

Stadtrat : Dicke Luft im Rathaus

Die Belüftungsanlage im großen Sitzungssaal der Bitburger Stadtverwaltung ist nicht mehr zeitgemäß. Die Verwaltung würde sie gerne erneuern. Der Stadtrat will ganz darauf verzichten.

Gegen 17 Uhr beginnt die Stadtratssitzung. Bereits nach fünf Minuten ist der Grenzwert überschritten und weitere 45 Minuten später sogar fast doppelt so hoch wie erlaubt. Abzulesen ist das auf einem CO2-Messgerät, das in einer der Ecken des Sitzungssaals aufgestellt wurde. Es herrscht also dicke Luft. Dagegen lässt sich was tun: Ein Mitglied des Stadtrats öffnet kurz darauf eines der Fenster, muss es dann aber wieder schließen, weil die Glocken der benachbarten Liebfrauen-Kirche anfangen zu läuten. Wem die Luft zu stickig ist, der muss raus. Oder aber die Belüftung einschalten. Wobei das mit der Belüftung des großen Sitzungssaals auch so eine Sache ist. Je nachdem wo man sitzt, bläst einem die kalte Luft von oben erbarmungslos auf Kopf und Nacken.

„Die jetzige überdimensionierte Lüftungsanlage von 1985 entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen an Energieeffizienz, Anlagenregelung, Hygiene und Gesundheit“, heißt es dazu in einer ergänzenden Tisch-Vorlage der Verwaltung. Aus diesem Grund werde die Anlage auch kaum noch genutzt. Zudem gebe es auch brandschutztechnische Mängel, die behoben werden müssten.

Die Stadt hat deshalb den Umbau der Lüftungsanlage ausgeschrieben. Zwei Angebote wurden eingereicht, das günstigere der beiden liegt bei gut 99000 Euro. Zuzüglich der Kosten für die Demontage und abzüglich des Zuschusses durch das Land bleibt unterm Strich ein Kostenanteil der Stadt in Höhe von 76400 Euro. Günstiger wird es nicht. Es sei denn, die Stadt verzichtet auf eine Belüftungsanlage. Und genau darauf läuft es im Verlauf der Sitzung auch hinaus. Mit großer Mehrheit wird die Auftragsvergabe abgelehnt.

„In Zeiten des Klimawandels stände es uns gut, uns zu fragen, wie viel Komfort wir wirklich brauchen“, meint dazu Agnes Hackenberger (FBL). Und auch Jürgen Weiler (CDU) kann genau wie Peter Berger (Die Grünen) oder aber Irene Weber (SPD) gut auf die Belüftungsanlage verzichten. „Ich glaube, hier ist in den letzten 40 Jahren noch keiner umgefallen“, sagt Weiler. „Dafür aber eingeschlafen“, witzelt dazu Johannes Roß-Klein (Die Grünen), der damit nicht ganz Unrecht hat. Die mitunter recht langen Sitzungen am Ende eines Arbeitstages zersetzen den Widerstand gegen die Müdigkeit. Die meisten halten tapfer durch. Doch hin und wieder verliert ein Ratsmitglied den Kampf.

Möglicherweise hängt das tatsächlich mit dem hohen CO2-Gehalt im Sitzungssaal zusammen. Bis zu einem Wert von 1000 ppm gilt die CO2-Konzentration laut den Leitwerten für die Innenraumlauft als „hygienisch unbedenklich“. Danach wird es „hygienisch auffällig“ und ab 2000 ppm schließlich „hygienisch inakzeptabel“. Die Messung ergibt schon nach weniger als einer Stunde einen Wert von mehr als 1800 ppm.

Ohne zwischenzeitliches Lüften wäre eine Sitzung demnach gar nicht möglich. Es sei denn, die Menschen im Raum nehmen die schlechte Luft in Kauf. Der Stadtrat tut das durch seinen Beschluss. Die Frage ist nur: Was ist mit den Mitarbeitern der Stadtverwaltung. Laut Arbeitsstättenrichtlinie ist nämlich dafür zu sorgen, dass die Kohlendioxid-Konzentration die 1000ppm-Marke nicht überschreitet. Weswegen Bürgermeister Joachim Kandels den Beschluss des Stadtrats auch nicht mitträgt. Er habe gegenüber seinen Mitarbeitern eine Fürsorgepflicht, erklärt Kandels.

Durch regelmäßiges Lüften kann der Bürgermeister dieser Fürsorgepflicht nachkommen. Denn der Sitzungssaal verfügt über ausreichend Fenster. Schwierig wird es allerdings in der Umsetzung. Für die Ratsmitglieder, die direkt an der Fensterseite sitzen, könnte es vor allem im Winter recht ungemütlich werden, wenn hinter ihnen die Fenster dauerhaft in der Kippstellung stehen. Vom energetischen Aspekt mal ganz abgesehen.

Eine andere Möglichkeit wäre ein regelmäßiges Unterbrechen der Sitzung, um den Raum durchzulüften – was anscheinend auch vor jeder Stadtratssitzung gemacht wird. Dass dieser Erfolg nicht von langer Dauer ist, zeigen die Messergebnisse. Die Gremien könnten dann hinter jeden Tagesordnungspunkt erst mal lüften.