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Damit die Opfer von Gewalt nicht allein bleiben

Damit die Opfer von Gewalt nicht allein bleiben

Während sich bei der Verbrechensbekämpfung der Fokus häufig auf Verfolgung und Bestrafung der Täter richtet, bleiben Opfer oft sich selbst überlassen. Vor allem, wenn sie sich Hilfe nicht leisten können. Genau dort setzt der Verein Weisser Ring an - auch in der Eifel.

Bitburg/Hillesheim. Es gibt Fälle, an die erinnert sich Nikolaus Wurm besonders gut. Wie beispielsweise der des 15-jährigen Mädchens, das anlässlich der Feier zum 70. Geburtstag der Oma offenbarte, dass es bereits seit zehn Jahren von einem Bekannten der Familie sexuell missbraucht werde. Oder der Fall eines älteren Ehepaars, das abends um zehn Uhr Opfer eines Raubüberfalls wurde. "Die Sache ist damals glimpflich ausgegangen", sagt Wurm, "doch die Verletzung der Intimsphäre war für die beiden absolut erschütternd." Noch immer besuche er das Ehepaar regelmäßig, um zu sehen, inwieweit sie mit den Folgen des Überfalls zurechtkommen.
Der 63-Jährige aus Bitburg ist seit 2009 Mitglied des Weissen Rings - eine Opferhilfeorganisation, der deutschlandweit mittlerweile mehr als 3000 ehrenamtliche Helfer angehören. Zwölf davon arbeiten im gemeinsamen Zuständigkeitsbereich von Eifelkreis und Vulkaneifel. Sie fahren quer durch die Eifel, um Kriminalitätsopfern zu helfen. So wie der 84-jährige Leo Hens aus Hillesheim. "Jeder Fall hat seine eigene Dynamik und erfordert deshalb auch eine individuelle Betreuung", sagt Hens. Er ist genau wie Ehefrau Ursula seit elf Jahren in der Opferhilfe tätig, war zudem auch viele Jahre Außenstellenleiter und hat jetzt das Amt an seinen Nachfolger Wurm übergeben.
Die Menschen, mit denen es Wurm, Hens und die übrigen Helfer zu tun haben, decken als Opfer das Spektrum sämtlicher Verbrechen ab. Dazu zählen Körperverletzung, Einbruch, schwerer Raub, Diebstahl, sexueller Missbrauch, Stalking, Kinderpornografie oder aber Mordversuche. Und in den meisten Fällen sind die Opfer weiblich. "Wir bekommen in der Regel Hinweise von der Polizei", sagt Wurm, "und wenn die Opfer damit einverstanden sind, nehmen wir mit ihnen Kontakt auf."
Etwas, was diese Opfer gemeinsam haben, sind nicht nur die traumatischen Folgen, sondern vor allem auch die wirtschaftliche Lage. Denn die Hilfe des Weissen Rings richtet sich gezielt an sozial schwache Mitglieder der Gesellschaft. An Menschen, die es sich nicht leisten können, eine therapeutische oder juristische Hilfe in Anspruch zu nehmen. "Wir unterstützen beratend und finanziell", sagt Wurm, in dessen Zuständigkeitsbereich jährlich zwischen 70 und 80 Opfer betreut werden. Der Leiter der Außenstelle in der Bitburger Talstraße geht davon aus, dass die Zahl der Hilfebedürftigen tatsächlich aber weitaus höher ist. "Wir wissen, dass mindestens doppelt bis drei Mal so viele Menschen Hilfe bräuchten, doch leider wird es seitens der Polizei oft versäumt, auf uns hinzuweisen", erklärt der pensionierte Informatiker. Zudem würden sich viele Opfer - gerade bei Sexualdelikten - schämen und deshalb den Kontakt zum Weissen Ring meiden.Extra

Der Weisse Ring wurde 1976 in Mainz ins Leben gerufen. Zu den Gründungsmitgliedern zählt auch Eduard Zimmermann, ehemaliger Moderator der ZDF-Serie "Aktenzeichen XY...ungelöst". Der gemeinnützige Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten hat mittlerweile rund 55 000 Mitglieder und unterhält bundesweit 420 Anlaufstellen mit 3000 Helfern. Zu den Aufgaben des Weissen Rings gehören neben Beistand und Betreuung auch die Begleitung zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht, die Übernahme von Anwaltskosten oder die Vermittlung von Hilfen anderer Organisationen. Der Verein, der sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert, hat nach eigenen Angaben bislang fast 170 Millionen Euro für Opferhilfe ausgegeben. Opfer können bundesweit unter der einheitlichen Telefonnummer 116006 Kontakt zum Verein aufnehmen. uhe