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Da fehlt nichts außer der Kruste

Da fehlt nichts außer der Kruste

Die Prümtaler Mühlenbäckerei in Lünebach hat ein Brot entwickelt, das besonders für Demenz- und Alzheimerkranke geeignet ist und in etlichen Seniorenheimen angeboten wird. Der Clou daran ist das, was fehlt: eine Kruste.

Lünebach/Prüm. Nein, seine Kinder kriegen das Brot nicht, sagt Walter Simon, Geschäftsführer der Prümtaler Mühlenbäckerei in Lünebach. Auch wenn viele Eltern das Problem kennen: Kind soll Butterbrot essen, will aber nicht "das Harte" drum herum. Dass das aber normal ist und dass "sich durchbeißen" ja auch im übertragenen Sinn zu den wesentlichen Dingen im Leben zählt - das muss man beim Großwerden eben auch lernen.
Aber für viele, vor allem natürlich für ältere Menschen, kann ein leicht zu beißendes Brot eine Verbesserung ihrer Lebensqualität bedeuten. Vor allem, wenn sie an Demenz erkrankt sind. Und für sie hat man sich in Lünebach ein krustenloses Brot ausgedacht.
Wie geht das? "Es ist eher ein Garen als ein Backen", sagt Walter Simon. Das Brot liege also verhältnismäßig lange im Ofen, bei niedrigerer Temperatur, in einem Isolierkasten. Und es habe eine spezielle Getreidezusammenstellung. Bis man alles perfekt beieinander hatte, habe man in Lünebach drei Monate gebraucht, sagt Simon. Das war im vorigen Jahr - und mittlerweile hat sich das Produkt etabliert.
Und zwar vor allem dort, wo man den Lünebachern den Bedarf für ein solches Brot mitgeteilt hatte: in den Küchen von Altenheimen und Krankenhäusern. "Da hieß es überall: Wenn wir doch mal krustenfreies Brot hätten," sagt Simon. Also haben es die Lünebacher entwickelt und zählen damit zu den ganz wenigen Betrieben im Land, die ein solches Produkt überhaupt im Sortiment haben.
Kaum Konkurrenz


Sie beliefern mittlerweile zahlreiche Häuser damit. Konkurrenz? Kaum - zumindest nicht in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, dem Saarland, Belgien und Luxemburg - dem Vertriebsgebiet der Bäckerei mit insgesamt 250 Mitarbeitern, in dem sich rund 600 Altenheime und Krankenhäuser befinden. Auch die großen Unternehmen - zum Beispiel Harry oder Lieken - haben ein solches Produkt nicht im Sortiment.
Aber hat es auch Sinn? Ja - bestätigen Uwe Szymanski, Kaufmännischer Direktor des St.-Joseph-Krankenhauses in Prüm und der leitende Oberarzt der Geriatrie, Christoph Rick: "Wir setzen das im Altenheim ein", sagt Szymanski. Und die Mitarbeiter dort seien auch deswegen froh darüber, weil sie Zeit sparen können, die sie bei normalem Brot mit dem Wegschnippeln der Kruste verbringen müssten.
Zwar verwende man das Brot in der geriatrischen Abteilung nur selten, sagt Rick. "Weil heute die Zahnprothesen viel besser sind als früher. Und die Leute haben schon gern noch die Kruste am Brot."
Bei dementen Menschen aber sehe es anders aus: Manche verschluckten sich recht schnell. Und im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit funktioniere auch im Körper manches nicht mehr, was dieser normalerweise von selbst regelt - wie eben den Schluckvorgang. "Demenzkranke haben oft keine Kontrolle darüber, wie groß die Stücke sind, die in den Rachen gelangen", sagt Dr. Rick. "Und da ist die Kruste der Klassiker: Die kann sich als länglicher Fremdkörper vor den Kehlkopf legen oder in die Luftröhre rutschen und dann wirklich mechanische Probleme machen. Und das kann bis zu lebensbedrohlichen Erstickungsanfällen führen."
Hinzu komme, dass das Brot, nachdem es durch den Speichel aufgeweicht sei, in Mund und Rachen leichter die Form ändern könne: "Das rutscht so besser in Richtung Speiseröhre als mit Kruste. Die Konsistenz ist also einfach besser für solche Patienten." Insgesamt bringe das Mediziner und Betreuer dem Ziel näher, den Menschen so lange wie möglich so viel Lebensqualität wie möglich zu bieten: Und dazu gehöre nicht zuletzt der Genuss von Essen und Trinken.
Das gilt eben auch in den etwa 60 Altenheimen, die seit Erfindung des Lünebacher Brots als Kunden dazugekommen sind. Auch markttechnisch ist das Eifeler Produkt also eine Punktlandung.Extra

Das krustenfreie Brot wird angeboten als Weizen-, Weizenmisch- und als Mehrkornbrot. Und während die Mühlenbäcker sonst ganz auf reine Sauerteige setzen, müssen sie hier etwas beigeben: einen Säureregulator, der den Zeitpunkt hinauszögert, an dem sich Schimmel bildet. Der Grund: Die Seniorenheime können nicht jeden Tag eine frische Lieferung ordern, weil das die Budgets übersteigen würde. Ansonsten gelten in Lünebach Nachhaltigkeit und Regionalität: Mit dem "Ährenwert-Qualitätsprogramm" setzt man auf Eifeler Getreide - mit Landwirten aus dem Umland, die sich vorgegebenen Anbaurichtlinien und "einer ökologischen und nachhaltigen Getreide-Anbauweise verpflichtet fühlen". fpl