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Damit Bitburg sich erinnert

Damit Bitburg sich erinnert

Im Auftrag des Stadtrats forschen Stadtarchivar Peter Neu und Stephan Garçon nach Einzelschicksalen von Opfern des Naziregimes in Bitburg. Nach der Sommerpause präsentieren sie erste Ergebnisse im Stadtrat: So wurde etwa die Schwester eines Zwangsarbeiters gefunden, die jahrzehntelang nach ihrem Bruder gesucht hat.

Bitburg. Es ist, als würde jemand mit einer kleinen Taschenlampe in ein riesiges, stockfinsteres Gemäuer leuchten. Das, was im Schein der Lampe sichtbar wird, ist ein Mosaiksteinchen. Vielleicht ein Detail, das hilft, die heute schwer vorstellbare Zeit des Nationalsozialismus für kommende Generationen greifbarer zu machen. Eine Zeit, an die in Bitburg nur wenig (siehe Extra) erinnert. "Anders als in Wittlich, steht hier keine Synagoge mehr, die ein Mahnmal für die kleine jüdische Gemeinde sein könnte, die es hier einmal gab", sagt Heimatforscher und Stadtratsmitglied Stephan Garçon, der sich seit dem Besuch Ronald Reagans auf dem Soldatenfriedhof Kolmeshöhe mit der Zeit des Nationalsozialismus in Bitburg beschäftigt.
Damals, 1985, machte die Stadt weltweit Schlagzeilen, weil auf dem Friedhof, wo Reagan zum Zeichen der Versöhnung einen Kranz niederlegte, auch 49 Soldaten der Waffen-SS begraben sind. Ein gutes Jahr ist es her, dass der Stadtrat Garçon sowie Stadtarchivar Peter Neu damit beauftragt hat, Licht ins Dunkel der Bitburger Nazi-Zeit zu bringen (siehe Hintergrund). "Neben den jüdischen Opfern des Nazi-Regimes haben in Bitburg auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene diese Zeit nicht überlebt", sagt Garçon, der sich diesem Teil der Forschung widmet, während sich Neu um die Schicksale der einstigen jüdischen Mitbürger kümmert.
Ihre Familien hießen Levy, Juda, Joseph oder Kaufmann, ihre Häuser standen in der Mötscher Straße oder neben dem Simonbräu. Heute erinnert an die einst rund 45 Menschen zählende jüdische Gemeinde, die es vor 1933 in Bitburg gab, lediglich der jüdische Friedhof und eine Tafel, die in der Neuerburger Straße den Standort der einstigen Synagoge markiert.
Endstation Nervenheilanstalt


Sie mussten vor den Nationalsozialisten flüchten, ihr Hab und Gut zu Niedrigpreisen hinterlassen. 14 von ihnen starben nach derzeitigem Stand der Forschung des Stadtarchivars in Konzentrationslagern. Neu konnte auch das Schicksal von Sybilla Joseph, geboren am 19. Oktober 1883 als Tochter eines Bitburger Handelsmanns, klären. Sybilla Joseph lebte mit ihrem unehelichen Kind in der Schliezgasse. Nachdem die Synagoge 1938 von Nazischergen geschändet worden war, soll sie in ihrem Haus "randaliert" haben, wie es in Dokumenten des Stadtarchivs steht. Sie wurde in die Nervenheilanstalt Andernach verschleppt, wo sie 1940 gestorben ist. Aus der Krankenakte, die Neu ausfindig gemacht hat, geht hervor, dass sie kurz vor ihrem Ende nur noch 45 Kilo wog - zehn Kilo weniger, als bei ihrer Einlieferung.
33 Namen ohne Geschichte


Eine Reihe mit 33 Gräbern auf dem Friedhof in der Erdorfer Straße hat Garçon besonders beschäftigt. Nikolaus Waselenko oder Jossiv Gustav steht beispielsweise auf den Grabplatten - aber kein Geburts-, kein Sterbedatum. 33 Namen, ohne Geschichte. Garçon hat diese Namen mit dem Sterberegister der Pfarrei Liebfrauen abgeglichen.
Ergebnis: Nur ein Teil der 33 Namen findet sich im Sterberegister wieder, dafür aber stieß Garçon auf vier weitere Namen, die bisher nirgendwo sonst verzeichnet waren - darunter auch der von Julian Sperker, geboren am 21. Mai 1925 in Krakau, gestorben am 26. November 1944 in Bitburg. Garçon schickte die Namen an den Internationalen Suchdienst. "Der hat mir die Adresse einer noch lebenden Angehörigen dieses Julian Sperkers vermittelt, der eigentlich Spyrka heißt. Es ist seine über 80-jährige Schwester, die in Polen lebt, und all die Jahrzehnte vergeblich nach ihrem Bruder gesucht hat", sagt Garçon. Die Frau hat er gleich angeschrieben, nun wartet er auf Antwort. Garçon vermutet, dass Julian Spyrka zusammen mit russischen Kriegsgefangenen - er hat eine Liste mit 129 Namen von der russischen Botschaft bekommen - 1944 in einem Massengrab auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt worden ist. "Es gibt noch viele Ungereimtheiten und offene Fragen", sagt Garçon, den es aber freut, zumindest eines der so vielen anonymen Schicksale aufklären zu können.
Wer sich an die Zeit des Nationalsozialismus in Bitburg erinnern kann, Fotos oder andere Zeitdokumente hat, Hinweise zum Schicksal einstiger jüdischer Mitbürger, Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene geben kann, melde sich bei Stadtarchivar Peter Neu, Telefon 06561/6001-0 (mittwochs) oder Stephan Garçon, Telefon 06561/67639.
Extra

Auf dem Friedhof in der Erdorfer Straße ist auch der jüdische Friedhof, wo jedes Jahr am 9. November zum Gedenken an die Pogromnacht, in der 1938 Synagoge und jüdische Geschäfte geschändet wurden, ein Kranz niedergelegt wird. Doch selbst auf der Gedenktafel für Bitburger Bürger jüdischen Glaubens, die dort steht, fehlen die Namen der Opfer des Holocaust. Der letzte Verstorbene, der auf der stark verwitterten Tafel eingetragen ist, ist Hermann Meier - gestorben am 16. April 1940, vermutlich eines natürlichen Todes. Alle anderen Todesdaten liegen länger zurück, die meisten datieren aus einer Zeit vor der Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933. Zum Gedenken an alle Opfer des Faschismus gibt es auf dem Soldatenfriedhof Kolmeshöhe ein vom Künstler Albert Hettinger gestaltetes Mahnmal. Es ist eine Säule, die wie von einem Geschwür durchbrochen ist (siehe Foto links). Auf dem Fuß der Säule ist ein Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker aus seiner Rede 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes eingraviert: "Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart." schoExtra

Dr. Peter Neu (76), Archivar in der Bitburger Stadtverwaltung: Was berührt Sie bei Ihrer Forschungsarbeit am meisten? Neu: Diese furchtbaren Schicksale der ehemaligen jüdischen Bürger Bitburgs. Mich macht es fassungslos, dass diese Art der Verfolgung, die systematische Ermordung in einer an sich doch bis dahin als zivilisiert geltenden Gesellschaft möglich war. Das ist unvorstellbar. Wie das geschehen konnte, ist eine Frage, die mich umtreibt. Warum bemühen Sie sich darum, Licht in das Dunkel so vieler Einzelschicksale ehemaliger jüdischer Mitbürger zu bringen? Neu: Diese Einzelschicksale tragen dazu bei, dass das ganze Grauen dieser Zeit nachvollziehbar bleibt, auch für kommende Generationen. Diese Schicksale gehen unter die Haut. Es ist eben etwas anderes, ob wir von den Juden sprechen oder von einem einzelnen Menschen, der einst in Bitburg gelebt hat und aus seiner Heimatstadt vertrieben wurde. Es ist auch ein Unterschied, ob wir von dem Holocaust sprechen, oder von dem Holocaust in Bitburg. Judenverfolgung gab es auch direkt vor unserer Haustür. Warum ist es Ihrer Ansicht nach wichtig, dass sich Bitburg an diese Zeit erinnert? Neu: Der Holocaust ist ein Kapitel deutscher Geschichte, das nicht vergessen werden darf. Wir sind doch nicht davor gefeit, dass so was noch einmal passiert. Wir haben die Verantwortung, mahnend an den Holocaust in unserer Stadt zu erinnern, damit die Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte lebendig bleibt. scho