Das Landleben gibt Eifelkreis-Landrat Joachim Streit Gelassenheit

Interview : Landleben gibt Landrat Streit Gelassenheit

Landrat Joachim Streit ist kein Freund größere Landkreise – und wendet sich deshalb auch gegen die zweite Stufe der Kommunalreform, die das Land Rheinland-Pfalz umsetzen will.

Warum?

Streit: Was dieses Thema angeht, habe ich mich vom Saulus zum Paulus gewandelt. Ich habe das früher auch so gesehen, dass größer gleich besser, also effizienter ist und sich durch solche Fusionen Kosten einsparen lassen. Aber im Grunde haben wir in Rheinland-Pfalz im Vergleich zu anderen Ländern eher geringe Verwaltungskosten. Und was würde man schon sparen? Man hätte keine Straße, keinen Kanal, kein Klärwerk weniger. Wir haben kein Kosten-, sondern ein Strukturproblem.

Wie meinen Sie das?

Streit: Es gibt sehr viele Ebenen. Die Ortsgemeinden, Verbandsgemeinden, Kreise.

Und trotzdem wollen Sie weder größere Kreise noch Fusionen auf Ebene der Verbandsgemeinden.

Streit: Die Verbandsgemeinden haben ja schon jetzt sehr viele Ortsgemeinden zu betreuen. Fusionen bringen die in Urwahl gewählten Kommunalpolitiker weiter weg von den Bürgern. Als Landrat oder Bürgermeister muss man seine Ortsgemeinden kennen. Das geht bei 234 Orten im Eifelkreis, aber das wäre für mich nicht möglich, wenn es 100 mehr wären.

Würde es Sie denn auch nicht persönlich reizen, in einem größeren Kreis auch Einfluss zu gewinnen?

Streit: Ich haben viele Menschen und ihre Karriereabsichten kennengelernt. Man muss sich hüten, wenn Leute aus solchen Fusionen Vorteile für sich persönlich ziehen wollen.

Was schlagen Sie stattdessen vor? Soll einfach alles bleiben, wie es ist?

Streit: Wir müssen uns fragen, was wir tun müssen, damit mehr Menschen hier in unserem Kreis bleiben. Mehr Menschen bedeutet auch, mehr Einnahmen. Durch eine Fusion gehen früher oder später in den Verwaltungen vor Ort Arbeitsplätze verloren und damit auch Menschen, die sich verantwortlich fühlen. Wir sind immer da erfolgreich, wo wir uns verantwortlich fühlen. Auch, wenn wir eigentlich gar nicht verantwortlich sind – wie etwa der Kreis beim Breitbandausbau oder der Entwicklung der Ärztegenossenschaft Medicus.

Die Themen, die die Menschen umtreiben, sind doch oft die gleichen. Ärztliche Versorgung etwa. Ließe das, was Sie für den Eifelkreis angestoßen haben, nicht genauso gut auch in einem größeren Kreis umsetzen?

Streit: Die Frage ist ja auch, ob man dann noch den Blick und die Kraft hat für diese Themen. Vieles entsteht, weil wir noch die Nähe zu den Orten und den Menschen haben. Welche Rolle würde in einem größeren Kreis der Versuch spielen, in Speicher ein genossenschaftliches Gymnasium zu gründen? Ich fürchte, diese Nähe geht verloren, wenn die Einheiten größer werden. Und dann ist es auch eine Frage der Demokratie: Wie weit muss ich als Bürger fahren, um eine öffentliche Sitzung des Kreistags zu erleben.

Das hatten Sie zuletzt ja in Ihrem Gastbeitrag für unsere Zeitung skizziert. Der Zukunfts-Check Dorf des Eifelkreises ist ja eine Initiative, die von der Nähe zwischen Ort und Verwaltung lebt und inzwischen bundesweit als Modellprojekt gilt. Aber kommt dabei am Ende nicht immer das gleiche raus? Alle wollen ihre Ortsmitte schöner gestalten...

Streit: Es gibt auch andere Beispiele. Etwa den Besuchsdienst in Rittersdorf oder den Markt-Treff in Mötsch. Aber e

gal, was beim Zukunfts-Check am Ende für ein Ergebnis steht, der wichtigste Satz, den wir von allen Beteiligten immer wieder hören, ist: So viel wie in den zwei Jahren haben wir in zwei Jahrzehnten davor nicht über die Zukunft unseres Orts gesprochen. Das ist der Erfolg dieser Initiative: Dass Menschen sich in ihren Gemeinden zusammentun, um ihr Dorf zu stärken und zukunftsfähig zu machen.

Sehen Sie die Zukunft von Dörfern bedroht?

Streit: Früher war es selbstverständlich, dass sich die ganze Welt in einem Dorf findet. Es gab Kneipen, Kirchen, Geschäfte, Handwerk. Heute, wo viel Infrastruktur wegbricht, Frauen wie Männer arbeiten und die Kinder in Ganztagseinrichtungen sind, ist Dorfleben keine Selbstverständlichkeit mehr. Zusammenhalt und Leben im Dorf, dafür setzen sich die Menschen beim Dorf-Check ein. Und das ist ein Gewinn. Früher zogen die Jungen weg aus den Dörfern. Heute auch die Alten, denen die Häuser zu groß geworden sind. Dann droht die Kerze Dorf, an zwei Enden zu brennen. Wir brauchen auch Wohnungen für Senioren in den Dörfern, ebenso wie Starter-Wohnungen für Junge.

In Bitburg wird in der Housing über kurz oder lang jede Menge Wohnraum entstehen. Angedacht ist, das Konversionsprojekt im Verbund der kommunalen Familie zu stemmen. Ein Fall für den Zweckverband?

Streit: Wir haben als Zweckverband das Know-How für solche Konversionsprojekte. Und dann macht es auch Sinn, dass wir als Kreis mit dabei sind. Schließlich wollen wir nicht, dass in der Housing etwas entsteht, das dem Kreis schadet. Beispielsweise so viele Wohnungen, dass die Orte ausbluten.

Sie sind Verbandsvorsitzender. Würden Sie das auch bleiben wollen, wenn es um die Konversion der Bitburger Housing geht?

Streit: Ja, auf jeden Fall. Als Landrat und Verbandsvorsitzender sehe ich mich in der Funkition, zwischen den Interessen von Stadt, umliegenden Ortsgemeinden, der Verbandsgemeinde Bitburger Land und dem Kreis zu vermitteln.

Wie könnte so ein Interessensausgleich aussehen?

Streit: Die Verbandsgemeinde Bitburger Land ist seit 20 Jahren Partner im Zweckverband. Ich könnte mir vorstellen, dass der Verband dafür im Gegenzug ein Gebäude- und Leerstandsmanagement für die Verbandsgemeinde übernimmt. Das heißt, der Zweckverband würde nicht mehr erhaltenswerte Gebäude aufkaufen und abreißen lassen und dann die Baustellen vermarkten. Ein andere Idee zum Interessensausgleich könnte zum Beispiel auch so aussehen, dass Investoren, die in der Bitburger Housing Blocks aufkaufen verpflichtet werden, auch in einem Dorf was zu machen – etwa Wohnungen zu bauen, die in den meisten Orten noch Mangelware sind. In der Housing wiederum knnte ich mir auch Werkswohnungen von Firmen vorstellen. Das könnte ein Kriterium im Wettbewerb um junge Fachkräfte und Auszubildende sein.

Hat die Arbeitgebermarke Eifel was gebracht, sich da besser zu positionieren?

Streit: Wir haben hier top Betriebe und die haben wir damit frei nach dem Motto „Qualität ist unsere Natur“ auch mit einer top Marke versehen. Das ist ein langer Prozess. Aber es gewinnt zunehmend an Bedeutung, dass Arbeitgeber für Arbeitnehmer attraktiv sein müssen – nicht nur umgekehrt, wie bisher.

Was spricht denn aus Ihrer Sicht dafür, in ein Dorf in der Eifel zu ziehen oder als junger Mensch hier zu bleiben statt in eine Großstadt zu gehen?

Streit: Für die Menschen von hier ist das Heimat. Wer von auswärts kommt, sollte Mittelgebirgen lieben. Die haben ihren eigenen Charme. Es ist eine andere Art zu leben als in einer Großstadt. Wir haben einen gewissen Wohlstand, der uns vielleicht gar nicht immer so bewusst ist. Die Eigenheim-Quote ist ungleich höher als in Städten. Es gibt diese wunderbare Landschaft und kaum Gewalt, Drogen und andere typisch urbane Probleme. Landleben gibt Gelassenheit. Zwar lebt die Hälfte der Menschen in Städten, aber nicht die intelligente Hälfte.