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Coronavirus: Wie die Berliner Beschlüsse in den Eifeler Betrieben ankommen

Coronavirus : Feste abgesagt, Handel öffnet, Gastronomie blutet

Zwischen verhaltener Freude und wachsender Sorge um die Existenz: So reagieren Geschäftsleute aus der Eifel auf die Beschlüsse von Mittwoch. 

Das war’s. Was irgendwie schon in der Luft lag, steht nun fest: keine Großveranstaltungen bis zum 31. August.

Schluss mit Feiern: Auch wenn sich noch viele fragen, ab wann eine Veranstaltung wirklich groß ist, dürfen die Eifeler mit Gewissheit davon ausgehen: Dieses Jahr fällt das Bitburger Folklore-Festival, das sonst rund 60 000 Besucher über vier Tage zieht, flach. „Das muss man ja wohl in jedem Fall als Großveranstaltung sehen“, sagt Bürgermeister Joachim Kandels. Aufgrund der Kontaktverbote und der Hygienevorschriften und Abstandsregelungen sei ein solches Fest nicht auszurichten. „Zudem gelten immer noch Reisewarnungen und Einreisebeschränkungen auch für Deutschland“, sagt Kandels und ergänzt: „Ich hielte es nach heutigem Stand der Lage für unmöglich, ein Folklore-Festival überhaupt in gewohnter Weise zu organisieren.“

Das war’s dann wohl auch für den Prümer Sommer. Der beginnt traditionsgemäß am letzten Junisonntag mit großem Stadtfest und geht anschließend an acht Donnerstagen weiter mit Konzerten, die jedes Jahr mehr als 25 000 Besucher ziehen.

Also sagt auch Johannes Reuschen, Stadtbürgermeister von Prüm: „Die Gefahr ist groß.“ Dennoch sei darüber noch nicht der finale Beschluss gefasst: Ministerpräsidentin Malu Dreyer müsse ja zunächst „definieren, was eine Großveranstaltung ist“. Allerdings hat er sich bereits mit Manfred Schuler, der das Volksfest organisiert, abgestimmt – auch für den Fall der Absage: „Wir sind vorbereitet.“

Raderlebnistag abgesagt: Aloysius Söhngen, Bürgermeister der Verbandsgemeinde (VG) Prüm und Landesvorsitzender des Gemeinde- und Städtebunds, hält es unter den aktuellen Umständen „für sehr fraglich“, dass es dieses Jahr einen Prümer Sommer geben dürfe. „Ich gehe davon aus, dass das unter Großveranstaltung fällt“, sagt er. Und nach einem Gespräch mit seinem Kollegen Josef Junk (VG Bitburger Land) stehe bereits jetzt fest: Der Aktionstag „Nim(m)s Rad“ an Pfingsten werde abgesagt. „Das ist Ende Mai, das wird definitiv noch nicht gehen“.

Mai-Markt fällt aus: Ähnlich sieht es in Bitburg mit dem Markt aus, den der Gewerbeverein ursprünglich am 17. Mai ausrichten wollte – ein verkaufsoffener Sonntag mit großem Rahmenprogramm. „Der fällt dieses Jahr aller Voraussicht nach aus“, sagt Bitburgs Gewerbevereinsvorsitzender Lars Messerich. Man warte zwar noch den Landesbescheid ab, „aber das zählt wohl als Großveranstaltung.“ Zu diskutieren sei, ob die Händler dennoch einen verkaufsoffenen Sonntag anbieten. Falls erlaubt.

Sie atmen auf: Ware, die auf den Verkauf wartet, gäbe es genug, bestätigen die Einzelhändler. Schließlich haben sie die Frühjahrskollektionen geordert und mussten in der dritten Märzwoche ihre Läden schließen. „Wir haben im Bereich Mode und Schuhe natürlich viel Saisonware, und die ist nicht abgeflossen“, sagt Messerich, der mehrere Modehäuser in Bitburg betreibt. „Das ist für uns eine wichtige Zeit vor Ostern“, sagt der Unternehmer. Und in dieser Zeit lief nichts. Betriebswirtschaftlich sei die Lage angespannt: „Wenn vier Wochen der Umsatz komplett ausfällt, entsteht schon Druck.“

Umso froher ist er nun, wieder öffnen zu können – wenn auch nicht den kompletten Laden. Der ist mit rund 2400 Quadratmetern Verkaufsfläche zu groß. „Wir werden in Absprache mit der Kreisverwaltung einzelne Bereiche mit separaten Zugängen abtrennen. Das Obergeschoss wird gesperrt“, sagt Messerich, der sich mit seinen 70 Mitarbeitern auf einige Änderungen einstellt – unter anderem: „Wir werden Mundschutz tragen.“

Sabine Klöckner von Oliver Mode hat vier Geschäfte in Prüm: „Und wir dürfen alle wieder öffnen.“ Erst einmal sei es gut, „dass es irgendwie nochmal los geht. Aber man darf sich da nichts vormachen: Es werden jetzt nicht die Menschenmassen die Läden stürmen.“ Dennoch freue sie sich sehr, wieder Kunden begrüßen zu dürfen. Allerdings „mit klaren Maßnahmen: Wir haben Spuckschutz, alle tragen Mundschutz, wir werden das klar leben, kommunizieren und uns ganz streng an die Abstandsregelungen halten.“

Kamilla Bujara, Unternehmensnachfolgerin im Autohaus Schaal, sprüht vor Tatendrang. „Wir sind happy wie ein Schnitzel“, sagt die junge Frau. Endlich, endlich gehe es wieder los. „Es ist uns zwar tatsächlich auch gelungen, das ein oder andere Auto online zu verkaufen, aber das ist nicht das gleiche wie das Gespräch mit dem Kunden vor Ort und die Chance, die Autos auch wirklich auszuprobieren.“ Für die Öffnung des Autohauses werde man nun mit Desinfektionsmittel, Einwegschutz für Lenkräder und Sitze und vielem mehr arbeiten. Sicherheit muss sein.

Besonders nette Idee: „Wir lassen für unsere Kunden Mundschutz nähen, den wir verschenken. Mal gespannt, ob wir sie damit auch zum Tragen der Masken motivieren“, sagt Kamilla Bujara. Was die wirtschaftliche Seite angeht, sei man ganz gut über die Runden gekommen: „Dank des gut laufenden Werkstattbetriebs.“ So mussten auch nur zehn Prozent der rund 80 Mitarbeiter in Kurzarbeit.

Neue Regeln: Keine Frage, alle atmen auf, die öffnen dürfen. „Wenn der Umsatz über einen Monat ausfällt, tut irgendwann wirklich jede Woche weh“, sagt Iris Filz, Inhaberin von Haare und Kosmetik Filz in Bitburg. Sie überlegt, wie sie mit ihrem siebenköpfigen Team Sicherheits- und Schutzmaßnahmen umsetzt, wenn ab dem 4. Mai auch die Frisörläden öffnen dürfen und wieder Haare geschnitten und frisiert werden. Das geht von Plexiglas-Wänden, mit denen die Waschbecken getrennt werden über Mundschutz für alle Mitarbeiter und Kunden bis hin zum Schichtbetrieb.

„Wenn beispielsweise nur eine begrenzte Zahl von Kunden in den Laden darf, macht es ja Sinn, die Öffnungszeiten auszudehnen“, sagt Filz. Was sie rührt: „Alle freuen sich, wieder zu arbeiten. Das ist doch auch mal eine schöne Erfahrung.“ Und: „Viele Kunden haben uns geschrieben, gesagt, dass sie sich freuen, wenn wir wieder öffnen. Das hat schon gut getan.“

Treue Kunden: Eine Erfahrung, von der auch Einzelhändler berichten. Etwa Doris Denzer. Die Inhaberin von Porzellanhaus Schönhofen sagt grundsätzlich zu den Lockerungen: „Ich habe ja nicht so richtig daran geglaubt. Aber jetzt freue ich mich.“ Wie überall wird auch bei ihr mit Spuck- und Mundschutz aufgerüstet und auf Abstandsregeln hingewiesen und deren Einhaltung geachtet.

Was die Begrenzung von maximal einem Kunden pro zehn Quadratmeter angeht, macht Denzer sich keine Sorgen: „So viele sind bei uns ja auch sonst nicht gleichzeitig im Laden.“ Schließlich soll der Kunde ja auch persönlich beraten werden. Was Denzer ans Herz rührt: „In den vergangenen Wochen haben viele Kunden angerufen, sich erkundigt, mal eine Mail geschrieben und auch mal was telefonisch bestellt. Das ist einfach unglaublich schön, diese Solidarität zu erleben.“ Dafür sei sie sehr dankbar.

Das kennt auch Ulla Nafziger von der Blumenecke, und auch ihr hat der Zuspruch treuer Kunden gut getan: „Gerade um Ostern herum haben viele Blumengrüße und Gestecke für Verwandte und Freunde bestellt, die sie nicht besuchen konnten, das fand ich toll.“ Und zu spüren: „Auch wenn man jetzt den Laden zu hat, wird man nicht vergessen.“ Was die Floristin während der Schließung unverständlich fand, war die Tatsache, dass große Baumärkte, wo viele Menschen zusammenkommen, Pflanzen verkaufen dürfen, während sie ihren kleinen Laden schließen musste: „Da wurden schon Hochzeiten und Kommunionfeiern abgesagt, und dann fällt der Beginn der Garten- und Terrassensaison für uns auch noch flach.“

Gemischte Gefühle: Die gebremste Wiedereröffnung im Einzelhandel ab Montag erntet zunächst auch Zustimmung bei Daniele Haas, der Prümer Gewerbevereinsvorsitzenden: „Für jeden, der aufmachen kann, ist das überlebenswichtig. Und ich gönne allen den Umsatz von Herzen.“

Trotzdem: Für jene Betriebe, die weiter geschlossen bleiben müssen, „ist das der Anfang vom Ende“. Denn viele litten stark unter den Umsatzeinbrüchen. „Und das ist ja branchenübergreifend. Man sieht ja an den Lieferketten, wie wir alle vernetzt sind. Wenn es einem nicht gut geht, sind alle betroffen.“ Dabei spricht sie auch als Hotel- und Cafébetreiberin: „Bis wir wieder aufmachen dürfen, ist die halbe Saison vorbei.“ Und es drohe noch weit Schlimmeres: „Die Zahlen derer, die sich verabschieden werden, sind horrend. Das ist einfach so.“

Der Prümer Buchhändler Josef Behme kann am Montag ebenfalls wieder seine Tür aufmachen. Den Beschluss aus Berlin findet er verständlicherweise „sehr okay“. Und will sich sofort schlau machen, welche Schutzvorkehrungen er dafür treffen muss. „Und dann lass ich mich mal überraschen, ob überhaupt Leute kommen“. Falls ja, sei sein Geschäft groß genug: „Wenn ich fünf Leute im Laden habe, können die sich verteilen.“

Seine Kollegin Sabine Rehm von der Buchhandlung Hildesheim bekennt, einigermaßen durch die vier Sperrwochen gekommen zu sein – „weil wir die nettesten Kunden der Welt haben“. Wobei auch geholfen hat, dass sie mittlerweile die Postagentur betreibt.

Die Schule muss warten: Als Elternsprecherin des Regino-Gymnasiums ist sie unterdessen sehr einverstanden damit, dass der Unterricht erst im Mai wieder beginnen soll: „Ich finde das schon in Ordnung. Zumal es bei den kleineren Kindern schwierig ist mit dem Abstandhalten.“ Bei den Größeren, sagt Sabine Rehm, klappe das schon eher. Und da sieht sie auch die Notwendigkeit, bald wieder einzusteigen: „Ich habe eine Neuntklässlerin und einen Zwölftklässler. Und für den wäre es sehr wichtig – denn bei ihm zählt ja alles schon fürs Abitur.“

Falls es dann Anfang Mai in den Schulen wieder losgeht, ist man in der Bertrada-Grundschule Prüm gerüstet: Rektor Arnold Gierten findet es zunächst einmal richtig, „dass man schrittweise vorgeht und mit den Viertklässlern wieder einsteigt“. Die Schule hat vier solcher Klassen – und 16 Räume. Da ließe sich das problemlos bewerkstelligen. Sofort wieder den vollen Betrieb einzuleiten, wäre falsch, sagt Gierten: „Vor allen Dingen, weil wir ja alle gelernt haben, dass es wichtig ist, Abstand zu halten. Und weil es ja auch was bringt.“

Lagezentrum Eifelkreis Joachim Streit Foto: TV/Dagmar Dettmer

Darüber hinaus gelte, sagt der Prümer VG-Chef Alois Söhngen: „Die Epidemie ist ja noch lange vorhanden. Es wird weiterhin darum gehen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Und gleichzeitig kommt es darauf an, normales Leben schrittweise wieder zu ermöglichen.“ Insofern seien die Beschlüsse von Mittwoch „sehr vernünftig“.