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Corona und die Flucht aus den Städten

Leben auf dem Land : Stadtflucht: Auf einmal sind die Dörfer cool

Noch so eine Folge von Corona: Derzeit entsteht der Eindruck, dass die Großstädter plötzlich das Ländliche unheimlich gut zu finden beginnen. Und den Eifelern ihre Buden wegkaufen, Hauptsache freistehend. Aber ist da auch wirklich etwas dran? Wir fragten die Makler.

Wenn man während der bisherigen Viruswochen, vor allem in der Lockdown-Zeit, einen Satz in der Eifel immer wieder gehört hat, dann diesen: „Uns geht’s hier ja noch vergleichsweise gut.“ Weil: Platz ohne Ende. Schnell bist du im Freien und Grünen, fern von größeren Menschenansammlungen. Oder, wir sind ja in der Eifel, von kleineren.

Und die Leute in den großen Städten? Stellen auf einmal fest, wie super das Land ist. Wo man sich nicht dauernd auf den Füßen steht oder die Brauchluft des anderen einatmen muss. Also suchen sie sich ein Häuschen da draußen, wo sich Fuchs und Färse gute Nacht sagen. Die Berichte, dass genau das gerade verstärkt geschieht, mehren sich: In etlichen Regionen, darunter auch Eifel und Hunsrück, meldet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in ihrer Ausgabe vom 14. Juni, sollen sich die Immobilienanfragen teils verdoppelt haben.

Ist da etwas dran? Zeichnet sich da eine Entwicklung ab, oder ist das nur ein vergängliches Stimmungsbild, der Krise geschuldet und danach wieder erledigt?

 Wer Dorf sagt, muss auch Muh mögen.
Wer Dorf sagt, muss auch Muh mögen. Foto: Fritz-Peter Linden

Er führe keine Statistik darüber, wo mehr Anfragen herkommen, Dorf oder Stadt, sagt Makler Günter Thönnes aus Daun. „Aber gefühlsmäßig würde ich sagen: fifty-fifty.“ So stoße das eine oder andere seiner Angebote gerade häufiger auf Interesse bei Städtern. Und ein alter Schulfreund, der sein Berufsleben in Düsseldorf verbrachte, habe sich gemeldet: „Hast du nicht was in der Eifel? Ich würd’ gern zurückkommen.“ Einen Trend sieht Thönnes aber noch nicht unbedingt.

„Wir verzeichnen schon mehr Nachfragen. Und Aufrufe unserer Angebote im Internet“, sagt Margit Schirmer, Maklerin bei der Volksbank Eifel in Bitburg. Das gelte vor allem für Interessenten aus dem Raum Köln-Bonn, mit denen man jetzt auch mehr Besichtigungstermine vereinbare. Sie bleibe aber skeptisch: Manches sei wohl eher „Immobilienbesichtigungstourismus“ – weil viele dafür in den vergangenen Wochen die Zeit gehabt hätten. Ob das auch in mehr Kaufentscheidungen resultiere, sei noch nicht abzusehen.

Dagmar Mehling-Ewen leitet die Immobilienabteilung bei der Kreissparkasse Bitburg-Prüm: „Ich habe morgen einen Termin mit jemandem aus Hannover“, sagt sie. Auch sie spricht noch nicht von einer nachhaltigen Entwicklung. „Aber wir haben schon über die Landesgrenzen hinaus mehr Nachfragen als vor Corona, das kann ich bestätigen. Und das auch aus der Stadt. Das lässt sich auch festmachen an den Objekten, die nachgefragt werden: ländlich – und wenn, dann ein Häuschen mit möglichst Garten drumherum.“

Sie erwartet, dass „da noch mehr kommt. Es gibt Anzeichen.“ Und das auch wegen der neuen Möglichkeiten, von daheim aus zu arbeiten, der Ruhe, der Natur, der vergleichsweise günstigen Preise. Und weil Kinder auf dem Land weniger Gefahren ausgesetzt seien.

Nächster Anruf: in Hillesheim, bei Jupp-Immobilien, wo man auch den niederländischen Markt beackert. „Auf jeden Fall mehr Anfragen von Leuten aus der Stadt“, bestätigt Geschäftsführerin Sabine Schwiemann. Und sie ist davon überzeugt, dass das Virus „dazu geführt hat, dass viele gemerkt haben: Es ist vielleicht doch nicht so cool, mit zwei Kindern in drei Zimmern in der Stadt wohnen zu müssen.“

Sie packte übrigens vor 25 Jahren in Frankfurt ihre Sachen – und zog in die Eifel, „zum Entsetzen meiner Familie und Freunde“. Und für alle, die mit dem gleichen Gedanken spielen, hat sie noch ein Argument: die Eifeler. Denn die seien „ein wahnsinnig nettes, hilfsbereites und pragmatisches Völkchen“.

Zum Schluss ein Tipp: Wer sich dauerhaft aus den urbanen Häuserschluchten in die Büsche schlagen will, der sollte ein Buch mitnehmen. Titel: „Das Landleben – Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform“ (C.H. Beck, 300 Seiten, 26 Euro) von Werner Bätzing. Der emeritierte Professor für Kulturgeografie liefert darin eine umfassende, fundierte Darstellung vom Entstehen frühester Siedlungen bis in unsere Gegenwart. Und er beschreibt ein Leben, das vor allem seit den 60er Jahren einem einschneidenden Wandel unterzogen ist. Das Ergebnis: ein gefährliches Ungleichgewicht zwischen urbanen und ländlichen Räumen, das ein komplementäres, also ergänzendes Miteinander nahezu unmöglich macht.

Bätzing zeigt, wie die „im Grundgesetz angemahnte ,Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse’ (zwischen Stadt und Land, Anm.) de facto längst ausgehebelt“ ist. Nicht zuletzt stellt er sich jenen entgegen, die in ländlichen Regionen nur noch einen Erholungsraum sehen, in dem sich die Natur und der Besucher regenerieren sollen, während das „wahre Leben“ woanders spielt.